Düstere Gedanken von Lewis Hamilton: Mercedes rätselt

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Den Fans von Lewis Hamilton sitzt in den Knochen, mit welch düsteren Gedanken sich der fünffache Formel-1-Weltmeister zu Wort gemeldet hat. Auch Mercedes rätselt über den Hilfeschrei des Engländers.

Die Anhänger von Superstar Lewis Hamilton fragen sich: Was nur ist in den Briten gefahren, dass er sich mit solchen Worten auf Instagram gemeldet hat? «Ehrlich, ich hätte gute Lust, alles hinzuschmeissen. Alles herunterzufahren. Warum soll ich mir die Mühe machen, wenn die Welt so eine Schweinerei ist und es den Leuten egal zu sein scheint? Ich brauche einen Moment, um meine Gedanken zu sammeln. Danke an alle, welchen die Welt nicht scheissegal ist.»

Die Posts standen nicht lange online, dann wurden sie entfernt. Aber Mercedes-Benz hat bestätigt – es handelte sich dabei nicht um einen schlechten Scherz eines Hamilton-Gegners, der 82fache GP-Sieger hat sich wirklich den Frust von der Seele geschrieben. Schon fürchten einige GP-Anhänger, mit hinschmeissen könnte der Rennfahrer auch seinen Job meinen. Doch Bradley Lord, Kommunikationsleiter bei Mercedes-Benz Motorsport, sagt gegenüber dem Sportinformationsdienst: «Ich denke, er bezog sich dabei auf Umweltprobleme und nicht auf irgendetwas, das mit Rennsport zu tun hat.»

Dennoch, die Worte geben zu denken, die Hamilton weiss auf schwarzem Grund ins Netz stellte. «Ich habe 32 Jahre gebraucht, um zu verstehen, welche Auswirkung ich auf die Welt habe. Ich versuche jeden Tag herauszufinden, was ich machen kann, um eine bessere Rolle zu spielen. Ich will, dass mein Leben eine Bedeutung hat, und ehrlich gesagt, bislang hatte mein Leben wenig Bedeutung. Ein Teil der Probleme zu sein, das ist nicht bedeutend; Teil der Lösung zu sein hingegen schon. Ich strebe danach, es besser zu machen.»

«Es stimmt mich traurig, wenn ich daran denke, wo diese Welt hinsteuert. Unser Aussterben wird mehr und mehr wahrscheinlich, denn wir plündern unsere Ressourcen. Die Welt ist wirklich ein total kaputter Ort. Führende Politiker sind entweder ungebildet oder ihnen ist die Umwelt einfach schnuppe.»

Dunkle Gedanken hatte Hamilton offenbar schon in Suzuka. Auf die Frage, was er am trainingsfreien Samstag unternehmen werde, wenn sich wegen des Taifuns Hagibis kein Rad drehe, antwortete der Champion: «Ich spiele mit dem Gedanken, in eine Bucht zu fahren, in welcher Delfine abgeschlachtet werden. Es wäre eine gute Gelegenheit, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen.»

Im Oscar-preisgekrönten Dokumentarfilm «The Cove» wurde das vor zehn Jahren schon angeprangert. Die Filmemacher zeigen, wie im japanischen Küstenort Taiji (drei Autostunden von Suzuka entfernt) regelmässig rund 2000 Delfine, hauptsächlich grosse Tümmler, in eine nicht einsehbare Bucht getrieben werden, die durch Zäune, Stacheldraht und Sicherheitspersonal abgeschottet ist. Die schönsten Tiere werden separiert und anschliessend an Delfinarien in aller Welt verkauft. Taiji ist dabei der weltweit grösste Verkäufer von Delfinen an Meeresparks und Delfinarien. Die restlichen Tiere werden getötet. Nach Angaben der Filmemacher werden insgesamt in Japan jedes Jahr 23.000 Delfine getötet.

Auch bei der jüngsten Instragram-Tirade ging Hamilton auf Tiere und Tierhaltung ein: «Ich ermahne euch dringend, ein wenig zu recherchieren. Findet jenes Mitgefühl in euch, von dem ich weiss, dass es da ist. Ihr müsst euch darüber klarwerden, was ihr dazu beitragt, dass die Fleisch- und Milchprodukte-Industrie weiter floriert. Als Konsequenz haben wir Abholzung, Grausamkeit gegenüber Tieren, unsere Meere und unser Klima zerfallen jeden Tag mehr. Werdet vegan, das ist der einzige Weg, um unseren Planeten heute zu retten. Das geht so einfach, ihr müsst euch lediglich dazu entscheiden.»

«Die Landwirtschaft ist derzeit der grösste Umweltverschmutzer, mit mehr als 50 Prozent aller Schadstoffe. Ich bin niedergeschlagen, dass so viele Menschen, auch enge Freunde, einfach ingnorieren, was jeden Tag passiert. Bildung ist der Schlüssel, und uns wurde gesagt, dass Tierprodukte gut für uns seien, aber man hat uns seit Jahrhunderten angelogen.»

Wie sehr Lewis auf der Seele liegt, was mit der Welt passiert, zeigte sich im Sommer 2018. Da sahen wir Hamilton mit angewidertem Gesichtsausdruck auf einer Müllhalde. Der Engländer feuerte auf seinen ganzen sozialen Plattformen aus Twitter, Instagram, Facebook und Snapchat eine Breitseite gegen unser Konsumverhalten ab, denn was der vierfache Formel-1-Champion in dieser stillen Buch gefunden hatte, machte ihn zunächst mal sprachlos. Die Bilder zeigten angeblich einen vermüllten Abschnitt unweit des Ortes Göcek in der türkischen Ägais.

Der von Latexhandschuhen geschützte Hamilton hat damals Videos und Bilder gepostet und erzählte: «Leute, ich möchte, dass ihr euch dessen bewusst seid, was ihr mit dem ganzen Plastik anrichtet, den ihr kauft und dann wegschmeisst. Der landet hier, es ist wirklich eklig. Ich bin an einem der so vielen schönen Orte dieser Erde, und dann sind wir über diese Schweinerei gestolpert. Wir konnten nicht einfach wegschauen, wir mussten etwas machen. Wir alle müssen handeln, wir müssen aufhören, Firmen zu unterstützen, die blind auf ihren Profit fixiert sind – zu Lasten unseres schönen Planeten. Was wir kaufen, das endet an einem solchen verdammten Ort am Meer.»

«Wo immer ihr auf der Welt seid und einkaufen geht – seid euch bewusst darüber, was ihr kauft und wie es eingepackt ist. Benutzt Papiertüten. Kauft nichts von Arschloch-Firmen, die Geld scheffeln und die Welt versiffen. Wir müssen uns anstrengen, wir müssen gewissenhaft sein und streng. Ich will in der Formel 1 und bei Mercedes-Benz bewirken, dass Tausende von Menschen keinen Plastik mehr kaufen und sicherstellen, dass ihr Müll am richtigen Ort landet. Sagt es euren Freunden, erzählt es jedem weiter!»

Die Reaktionen der Fans waren damals zum überwiegenden Teil positiv: Die meisten Formel-1- und Hamilton-Anhänger finden es gut, dass der 33-Jährige seinen Promi-Status dazu benutzt, um auf ein grosses Problem aufmerksam zu machen. Klar gab es auch Kritiker: Sie halten das Vorgehen des Rennfahrers für scheinheilig, vor dem Hintergrund seines Lebensstils und Berufs.

Unvergessen auch die Medienkonferenz im Rahmen des Singapur-GP 2017, welche eine völlig unerwartete Wendung nahm. Ein Kollege aus England wollte damals wissen, ob es stimme, dass sich Lewis inzwischen vegan ernähre, also unter Verzicht tierischer Produkte. Hamilton wurde ernst und gab sehr offen Antwort: «Ich habe vor zwei Jahren aufgehört, rotes Fleisch zu essen. In diesem Jahr habe ich auch kein Huhn mehr gegessen, dann bin ich quasi rückfällig geworden, nun habe ich erneut aufgehört. Fisch war der nächste Schritt. Der Grund für das alles: Ich habe Dokumentationen gesehen, die mich sehr nachdenklich gestimmt haben. Ihr wisst alle, wie sehr ich Tiere liebe. Was wir als menschliche Rasse in der Welt anrichten, ist unfassbar. Es wird gesagt, dass unser Mastvieh mehr Schadstoffe erzeugt als wir alle durch Flügel und Autos produzieren. Das ist doch verrückt.»

«Am meisten jedoch macht mir zu schaffen, mit welcher Grausamkeit Tiere behandelt werden. Das will ich nicht länger unterstützen. Ich will gesünder leben. Bislang habe ich durch die Umstellung nicht den Eindruck, dass ich etwas verpasse oder dass meinem Körper etwas fehlt. Wenn ich an den Rennen bin, ist die Ernährung leicht – Mercedes hat die eigenen Köche hier. Bei mir zuhause wird es etwas schwieriger. Das wird der echte Test.»

«Ich habe viele Menschen getroffen, die sich dazu entschlossen haben, vegan zu leben, auch viele Freunde. Alle wirken kerngesund und fühlen sich besser. Sie sagen: Das war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Sie sind voll positiver Energie, sie sind rank und schlank.»

«Es gibt auch viele Studien, die belegen: Sich vegan zu ernähren, das ist der gesündeste Lebensstil. Wenn du dann in dieser Dokumenation siehst, welch ein Schund für die Fleischherstellung verwendet wird, Lebensmittel, die wir alle täglich zu uns nehmen, dann sage ich – ich kann das nicht länger ignorieren.»

«Ich will nicht in zehn oder fünfzehn Jahren zuckerkrank werden. Ich will nicht am Herzen erkranken, was in meiner Familie vorgenommen ist. Ich will keinen Krebs, was ebenfalls in meiner Familie vorgenommen ist. Wenn jemand unbekümmert weiterleben will und seine Gesundheit riskiert, dann ist das seine eigene Wahl. Ich will das nicht mehr. Ich will etwas ändern, bevor ich krank werde. Vielleicht kann ich sogar den einen oder anderen davon überzeugen, es mir gleich zu tun.»

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