Vettel: «Webber verdiente den Sieg nicht»

Von Mathias Brunner
Formel 1
Sebastian Vette hat viel zu erklären

Sebastian Vette hat viel zu erklären

Ergänzte Version des Interviews! Sebastian Vettel lässt sich nicht in die Rolle des Bösen drängen.
Das war zu erwarten: Nach dem Skandal von Malaysia prasselt herbe Kritik über Formel-1-Champion Sebastian Vettel herein. Lesen Sie hier die Fragen der britischen Kollegen und die Antworten des Deutschen, ganz ohne Filter.

Sebastian, bislang hast du immer als einer der Guten gegolten. Seit Malaysia bist du einer der Bösen. Was hältst du davon?

Ich sehe mich nicht als einen Bösen. Ich finde auch nicht, dass ich etwas ausgesprochen Böses getan habe. Was ich nach dem Rennen dazu sagen wollte, das habe ich in Sepang gesagt. Ich habe mich auch beim Team entschuldigt. Das war mir wichtig. Ich habe auch die Gelegenheit ergriffen und das Team in England besucht und erklärt, wie ich das Ganze sehe.

Helmut Marko wird mit den Worten zitiert, es werde keine Stallorder mehr geben. Wie schwierig ist es da, einen weiteren Titel zu gewinnen?

Ich habe Helmut noch nicht gesehen. Aber das macht keinen Unterschied.

Mark hat gesagt, alles sei in Ordnung, was sein Verhältnis zum Team angehe. Wie würdest du das Verhältnis zu ihm beschreiben, und glaubst du wirklich, du kannst auf ihn zählen, wenn es im Kampf um den Titel darauf ankommt?

Aber ich hatte doch nie Unterstützung. (Vettel spielt möglicherweise auch auf das WM-Finale von Brasilien an, als ihm Webber das Leben nicht unbedingt leicht gemacht hat.) Ich hatte aber immer enormen Rückhalt vom Team. Und ich glaube auch, dass wir beide jeden Rückhalt vom Team bekommen haben. Als Fahrer respektiere ich Mark enorm, aber es gab in der Vergangenheit mehr als eine Gelegenheit, als er dem Team hätte helfen können, und das hat er nicht getan.

Hast du aus diesem Grund die Team-Order ignoriert?

Nein, ich habe ja schon in Malaysia erklärt, wie das passiert ist. Ob ihr mir das glaubt oder nicht, ist eine andere Frage.

Aber du hast eben gesagt, dass Mark dem Team nicht geholfen habe, er hat dir in Brasilien nicht geholfen, als du seine Hilfe dringend gebraucht hättest. War das nun die Gelegenheit, ihm das heimzuzahlen?

Das könnte man indirekt so sagen. Aber wie ich schon in Sepang sagte: Ich finde – ehrlich währt am längsten, aber manchmal ist die Wahrheit vielleicht nicht, was die Menschen hören wollen. Eine Kontroverse ist populärer als die Wahrheit.

Als Racer war ich auf den Sieg fokussiert. Ich erhielt einen Funkspruch, den ich hörte, aber nicht verstanden habe. Ich hätte ihn verstehen sollen. Daher habe ich mich später auch entschuldigt. Mit meiner Aktion habe ich mich über das Team erhoben, auch dafür habe ich mich entschuldigt. Das lag nie in meiner Absicht, ob ihr es nun glaubt oder nicht.

Du hast nach dem Rennen gesagt, du hättest es sauber vermasselt. Aber ich unterstelle dir: Du wusstest haargenau, was du getan hast. Das ist einer der Gründe dafür, dass du Weltmeister bist. Denn du ergreifst Chancen beim Schopf und stichst eben in Lücken. Wozu also sich entschuldigen?

Weil ich als Mitglied eines Teams nicht die Anweisung des Teams missachten wollte. Das war nicht meine Absicht. Meine Absicht war der Sieg. Und fürs Gewinnen entschuldige ich mich auch nicht.

Du hast dich nach dem Rennen bei Mark entschuldigt, aber nun scheinst du dich bei ihm nicht entschuldigen zu wollen. Hast du deine Meinung geändert?

Ich habe das mit Mark an Ort und Stelle geklärt, Angesicht zu Angesicht. Alles, was vorher war, hm, es ist nicht mein Stil, zu den Medien zu rennen und etwas zu erklären. Wenn ich was zu sagen habe, dann sage ich das den Leuten ins Gesicht.

Im ersten Teil des Rennens rückten die Mercedes auf, du schienst hinter Webber festzustecken. Hat dich das auch geärgert?


Geärgert ist das falsche Wort. Ich habe mich über Funk gemeldet und gesagt, ich sei schneller. Das kam falsch herüber. Die Art, wie ich es sagte, hat wohl etwas arrogant gewirkt. Was ich meinte, war – ich habe Druck von hinten. Mark hat dann sofort Tempo aufgenommen. Ich habe auch kein Problem damit zu sagen: Mark war zum Ende dieses Rennsegments der schnellere Mann. Auf ihn aufzulaufen, war nicht sein Fehler.

Sebastian, bist du vom Team bestraft worden dafür, dass du einen Team-Befehl missachtet hast?


(Seb lächelt.) Auf meinem Rücken hat es einige Wunden ...  Nein, aber ich regle diese Dinge lieber untereinander. Ich versuche immer, offen und ehrlich zu sein. Wenn ich also etwas zuzugeben habe, dann mach ich das auch. Einfach ist das nicht. Die Wahrheit ist nicht immer einfach. Wie gesagt – ich wollte siegen, aber ich wollte nicht meine Interessen über jene des Teams stellen.

Ist die Position von Teamchef Christian Horner durch deine Tat kompromittiert?


Das könnte man sagen. Aber ich habe mit allen gesprochen, auch mit ihm. Ich wollte niemanden kompromittieren.

Wie soll das nun mit Mark weitergehen? Ist da noch Vertrauen zueinander?


Ich würde es nicht Vertrauen nennen. Wir haben ein professionelles Arbeitsverhältnis. Es gab einige Gelegenheiten, die früher nicht so gelaufen sind, wie sie hätten laufen sollen. Das hat aber meinen Respekt für ihn als Fahrer nie vermindert.

Hättest du 2014 gerne einen anderen Stallgefährten?


Das zu entscheiden, liegt nicht an mir.

Das vielleicht nicht, aber du hast ja Präferenzen. Und da wäre es vielleicht gescheiter, einen Stallgefährten zu haben, dem du vertrauen kannst.


Ich sehe, wohin das nun führt. Aber ich mag nicht schlecht über andere Menschen reden. Ich will hier nicht Herumjammern.

Aber hättest du den Funkbefehl richtig verstanden, hättest du dann gehorcht? Oder wäre das quasi in der Hitze des Gefechts schwierig gewesen?


Ich war schneller, also konnte ich überholen. Wenn ich aber den Befehl richtig verstanden hätte, dann hätte ich auch darüber nachgedacht. Ich weiss nicht, ob ich auf deine Frage die perfekte Antwort geben kann. Aber wenn ich nachgedacht hätte, dann hätte ich den Konflikt erkannt – als Teamplayer respektiere ich solche Entscheidungen. Aber vielleicht hat es Mark nicht verdient.

Würdest du nochmals gleich handeln?

Wahrscheinlich würde ich das Gleiche machen. Aber eigentlich ändert das Alles nicht viel: Ich komme jeden Morgen gerne ins Fahrerlager, weil ich meinen Job liebe. Die Arbeit mit dem Rennstall, das Fahren, es gibt nichts, was ich lieber täte. Das möchte ich ob der ganze Sache hier nicht vergessen.

Nach dem Rennen hat uns Teamchef Horner erklärt: Er habe keinen Sinn darin gesehen, nach deinem Vergehen nochmals auf den Funk zu kommen. Weil er glaubt, dass du deine Entscheidung getroffen hattest und basta. Ist es nicht so, dass Red Bull Racing inzwischen dein Team ist. Dass also Christian überhaupt nicht mehr die Kontrolle besitzt?

Das ist nicht korrekt.

Aber wenn er dir keinen Befehl geben kann, den du befolgst, dann …

… die Umstände waren halt so. Für mich ist Christian der Boss. Er ist Chef aller Angestellten, und ich bin ein Angestellter. Ob ich nun wichtiger oder weniger wichtig bin als der eine oder andere, das müssen andere entscheiden. Ich bin der Fahrer, nicht mehr.

Aber du hast dich einem direkten Befehl widersetzt. Und du hast dafür null Strafe bekommen, also ...

... einen Moment: ich habe das Wort ergriffen und mich entschuldigt. Und ich habe das auch ehrlich gemeint. Strafe in welchem Sinne denn? Vielleicht lebst du ein wenig in einem Traumland, aber was erwartest du denn, dass in so einer Situation passieren soll? Mach einen Vorschlag!

... (Schweigen)

Noch einmal: ich habe mich vors komplette Team gestellt, also nicht vor die Renntruppe in Malaysia, sondern vor die ganze Belegschaft im Werk von Milton Keynes. Ich habe das ernst und ehrlich gemeint.

Also hättest du die Position zurückgegeben, wenn dich Horner am Funk darum gebeten hätte?

Das habe ich zuvor schon beantwortet.

Tut mir leid, da habe ich wohl gerade nicht zugehört. Hättest du nun gehorcht oder nicht?

Du hattest deine Chance ...

(Anderer Journalist.) Ich habe es wohl auch nicht gehört, tut mir leid.

Nein, das ist keine grosse Sache, ihr stehlt euch selber die Zeit. Ich wollte nicht absichtlich Team-Order ignorieren. Ich hörte (akustisch) den Befehl, aber ich habe ihn nicht verstanden. Und ich hätte ihn verstehen müssen. Dafür habe ich mich entschuldigt. Hätte ich sie richtig verstanden, hätte ich darüber nachgedacht. Und dann hätte ich vermutlich das Gleiche getan, weil das Mark nicht verdient hat.

Aber ist nicht vielmehr die entscheidende Frage nach all dem: Wird dieser Stallkrieg deine Jagd nach dem vierten Titel in Folge beeinträchtigen?

Ich sehe keinen Stallkrieg.

Tut mir leid, ich verstehe das nicht: Du sagst, du hättest den Teambefehl nicht verstanden. Doch Teamchef Horner sagt, die Befehle «multi-12» und «multi-21» – also Auto 1 vor 2 beziehungweise Nummer 2 vor der 1 – gäbe es seit Jahren. Welchen Teil von multi-21 hast du nicht verstanden?


Es war wie gesagt in der Hitze des Gefechts. Man kann mir das abnehmen oder nicht. Ich kann nur sagen, was passiert ist. Ich guckte aufs Lenkrad. Ich würde nicht sagen, ich war verwirrt. Aber wir bekommen eine Menge Befehle über Funk und regulieren am Lenkrad jede Menge Funktionen. Ich hatte eine Anweisung zur Veränderung der Motorkennfelder erhalten. Vielleicht war ich abgelenkt. Es ist wahr, dass es den Befehl schon eine Weile gibt. Ich hätte ihn verstehen müssen, ich verstand ihn nicht.

Du hast vorhin gesagt, Mark habe den Sieg nicht verdient. Warum sagst du das? Wegen der Vergangenheit?

(Seufzt.) Wie gesagt, ich will nicht schlecht über andere reden. Das ist nicht mein Stil. Ich habe schon genug gesagt. Kurz gesagt – ich fuhr ein Rennen, ich war schneller, ich habe ihn überholt, ich habe gewonnen.

Aber war es nicht ganz anders? Hast du Webber nicht deshalb überholt, weil du genau wusstest, dass Alonso aus dem Rennen ist und du weitere sieben Punkte auf ihn herausholen konntest?


... zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht an Alonso.

Aber Fernando ist sehr wahrschenlich dein Hauptrivale um den Titel. Das würde ich über Mark nicht sagen. Ist die Wahrheit nicht, dass du sieben Punkte einfach nicht verschenken wolltest? Du wolltest das Maximum an Punkte. Wieso kannst du das nicht einfach zugeben?

Ich dachte nicht ans Maximum Punkte, ich dachte an den Sieg. Wir haben nun zwei Grands Prix hinter uns. Wir sind drei Mal Weltmeister geworden, ich weiss aus Erfahrung, wieviele Dinge noch passieren können. Einige Dinge werden einem schmecken, andere nicht so. Was Alonso in Malaysia passierte, Frontflügel weg, null Punkte, das kann mir beim nächsten Mal auch blühen. Aber beim zweiten Rennen in der Saison, da denke ich doch nicht an Zahlen! Ich denke doch nicht an WM-Punkte im Kampf um den Titel! Da denke ich nur an den Sieg. Von mir aus kann das einer jetzt ruhig dumm nennen, aber du reagierst eben oft instinktiv. Du hast doch überhaupt nicht die Zeit, in einem Sekundenbruchteil der Entscheidung «soll ich nun in diese Lücke stossen oder doch nicht?» noch an die Punkte zu denken, an den WM-Stand, wie die Meisterschaft verlaufen könnte. Das geht alles einfach nicht. Dazu hast du gar keine Zeit. Du musst das Vertrauen haben, dass du dieses Manöver durchziehst. Wenn du zu zweifeln beginnst, dann geht die Lücke zu und du hast einen Unfall.

Ein Beispiel: Ich war 2012 in Abu Dhabi aus der Boxengasse gestartet, da war ich Letzter. Später beschädigte ich den Frontflügel und war nochmals Letzter! Zum Ende des Rennens war ich Vierter hinter Jenson Button. Der war eine Knacknuss, den sein McLaren war nur einen Hauch langsamer als mein Auto. Jetzt hätte man ja sagen können: Nun, immerhin bin ich vom letzten Rang auf Platz 4 vorgestossen, das muss nun reichen, Fernando ist nur zwei Ränge davor, riskier jetzt nichts mehr. Aber ich wollte unbedingt aufs Siegerpodest! Ich wusste, die WM ist wichtig, aber daran dachte ich nicht, als ich in eine Lücke zu Jenson stiess und mich vorbeipresste ...

Es scheint eine Menge Spannung zwischen dir und Mark zu geben. Wie willst du damit umgehen, wenn du ihn siehst?

Indem ich ihm "Hi" sage, so wie immer, wenn ich ihn sehe. Innerhalb des Teams gibt es nichts, was sich als Stallkrieg bezeichnen liesse.


LESEN SIE IN WENIGEN MINUTEN IN EINER ZWEITEN STORY, WIE DIE DEUTSCHEN JOURNALISTEN NACHHAKTEN.

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