Pleitewelle: FIA, Teams, FOM – alle gucken nur zu

Von Mathias Brunner
Sir Richard Branson, als Marussia noch Virgin Racing hiess

Sir Richard Branson, als Marussia noch Virgin Racing hiess

Drei neue Rennställe stiegen 2010 in die Formel 1 ein, keiner von ihnen ist am kommenden Sonntag in Austin am Start. Die Formel 1 ist in die Krise gerast, und alle schauen nur zu.

Die Pleiten von Caterham und Marussia sowie die grossen Finanzprobleme weiterer Rennställe wie Sauber – das ist typisch Formel 1: Probleme sind allen bekannt, aber da jedem das eigene Hemd am nächsten ist, wird nicht zum Wohle des Sports gedacht und gehandelt. Gute Ansätze werden abgewürgt. Einer dieser Ansätze war die Einführung eines Kostendeckels. Die drei Rennställe Caterham (damals als Lotus Racing), Marussia (damals Virgin Racing) und das Hispania Racing Team (HRT) stiegen auf die Saison 2010 hin in den GP-Rennsport ein; mit dem Versprechen des damaligen FIA-Präsidenten Max Mosley, dass es eine Budgetobergrenze geben würde. Aber die kam leider nie.

Der Lack der Formel 1 blättert an allen Ecken und Enden, aber gegen aussen wird noch immer so getan, als lebe man im Schlaraffenland. Wahr ist daran nur der mittlere Teil, mit den Affen. Die Sponsormisere der letzten Jahre beweist deutlich, dass die Marketing-Strategen im GP-Rennsport wirtschaftliche Probleme nicht mehr schönreden können.

Der Fisch stinkt vom Kopfe, auch in der Formel 1. In der Pflicht stehen der Präsident des Autoverbands FIA sowie Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, zu sehr auf die politische Karriere oder aufs Anhäufen von noch mehr Geld zu achten. Was kümmert es da schon, wenn ein paar Teams auf der Strecke bleiben? Aber die Denke “Wer in der Formel 1 nicht überlebt, gehört eben gar nicht erst dorthin“ ist verfehlt – denn damit wird nur von den wahren Problemen abgelenkt.

Die beiden FIA-Chefs Max Mosley und Nachfolger Jean Todt haben es nicht geschafft, den Sport kostengünstiger zu gestalten. Ganz im Gegenteil: um die Modefarbe Grün in die Technikauslage zu stellen und neue Hersteller anzulocken, ist eine jahrelang bewährte Saugmotortechnik über Bord geworfen und durch ein sündhaft teures Hybridsystem ersetzt worden, teilweise auf erheblichen Druck der Autohersteller, die mehr Serienrelevanz beweisen wollten. Von den vielen angekündigten Firmen hat bislang nur Honda den Köder geschluckt. Der Autoverband hat es versäumt, den Motorenherstellern Einhalt zu gebieten, einen erheblichen Teil der Kosten auf die Kunden abzuwälzen.

Wir bräuchten ein Reglement, in welchem auch finanziell weniger potente Rennställe eine echte Chance haben. Aber bei all dem steht sich die Formel 1 mit ihrer Entscheidungsfindung und dem Egoismums der Beteiligten selber im Weg.

Die Rennställe müssten von den Rechtehaltern mehr Geld bekommen, und dieses Geld müsste gerechter verteilt werden. Davon sind wir weit entfernt.

Die Überlegung «Lieber acht Teams à drei Autos statt zwölf mit zwei Rennwagen» ist verhängnisvoll. Nicht nur, dass nicht jedes dieser acht Teams überhaupt in der Lage ist, drei Fahrzeuge zu bauen und einzusetzen. Schon gar nicht in nur einem halben Jahr.

Die Logik «Im dritten Auto sitzt dann Bezahlfahrer» ist im Kern faul: Wenn die Rennställe jetzt schon keine Geldgeber finden, wieso sollen sie das für ein drittes Fahrzeug schaffen?

Die reglementarische Seite der Drei-Auto-Idee ist undurchdacht: Ein drittes Auto soll also keine WM-Punkte einfahren dürfen oder nur halbe. Es kann aber sehr wohl einem Sieg- oder WM-Anwärter in die Kiste rumpeln und den aus dem Grand Prix kegeln. Oder gilt das dann auch nur halb?

Zudem: Wenn dritte Autos von Mercedes, Red Bull Racing, Ferrari oder McLaren den Sauber dieser Welt auf der Nase herumtanzen, finden die erst recht keine Sponsoren mehr – weil sie auch diesen Rennern hinterher fahren. Dann können wir die Monate zählen, bis die nächsten Teams wegsterben.

Was ist bei der Krankschrumpfung die nächste Frage? Lieber sechs Teams mit vier Autos? Konsequent zu Ende gedacht enden wir in der Sackgasse einer Einheitsformel, und das hat dann endgültig nichts mehr mit der Formel 1 zu tun. Wohin das alles führt, haben USAC, CART und IndyCar in aller Hässlichkeit vorgemacht. Ein Feld aus lauter Dallara-Chassis, das ist nur noch ein Schatten der glorreichen CART-Tage Ende der 80er und anfangs der 90er Jahre.

Und bitteschön: Wie soll ein Rennstall wie Force India oder Lotus die Motoren fürs dritte Autos finanzieren, wenn sie schon mit dem Triebwerkskontingent für zwei Renner finanziell überfordert sind?

Wir brauchen nicht weniger Teams, sondern mehr! Und wir brauchen für diese Rennställe ein System mit niedrigeren Kosten und mehr Einkommen. Es muss doch möglich sein, als neues Team einzusteigen und mittelfristig Erfolg zu haben. Die Beispiele Caterham, Marussia und HRT haben gezeigt – so geht es nicht. Ob Gene Haas es schon bereut, dass er 2016 mitmachen will?

FIA-Chef Jean Todt hat erklärt, die Einführung eines Kostendeckels sei am Widerstand der grossen Teams gescheitert. Pardon, aber dann haben die grossen Teams entweder zu viel Macht oder die FIA zu wenig.

Seit Jahren warnen die Mittelfeldrennställe davor, dass die Kosten aus dem Ruder laufen, und man kann nicht immer die Schuld einfach ihnen in die Schuhe schieben mit dem Argument – die wüssten halt nicht, wie man klug wirtschaftet. Natürlich sind bei Caterham und Marussia Fehler gemacht worden, aber für den grössten Nachteil können sie nichts: sie erhalten weniger Geld als ein Top-Team aus den Einnahmen des Formel-1-Sports, damit sind sie zum Vornherein im Hintertreffen.

Derzeit kommt alles zusammen: Wirtschaftlich dornige Zeiten, mehr Kosten (Stichwort V6-Motoren), Top-Teams, denen nicht auf die Finger geklopft wird, fallender Reiz der Königsklasse ohne sichtbare klare Strategie, wohin sich der Sport eigentlich bewegen soll, um wieder mehr junge Menschen zu faszinieren.

Ein Durchschnittsrennstall muss pro Jahr 120 Mio Dollar budgetieren, rund ein Viertel davon geht für die Antriebseinheit drauf, rund ein Sechstel für aerodynamische Forschung (Strömungsberechnungen und Windkanalarbeit), bei diesen zwei Punkten gilt es Hebel anzusetzen.

Und wo ist eigentlich Plan B von FIA und FOM, falls Renault und Mercedes mal keine Lust mehr auf Formel 1 haben?

Caterham und Marussia sind insolvent, niemand weiss, ob wir sie 2014 oder 2015 nochmals am Start sehen werden. Der Sport erzeugt Einnahmen in Höhe von 1,8 Mia Dollar, und doch schafft es die Formel 1 nicht, dass elf Rennställe am Leben bleiben, um zwanzig Grands Prix zu bestreiten.

Ich erkenne weder von den Rechtehaltern am Sport (CVC Capital) noch vom Formel-1-Promoter noch vom Autoverband irgend welche Anzeichen von Einsicht, dass mit der Formel 1 fundamental etwas im Argen liegt und dass jetzt endlich gehandelt werden muss.

Und so lange wird das Team-Sterben weitergehen.

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