Max Verstappen exklusiv: «Reden mit Kimi ist unnötig»

Von Mathias Brunner
Formel 1
Max Verstappen

Max Verstappen

​Im Gespräch mit dem Aufsteiger 2016: Spanien-GP-Sieger Max Verstappen über seine Qualitäten als Angreifer, den Umgang mit Daniel Ricciardo und den eigenen Erfolgsfahrplan.
Sag Max, was hat dich beim Wechsel von Toro Rosso zu RBR eigentlich am meisten erstaunt?

Es war ein Schritt nach oben aus vielen Perspektiven. Red Bull Racing ist in der Lage, Rennen und Titel zu gewinnen, wir sprechen punkto Professionalität von einem anderen Niveau, was die Vorbereitung neuer Bauteile angeht, was die Abläufe an einem Rennwochenende betrifft. Ich war wirklich tief beeindruckt.

In welchen Bereichen ist das Auto von Red Bull jenem von Toro Rosso überlegen?

In ganz langsamen und in ganz schnellen Kurven, weil das Auto von Red Bull Racing viel Abtrieb erzeugt.

Wie schätzt du deine Leistung in der ersten Saisonhälfte 2016 ein?

Ich glaube, dass ich ziemlich gut gefahren bin. Ich kann mich wirklich über wenig beklagen. Ich meine, ich durfte in Spanien einen Grand Prix gewinnen. Ich bin noch immer der einzige Nicht-Mercedes-Fahrer, dem das 2016 gelungen ist. Ich durfte ein paar Mal zusätzlich auf dem Podest stehen. Ich konnte den Mercedes hin und wieder ein wenig einheizen, wie zu Beginn des Rennens von Silverstone. Klar gibt es ständig Raum für Verbesserung, aber alles in allem läuft es besser als erwartet.

Bedeutet es dir etwas, der jüngste GP-Sieger zu sein?

Das Alter spielt für mich keine so grosse Rolle. Mir ist wichtiger, das mir ein Sieg gelungen ist, den ich so früh nicht erwartet hätte. Es waren einfach ganz besondere Umstände: Das Team wechseln, sich an alles gewöhnen, und dann mit Red Bull Racing auf Anhieb gleich der erste Sieg im ersten Grand Prix – das hat für mich grösseres Gewicht als die statistische Fussnote, der jüngste Sieger zu sein.

Du giltst als einer der besten Angreifer im Feld, der Meinung sind viele Fachleute im Fahrerlager. Welche Faktoren sind dabei wichtig – Bauchgefühl, also Instinkt? Videostudium der Gegner? Besichtigung der jeweiligen Strecke?

Es ist vor allem Bauchgefühl. Ich lege mir die Gegner im Rennen zurecht. Will heissen: Ich folge ihnen und versuche herauszufinden, wo ihre Schwächen liegen. Es ist eine Instinktsache, aber es fällt mir schwer, das exakt in Worte zu kleiden. Du merkst einfach in einer ganz bestimmten Rennsituation, was möglich ist und dann attackierst du. Ich habe also keine Akte im Kopf über einen bestimmten Piloten und sein Zweikampfverhalten, sondern ich agiere und reagiere darauf, was auf der Bahn passiert. Klar könnte ich Videomaterial studieren, aber es ist ja nicht gesagt, dass ein Pilot in der nächsten Situation wieder gleich reagiert. Ein Torhüter taucht beim Elfmeter ja auch nicht immer in die gleiche Ecke.

Hast du dich nach dem harten Kampf in Ungarn mit Kimi Räikkönen unterhalten?

Nein, denn das war aus meiner Sicht unnötig. Ich bin Fünfter geworden, wir haben gute Punkte geholt. Ich finde, ich habe nichts Falsches getan, die Rennkommissare waren ganz offenbar meiner Meinung. Ich habe nur einmal die Linie gewechselt, und ich habe das weit genug vor meinem Gegner getan. Ich bin happy mit meinem Verhalten. Ich meine, wir fahren hier ein Rennen, ich bin nicht engagiert worden, um einen gemütlichen Sonntagsausflug zu machen oder die Gegner nett vorbeizuwinken. Jeder weiss, wie schwierig es ist, auf dem Hungaroring zu überholen. Ich kam nach dem ersten Reifenwechsel auch nicht an meinen Gegnern vorbei.

Welches ist dein bestes Überholmanöver 2016 und wieso?

Das war in Silverstone gegen Nico. Erstens, weil es so schwierig ist, einen Mercedes zu überholen. Zweitens, weil die Sicht so schlecht war. Im Fernsehen ist die Gischt gut zu erkennen, aber die Fans haben wenig Ahnung davon, wieviel wir davon im Auto abbekommen. In der Linkskurve vor dem Angriff war ich so dicht dran, dass ich nicht sehen konnte, wo genau ich fuhr, ein paar Sekunden lang. Aber ich musste das wagen, um eine perfekte Linie in der folgenden Passage zu erhalten. Es war eng, aber es hat geklappt, ein schönes Gefühl.

Wie würdest du den Umgang mit Daniel Ricciardo beschreiben?

Gut, nein, sehr gut. Wir treiben einander an, wir bringen das Team vorwärts, wir respektieren uns, das ist alles sehr positiv.

Hast sich das Verhältnis mit dem Sieg geändert?

Darauf habe ich nicht achtgegeben. Wenn du neu in ein Team kommst, dann versuchst du, auch wenn das immer ein wenig doof klingt, eine Bindung zum Stallgefährten zu finden. Das ist mit Daniel sehr einfach, weil er ein grundentspannter Typ ist. Ricciardo ist sehr offen, ich bin ähnlich. Es hat natürlich auch geholfen, dass ich ihn als Teil der Red-Bull-Familie schon vorher gekannt habe. Es ist nicht schwierig, mit Daniel auszukommen.

Du hast vor der Saison gesagt, du willst in diesem Jahr 100 WM-Punkte holen. Natürlich haben sich die Ziele mit dem Wechsel zu RBR geändert. Was ist das Ziel für die zweite Saisonhälfte?

Das ist nicht einfach in Punkte zu fassen. Lass es mich so sagen: Ich will konstant gute Leistungen zeigen und auf vorderen Rängen ins Ziel kommen. Wir wollen in der WM an Ferrari vorbei. Das ist derzeit das grosse Ziel.

Dein Vater Jos hat dich zu Beginn der GP-Karriere bei Toro Rosso immer begleitet, heute sehen wir ihn eher selten. Warum ist das so?

Weil ich mich inzwischen gut in der Formel 1 eingelebt habe, alles läuft in die richtige Richtung. Wenn du so willst, hat er seinen Job getan, mich in die Formel 1 zu bringen. Ich muss nun meinen eigenen Weg finden. Wenn er Rennen zuhause sieht, dann erkennt er zudem andere Perspektiven als an der GP-Strecke. Das kann auch helfen. Wir tauschen uns ja weiterhin aus.

Im Winter haben wir uns über Spielraum für Verbesserungen unterhalten. Du hast damals gesagt: „Ich muss mehr Erfahrung um Umgang mit den Reifen sammeln.“ Wo liegen heute die grössten Bereiche, wo du noch zulegen kannst?

Ich glaube, dass ich in Sachen Reifenmanagement in den letzten Rennen ganz gut unterwegs gewesen bin. Ich konnte gemessen an meinen Gegnern recht lange mit dem gleichen Reifensatz fahren und dennoch den Speed halten. Es gibt keinen einzelnen grossen Bereich mehr, in dem ich mich verbessern müsste. Heute sehe ich Verbesserungsbereiche eigentlich überall, aber eben nur in Details. Ich versuche, Probleme früher zu erkennen und schneller zu lösen.

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