Lauda und Wolff – zwei verrückte Österreicher

Von Mathias Brunner
Formel 1
Niki Lauda und Toto Wolff

Niki Lauda und Toto Wolff

Im Gespräch mit Mercedes-Rennchef Toto Wolff. «Ich bin nicht der grosse Scharfrichter, der 35 Leute feuert.»
Mercedes ist an diesem Tag nur einmal zu langsam – als Rennchef Toto Wolff zu seiner Medienrunde zu spät kommt.

Der lange Toto (Kurzform für Torger) entschuldigt sich zuerst, dann setzt sich der Wiener mit einer überschaubaren Zahl Journalisten zu einer kleinen Runde.

Toto, die Aussagen von Niki Lauda haben schon etwas verwirrt. Man hat den Eindruck, er wolle Stallorder abschaffen, dann erzählt Teamchef Ross Brawn am Freitag, Teamorder werde es immer geben, wenn es die Situation erfordere. Ja was denn nun?

Es ist ganz einfach: Wir wollen unsere Jungs gegeneinander kämpfen sehen. Denn wir betreiben Motorsport nicht für uns selber, sondern für die Fans. Sport und Unterhaltung müssen an erster Stelle stehen. Aber natürlich kann es zu Situationen kommen, in welchen wir von der Boxenmauer eingreifen müssen. Sei dies beispielweise aus einem technischen Grund, wie in Malaysia, als wir Sorgen wegen des Spritverbrauchs hatten. Das ist der eine mögliche Grund fürs Eingreifen. Der andere ergibt erst im weiteren Verlauf der Saison –  wenn ein Pilot in der WM die besseren Chancen hat als der andere. Dann kann es sein, dass wir regulierend eingreifen.

Aber gibt es in diesem Punkt nicht Unstimmigkeiten zwischen Niki und Ross?

Nein. Doch wir sind in einem Geschäft, in dem natürlich jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Jeder weiss, dass Niki sehr direkt sein kann, und wenn man ihm später dann seine Sätze vorlegt, dann merkt er, dass seine Aussage vielleicht nicht perfekt war. Unsere Linie ist klar – Teamorder ist gegen den Sinn des Sports, aber ab und an ist sie eben unvermeidlich.

Wenn wir die Rundenzeiten vom Freitag heranziehen, wie zuversichtlich warst du da, dass heute die Pole errungen werden kann?

Am Freitagmorgen waren wir auf harten Reifen und einer noch nicht eingefahrenen Bahn sehr gut unterwegs. Mit den weichen Walzen lief es weniger gut. Das Feld rückte zusammen. Aber zuversichtlich für die Pole war ich nie, weil du dir nie sicher sein kannst, welche Asse die anderen noch im Ärmel haben. Das Gleiche gilt auch fürs Rennen: Klar könnten wir sagen, wir sind zuversichtlich. Aber alles wird vom Reifen-Management und der richtigen Strategie abhängen. Wohin das dann führt, weiss keiner. Wer hätte schon erwartet, dass Adrian Sutil in Australien ein Rennen anführt? Und dann wurden ihm die weicheren Walzen aufgeschnallt und er fiel zurück.

Mercedes ist stärker als 2012. Aber wie stark sind die Silberpfeile wirklich?

Das ist für mich ganz schwierig einzuschätzen. 2012 stand ich bei Williams an der Box, in Sachen Mercedes war ich Zuschauer. Und alles, was wir nun am Wagen sehen, geht auf Entscheidungen zurück, die letztes Jahr getroffen wurden. Wir waren auch zu Beginn der Saison 2012 nicht so schlecht. Aber dann wurden einige Weichen gestellt, von welchen wir wussten, dass sie uns in der zweiten Saisonhälfte 2012 schaden, für die Zukunft aber nützen, wie etwas die Re-Kalibrierung des Windkanals oder personelle Umstellungen. Man kann die Situation eigentlich nicht miteinander vergleichen. Ausschlaggebend für eine gute Saison 2013 sind: hohe Schlagzahl in Sachen Entwicklung und kluges Reifen-Management.

Kann das Niveau nun gehalten werden?

Nun, es gibt wie erwähnt rationale Erklärungen dafür, wieso wir in der zweiten Saisonhälfte 2012 schwächelten. Ja, ich bin zuversichtlich. Aber wie sich das genau entwickelt, kann noch keiner sagen.

Du bist noch immer Teilhaber von Williams. Wie geht das weiter?

Ich habe bei Mercedes gesagt, dass ich mich darum kümmern werde, weil es sich hier ganz offensichtlich um einen Interessens-Konflikt handelt. Selbst wenn es im operativen Geschäft kein Konflikt ist, sieht das einfach nicht gut aus. Aber ich bin es Frank Williams, seiner Familie und dem ganzen Team dort schuldig, dass ich mit meinen Anteilen verantwortungsvoll umgehe. Man kann solche Anteile nicht einfach dem Erstbesten verscherbeln. Es gilt sorgsam abzuwägen, wer diese Anteile übernehmen soll. Einen passenden Partner zu finden, ist nicht einfach. Ich kümmere mich darum, stehe gleichzeitig aber nicht unter Druck, das möglichst schnell abzuwickeln.

Du hast nach deiner Einstellung gesagt – gut, ich schau mir jetzt im englischen Werk mal an, wie das alles dort so läuft. Dann entscheide ich in Ruhe darüber, ob weitere Veränderungen vonnöten sind. Wo stehst du innerhalb dieses Prozesses?

Die Umstellungen haben längst begonnen. Dabei handelt es sich um viele Dinge, die man hier auf dem Rennplatz nicht erkennt. Es ging eher darum, die Strukturen und die Kommunikation darin zu beleuchten. Diese zu verbessern und die Verantwortlichkeiten sinnvoller zu verteilen, das ist ein laufender Prozess. Ich muss das ganze Bild verstehen lernen, das geht nicht in drei Monaten. Ich bin aber auch nicht der grosse Scharfrichter. Ich meine, da sind Geschichten erschienen – der Wolff werde nach dem Bahrain-GP 35 Leute feuern. Das ist doch lächerlich! Wir haben ausserordentlich intelligente Leute in Brackley. Es geht nur darum, die Struktur so zu verändern, dass die sich ideal entfalten können.

Aber viele finden, dieser Rennstall habe keine Identität, weil es so viele Besitzerwechsel gab. Gleichzeitig hast du gesagt, die Belegschaft müsse Stolz spüren, Teil von Mercedes zu sein. Wo steht man da?

Die Geschichte des Teams ist schon turbulent – British Amerian Racing, dann Honda, dann balancierte der Rennstall am Abgrund, auf einmal stand Ross Brawn als der grosse Retter da und das Team wurde mit Jenson Button Weltmeister, ein unfassbares Auf und Ab! Dann gute Nachrichten: Mercedes übernimmt das Team. Dann wieder nicht so gute Nachrichten: Das Budget ist nicht so hoch wie erwartet. Dann viele Personalwechsel. Und am Ende kommen auch noch zwei verrückte Österreicher an Bord. (Beginnt zu lachen.) Vielleicht könnt ihr ja das «verrückt» weglassen! Hm, oder sagen wir – der eine ist verrückt, der andere nicht. (Lacht noch mehr.)

Generell ist das Betreiben eines Rennstalls natürlich ein ganz anderes Paar Schuhe als eine multinationale Firma zu führen. Allein die Entscheidungs-Prozesse sind komplett anders. Mercedes wollte nicht einfach einen neuen Chef nach England setzen. Wir wollten ein Zeichen setzen. Das Zeichen ist: Chef ist einer, der sein eigenes Geld risikiert, einer, dem man vertrauen kann. Und aufgrund der Zusammenarbeit mit HWA kam eben die Anfrage von Mercedes an mich.

Aber fühlen sich die Menschen in Brackley nun wirklich als Mercedes-Leute?

Nein – noch nicht. Das ist ein langer Prozess. Du kannst die Menschen nicht durch Worte überzeugen, nur durch Taten. Ross und ich investieren viel Zeit darin, mit den Mitarbeitern zu reden. Die Menschen sollen uns als Einheit erleben, nicht nur als Werk in Brackley, sondern als Einheit auch mit dem Motorenwerk sowie dem Mutterhaus in Stuttgart. Das ist alles Mercedes.

Derzeit läuft es gut. Was bedeutet das für die Zukunft von Teamchef Ross Brawn?

Ross sagt immer – Leistung ist Macht. Man wird an seinem Erfolg gemessen. Selbst als die Medien rauf und runter lief, dass Paddy Lowe zu Mercedes komme, wollten wir das Management rational und pro-aktiv angehen. Derzeit läuft es gut. Das Engagement von Lowe bedeutet nicht gezwungenermassen, dass uns Ross verlassen wird.

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