Lukas Trautmann: Hilfeschrei eines gesperrten Talents

Von Günther Wiesinger
Lukas Trautmann: «Wenn man alles verloren hat...»

Lukas Trautmann: «Wenn man alles verloren hat...»

Der Österreicher Lukas Trautmann ist nach unzähligen Rückschlägen mental am Ende. Er fühlt sich allein gelassen, die FIM hat ihn gesperrt, er wirkt entmutigt und denkt beim Bundesheer über das Aufhören nach.

Der österreichische Motorradrennfahrer Lukas Trautmann verlor im Frühjahr drei lukrative Deals für die Rennsaison 2017.

Über die Ursachen wurde gerätselt.

Haben diese Rückschläge den talentierten Salzburger aus der Bahn geworfen? Lassen sich die Scherben dieser hindernisreichen Karriere noch kitten?

In den letzten Tagen ist durchgesickert, dass Lukas Trautmann wegen merkwürdiger Vorkommnisse im Rahmen des 8h-Rennens in Oschersleben im Mai 2017 die FIM-Lizenz verloren hat. Es gab zuletzt Mutmaßungen und den Verdacht, der schnelle Österreicher habe gegen das Suchtmittelgesetz verstoßen. Aber bisher liegt kein positiver Drogentest vor.

In diesem Zusammenhang wurden widersprüchliche Aussagen aufgetischt.

Vor wenigen Tagen wurden nationale Föderationen und Veranstalter von der Austrian Motorsport Federation (vormals OSK) davon in Kenntnis gesetzt, dass nach Mitteilung der «Fédération Internationale de Motocyclisme» (FIM) vom 10. Juli der Fahrer Lukas Trautmann bis auf Weiteres für alle nationalen und internationalen Wettbewerbe suspendiert ist. Der genaue Grund des Lizenzentzuges wurde nicht bekanntgegeben.

SPEEDWEEK.com fragte beim Motorradweltverband FIM nach.
«Es existiert keine FIM-Sanktion betreffend Lukas Trautmann. Deshalb schlage ich vor, die nationale Föderation zu kontaktieren.»

Das war die Antwort auf unsere Nachfrage, sie kam von Isabelle Larivière, Communication Department Managerin bei der FIM (Fédération Internationale de Motocyclisme).

Mysteriös.

Was ist da vorgefallen?

SPEEDWEEK.com hat sich ausführlich mit Lukas Trautmann unterhalten und ihm Gelegenheit gegeben, seine Sicht der Dinge zu schildern.

Für das Team Van Zon-Remeha-BMW sollte Lukas Trautmann dieses Jahr die IDM Superbike gewinnen. Dazu war geplant, dass er für die französische Mannschaft Tecmas BMW das 24-Stunden-Rennen in Le Mans und den Bol d’Or in Le Castellet fahren wird.

Ausserdem war vorgesehen, dass der 21-jährige Salzburger beim polnischen BMW-Werksteam LRP Poland andockt und den Endurance-Weltcup (WCE) bestreitet.

Aber der aus Plainfeld in der Nähe des Salzburgrings kommende Rennfahrer wurde überall ausgebootet. «Nach der Saison 2016 habe ich gedacht, ich muss einen Seitenwechsel machen, sprich: von Yamaha zu BMW gehen, weil es bei Yamaha nicht zufriedenstellend gelaufen ist», schildert ein verbitterter Trautmann. «Ich brauch' ein gutes Umfeld. Und das Umfeld bei BMW war wahnsinnig gut. Wir hatten ja die Pirelli-Tests in Portugal. Da habe ich alle Gegner um eine Sekunde distanziert. Und dann durfte ich nicht einmal ein Rennen fahren. Und Reiterberger kriegt meinen Platz, darf wieder auf seiner BMW rumfahren und lässt sich feiern.»

Immerhin hatte «Luky» im Vorjahr den Endurance-Weltcup gewonnen und die IDM-Superbike auf dem tadellosen vierten Platz beendet.

Mit einem Sieg im 24-Stunden-Rennen von Le Mans, einem vierten Platz im 12-Stunden-Rennen in Portimao und einem weiteren Sieg in der Superstock-Klasse der Endurance-Weltmeisterschaft eroberte das 3ART Yam’Avenue Team 2016 mit Lukas Trautmann, Louis Bulle und Alex Plancassagne den Weltmeistertitel in der Motorsport Arena Oschersleben.??

Auch im deutschen Yamaha R6 Dunlop-Cup tat sich Trautmann 2014 hervor. Als einziger Fahrer in der 40-jährigen Geschichte gewann er sämtliche Cup-Läufe. Dazu hinterliess er 2015 in der Superstock-1000-EM als Gaststarter 2015 einen hervorragenden Eindruck. 2016 gewann «Luky» zudem den FIM Endurance World Cup und beendete die IDM Superbike auf Gesamtrang 4.

Lukas, bisher sind bei dieser Affäre in erster Linie Funktionäre zu Wort gekommen. Von dir war bisher nichts zu hören.

SPEEDWEEK.com hat heftige Vorwürfe über mich verbreitet. Das geht Richtung Rufschädigung. Irgendwann ist die Pressefreiheit überschritten.

Anscheinend sagt hier irgendwer die Unwahrheit. Beim österreichischen Verband heißt es, die Sanktionen gehen von der FIM aus. Die FIM schreibt: «Wir haben keine Sanktion verhängt. Bitte beim nationalen Verband nachfragen.» Was stimmt jetzt? Wer hat dich gesperrt?

Wenn die FIM auf den nationalen Verband verweist, dann ist es der nationale Verband... Ich habe mit diesen ganzen Funktionären nichts zu tun.

Ich habe genau mit drei Leuten bei der OSK etwas zu tun.

Ja, aber du bist suspendiert worden. Du wolltest dann zuerst anscheinend nicht mit Journalisten sprechen.

Ja, ich habe in dieser Situation nicht Zeit gehabt, mit Journalisten zu reden. Ich habe nicht erwartet, dass dann so ein Wirbel veranstaltet wird.

Was da geschrieben wurde, kann man nie veröffentlichen. Da kriege ich nie mehr Arbeitsplätze, gar nichts.

Für dich sind im Winter drei Deals zerplatzt, über die Ursache herrschte Rätselraten. Was ist da alles passiert?

Ich war vor der Saison 2017 körperlich und geistig erstmals in einer Situation, wo ich gewusst, habe, wenn ich nicht gewinne, wenn ich nur Zweiter werde, lasse ich es künftig bleiben.

Aber wenn einem Fahrer so übel mitgespielt wird wie von BMW...

Wenn der Reiti aus der WM weggeht und dann meinen IDM-Platz kriegt, wenn in der EWC dann nur noch Franzosen fahren – das geht gar nicht.

Ich habe mich perfekt vorbereitet und mein ganzes Geld investiert, um in meiner Karriere weiterzukommen. Wenn ich dann nicht einmal ein Rennen fahren darf, wenn ich dann nicht einmal an den 24h von Le Mans teilnehmen darf, was mir zustand, wenn mir das Team dann eine Vertragsauflösung schickt, wo ich nicht einmal die 50.000 Euro zurückbekomme, die ich investiert habe, dann hört sich der Spaß auf.

Das Team muss ja eine Begründung für die Vertragsauflösung gegeben haben?

Ja, sie haben mir vorgeworfen, ich hätte Drogen genommen und dies und jenes. Dann habe ich Drogentests und alles gemacht. Ich habe immer alle Vereinbarungen perfekt eingehalten. Trotzdem haben sie mich nicht fahren lassen. Ohne Begründung. Das ist ein Vertragsbruch von Seiten des Teams.

Ich habe keine Millionen im Hintergrund. Ich bin 2017 das erste Jahr Motorradprofi. Aber das Team zahlt mir die 50.000 Euro nicht zurück. Das kommt Geld von Partnern in Österreich. Am Schluss verliere ich dadurch bis zu 150.000.-

Das ist eine unmögliche Situation.

Luky, ich habe noch nie einen Drogentest absolvieren müssen. Das Team muss also Verdachtsmomente gehabt haben?

Ich habe mit den Leuten im Team im vornherein geredet. Ich weiß genau, welche Motoren bei den Werksteams drin sind, da ist alles anders. Mein Team dachte, es funktioniert alles gleich wie bei einem Stock-Motorrad in der Französischen Meisterschaft. Ich habe ihnen gesagt: «Gebt weniger Öl rein, sonst geht der Motor kaputt.» Sie haben den Vorschlag nicht befolgt. Nach 20 Minuten war der BMW-Motor hin.

Wenn ich meinen Vertrag verliere, weil ich meinen Mund aufgemacht habe, wobei es ja um meine Gesundheit geht und um die Gesundheit meiner Mitfahrer... Wenn du wegen einem Motorschaden auf der Geraden stürzt und dann etwas passiert, wenn dadurch irgendwelche Leute verletzt sind, so ist das für einen Profi wie mich unverantwortlich.

Aber wenn sich ein Fahrer über die Technik beschwert, wird doch normal vom Team kein Drogentest verlangt.

Ja, sicher habe ich einen gemacht, wenn die sagen: Mach' einen, dann mach' ich einen. Ich habe ihnen alles geschickt. Der Test war negativ.

Trotzdem hat es drei Tage vor Le Mans geheißen, ich darf nicht fahren. Meine körperliche Vorbereitung für 2017 war auf GP-Level. Und dann durfte ich kein einziges Rennen fahren.

Der Entzug der FIM-Lizenz passiert ja auch nicht wegen eines Schabernacks. Es muss etwas Gravierendes vorgefallen sein beim 8h-Rennen in Oschersleben?

Dieser Lizenzentzug basiert nur auf den Aussagen fremder Leute. Ich wurde nie zu einem Psychologen geschickt. Und der Rennarzt kann sowieso kein psychologisches Gutachten abgeben.

Trotzdem ist die Lizenz weg. Weil alle Leute sagen, dass es mir so schlecht geht.

Aber kein Wunder. Wenn du deine Familie verlierst, kenne ich keinen, dem es dabei gut geht.

Was verstehst du unter «Familie verlieren»?

Wenn der Vater weg ist und ich alles machen muss für den Rest der Familie, wenn ich alles ausbaden muss, wenn ich dazu noch Geld verdienen muss, kann ich gar nimmer schlafen.

Mein Vater kann ja sein, wie er will, aber wenn der einmal nicht mehr da ist, wenn du ganz allein bist und niemand mehr zum Reden hast, so eine Situation willst du nicht.

Dein Papa Andreas, der deine Karriere mit viel Geld angeschoben und jahrelang gefördert hat, ist immer noch in Haft?

Keine Ahnung. Ich weiß gar nichts. Ja, er hat Geld investiert, sicher. Irgendwo leben ja die Eltern den Traum, dass die Kinder Karriere machen...

Was mein Vater jetzt tut, ist mir eigentlich scheißegal. Das war schon in den letzten fünf, sechs Jahren so. Ich bin eigentlich ein selbständiger Mensch.

Aber ich finde es merkwürdig, wenn auf einer Motorsport-Website über private Angelegenheiten von meinem Vater berichtet wird. Das ist ja kein People-Magazin. SPEEDWEEK.com sollte ein sachliches Forum über das Rennfahren bleiben, mit ein paar Hintergründen.

Zum Glück bin ich jetzt beim Bundesheer in Klagenfurt, in der Khevenhüller-Kaserne. Denn als Profisportler kommen im Moment keine anderen Möglichkeiten für mich in Frage. Es fehlen auch die körperlichen Voraussetzungen. In der letzten Nacht habe ich zum Beispiel überhaupt nicht geschlafen, weil ich mich so aufgeregt habe.

Dann hat meine Mutter angerufen....

Welches Verhältnis hast du zu deiner Mutter?

Ja, top. Ich liebe meine Mutter über alles. Sie ist das Einzige, was ich noch habe.

Aber du hast erwähnt, du hättest deine ganze Familie verloren?

Ja, für mich... Wenn ich meinen Sport verliere, meine Rennfahrerfamilie, mit der ich jahrelang unterwegs war. Das ist für mich Familie.

Was kannst du jetzt tun, um wieder eine FIM-Lizenz zu bekommen? Hast du keine Begründung bekommen?

Ich habe die Begründung höchstpersönlich aus der Schweiz bekommen.

Da steht ungefähr: Auf Verdacht von fremden Leuten, dass es mir psychisch schlecht geht, was nach den erwähnten Vorfällen ja kein Wunder ist, muss ich aus Sicherheitsgründen zum Psychologen, sozusagen als Vorsichtsmaßnahme. Der Arzt muss dann beurteilen, ob ich wieder eine Lizenz bekomme, ob das geht oder nicht.

Über deinen Auftritt in Oschersleben wurde erzählt, du hättest nach drei Stürzen den Mechanikern den Mittelfinger gezeigt.

Wenn ich stürze und selbst schuld bin, okay. Aber wenn ich keine Infos bekomme...

Wenn normal bei jeder Bremse, die überhitzt, der Druckpunkt weicher wird, wenn bei dieser Bremse der Druckpunkt härter wird, wenn mir das aber keiner sagt, dann gehe ich persönlich zu Nissin und erkundige mich. Dort hat man mich aufgeklärt: «Nein, bei dieser Bremse ist es anders. Wenn sie heiß wird, wird der Druckpunkt härter.»

Da dachte ich: Super. Diese fehlende Information hat uns ein Motorrad gekostet. Wenn man in der ersten Runde wegen so einem Problem stürzt, das ist nicht lustig.

Du musst also jetzt ein Gutachten einholen?

Ja, ich werde zum Psychologen gehen. Ich kann nichts anderes machen. Pressetechnisch ist eh schon alles verloren.

Die Fans in Österreich sind ja hungrig. Sie wollen wissen, wie geht es dem einzigen Österreicher, der im Motorradrennsport irgendetwas reißen kann.

Wenn du wieder eine Lizenz bekommst: Für welche Serien interessierst du dich?

Ich weiß momentan noch gar nicht, ob ich überhaupt noch einmal fahren will. Irgendwann ist die Gaudi vorbei.

In welchem Zeitraum könntest du die Lizenz wieder zurückerhalten?

Ich bin jetzt in Österreich beim Bundesheer in der Ausbildung. Das ist Arbeit. Ich habe einen Verdienst, rund 400 Euro im Monat. So kann ich wenigstens meine Handyrechnung bezahlen. Und solange ich hier zu essen und zu trinken kriege...

Vom Herumstehen und Warten wird meine Situation nie besser. Ich muss jetzt Geld verdienen.

Wenn sich jemand findet, der dir eine neue Chance geben will: Was wäre dir am liebsten?

Es gibt genügend Leute, die mir immer Chancen geben.

Aber ich bin unheimlich gekränkt, weil mir irgendwelche Leute in die Hand was versprochen haben, aber am Ende hab' ich gar nichts. 

Das muss ich zuerst mal verdauen. Ich habe mein Vertrauen in die Menschen komplett verloren.

Was da bei FIM und OSK abgeht, kann ich nicht beurteilen. Ich bin eigentlich nur Athlet. Was da im Hintergrund läuft, weiß man sowieso nie. Was die FIM-Funktionäre in der Schweiz und die Funktionäre bei der OSK in Wien sagen, ist das, was Sache ist. Ich bin dagegen wehrlos. Ich kann nur meinen Standpunkt dazu äußern und auf die Auswirkungen hinweisen.

Am Ende des Tages erledigen die FIM und die OSK nur ihre Aufgaben. Trotzdem: Am Schluss hat der Fahrer immer das Nachsehen. Was mit dem Fahrer am Ende passiert, interessiert gar keinen. Da fällst du halt durch den Rost.

Aber ich bin froh, dass ich in Österreich eine Community hinter mir habe, die mich immer noch unterstützt. Viele Leute in der Szene kennen mich hier und freuen sich, wenn ich meinen Traum leben kann.

Ich muss die Vergangenheit vergessen. Wir leben im Hier und Jetzt. Ich muss jetzt schauen, dass es wieder vorwärts geht. Sonst krieg' ich eh einen Vogel.

Es ist jetzt genug geredet worden. Ich hoffe, dass es irgendwann wieder nach vorne geht.

Du bist jetzt gerade in der Kaserne am Schießstand?

Ja. Weißt du, wenn ich schon alles verloren habe, verteidige ich jetzt wenigstens mein Land. Oder den Staat – und was auch immer.

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