Sandro Cortese: «Jonas schneller? Wäre nicht schön»

Von Günther Wiesinger
Moto2

Für Sandro Cortese ist die Saison 2016 das Jahr der Bewährung. Es könnte seine letzte Chance im Dynavolt Intact-Team sein. Der Ex-Moto3-Weltmeister will seine Schwächen ausmerzen.

Das Dynavolt Intact GP-Team hat Zuwachs bekommen. Sandro Cortese hat jetzt mit dem letztjährigen Moto2-WM-Sechsten Jonas Folger einen Teamkollegen in der Box.

Eine neue Situation für den 26-jährigen Berkheimer, der in seinen ersten drei Moto2-WM-Jahren die Gesamtränge 19, 9 und 11 und zwei Podestplätze (Platz 3 in Brünn 2014 und Platz 3 in Motegi 2015) zustande brachte.

Dass der Moto3-Weltmeister von 2012 (auf der Red Bull KTM im Ajo-Team) damit die Erwartungen nicht erfüllt hat, liegt auf der Hand.

Cortese steht eine schwierige Saison bevor. Das Team erwartet eine klare Steigerung, mehr Beständigkeit und mehr Podestplätze.

Sandro, du hast seit dem Valencia-GP n der neuen Teamkonstellation schon fünf Testtage hinter dir, zwei 2015 in Valencia, jetzt wieder zwei in Valencia und einen Tag in Jerez. Wie lautet dein Fazit? Du konntest dich schon im November mit der Kalex des Jahrgangs 2016 anfreunden?

Bei der neuen Kalex habe ich eine etwas bessere Bremsstabilität festgestellt. Ich denke, das kommt auch auf den Fahrer drauf an. Manche spüren es, manche nicht. ich persönlich habe es gespürt, weil ich extrem viel Gefühl aufs Vorderrad lege. Es passt alles im Moment.
Ich freue mich jetzt auf den IRTA-Test in Jerez, der am Mittwoch beginnt. Dort sehen wir, wo wir überhaupt stehen. Bisher waren nicht immer alle Fahrer dabei, es gab keine offizielle Zeitnahme.
Sobald einmal das ganze Feld zusammen fährt, bekommt man einen besseren Überblick über die Kräfteverhältnisse.
Aber im Endeffekt spielt es keine Rolle. Wir müssen unser Testprogramm abspulen. Wir arbeiten auf den Saisonauftakt in Doha hin. Trotzdem ist es interessant, wenn erstmals im Jahr alle WM-Teilnehmer gleichzeitig fahren.

War es für dich schwer zu verkraften, jetzt mit Jonas Folger einen starken Teamkollegen zu haben? Immerhin war im Intact-Team drei Jahre lang die ganze Aufmerksamkeit auf dich allein fokussiert. Hat die neue Situation Vor- und Nachteile?

Es ist ja das Normalste der Welt, dass man zu zweit ist in einem Team. Bei mir war es die Ausnahme, ich bin ganz oft allein gefahren. Ich befürworte es eher, dass man zu zweit ist. Je mehr Daten man für das Team sammeln kann, umso schneller kommt man nach vorne.
Klar, es war immer unser Drei-Jahres-Plan, man fährt alleine. Aber es war ganz wichtig und es war an der Zeit, dass eine Veränderung stattgefunden hat, um vorwärts zu kommen. Wir sind angestanden.
Wir haben die Ziele nicht erreicht, die wir uns für diese drei Jahre vorgenommen haben, sei es vom Team her, sei es von mir.
Deshalb war es an der Zeit, etwas zu verändern.

Spürst du jetzt mehr Druck oder weniger?

Die Arbeit hat sich bei mir nicht verändert. Klar, mit meinem neuen Crew-Chief Lucio Nicastro existiert jetzt eine komplett andere Arbeitsweise als mit dem Jürgen. Man muss sich zuerst einmal kennenlernen und schauen, wie er das Ganze sieht. Er war letztes Jahr bei Sam Lowes, er war dort erfolgreich, das spricht für ihn. Er hat gute, neue Ideen mit reingebracht.
Lucio kam mit Sam Lowes aus der Supersport-WM, wo sie 2013 die Weltmeisterschaft gewonnen haben, in die Moto2.
An der Tagesarbeit hat sich nichts geändert. Man versucht, sein Moped abzustimmen und gut zu fahren.
Klar, wenn jetzt die Rennen losgehen und der andere ist schneller als ich, das wäre nicht schön. Da brauchen wir nicht drumrum schwätzen.
Aber es wird nicht mein Hauptziel sein, den Jonas zu besiegen. Ich bin nicht zufrieden, wenn ich ihn im Rennen schlage, ich werde aber nur Siebter – und er Achter.

Es geht ja um die Weltmeisterschaft. Die wahren Favoriten heissen Zarco, Rins, Lüthi, Lowes und so weiter.

Es gibt mehr als 30 Fahrer, die man schlagen muss.
Es wäre ganz schlimm, wenn man sich nur auf den Teamkollegen fixiert. Ich muss den Jonas schlagen, egal in welchem Team er unterwegs ist. Und es gibt nicht nur den Jonas, es gibt auch noch Marcel Schrötter.

Es ist trotzdem ein Ziel, in der Moto2-WM als bester Deutscher abzuschneiden? Du bist mit 26 Jahren der älteste in diesem Trio, du fährst die vierte Moto2-Saison?

Ich bin der erfahrenste... Wenn man dieses Jahr in der Moto2-WM bester Deutscher ist, ist man ganz weit vorne. Das ist meine Ansicht. Denn der Marcel wird gut sein, der Jonas wird gut sein.

In den ersten drei Jahren ist wenig nach deinen Vorstellungen gelaufen. Du hast dir zum Beispiel für das erste Jahr deinen Weltmeister-Vorgänger Nico Terol zum Vorbild genommen. Der war im ersten Moto2-Jahr WM-Elfter mit einem Podestplatz. Du warst 2013 nur WM-19. mit einem Top-Ten-Ergebnis. Du wolltest gleich im ersten Jahr mit Tom Lüthi mithalten, warst in der Euphorie des Moto3-Titelgewinns zu optimistisch. Du hast dann für 2015 einiges verändert, dich von Freundin Anna getrennt, das Dirt-Track-Fahrer verstärkt – es hat trotzdem nicht funktioniert. Du warst in den Rennen immer schwächer als in den Trainings.

Wenn wir die Jahre 2013 bis 2015 komplett betrachten, bin ich immer gestürzt und habe mich verletzt, wenn es bergauf ging. Das soll aber jetzt nicht als Ausrede rüberkommen.
Ich war 2013 im ersten Halbjahr in der Moto2 chancenlos, das war eine ganz schwierige Phase. Es fiel mir schwer, überhaupt konstant in die Punkte zu fahren. Im Sommer lief es besser, Brünn war bis dahin mein bestes GP-Weekend – aber im Rennen habe ich einen Handbruch erlitten.
2014 bin ich zurückgekommen. Ich war super vorbereitet, die Wintertests waren vielversprechend. Ich stand in Katar auf dem zweiten Startplatz. Doch ich habe mir im Quali in Doha das Fersenbein gebrochen. Ich habe ganz lang mit dieser Verletzung gekämpft, um wieder ft zu werden.
Im Vorjahr war es genau das Gleiche. Ich habe mich super vorbereitet. Kurz vor dem Katar-GP habe ich mir beim Indoor-Supermoto-Fahren das Sprunggelenk gebrochen. Das wissen viele nicht, denn ich bin keiner, der Ausreden bringt.
Aber in dieser Klasse, wenn man da körperlich nicht fit ist und dadurch auch mental nicht, dann bringt man keine Leistung. Das ist bekannt, das weiss man. Ich habe lang mit dieser Verletzung gekämpft.
Es ist natürlich auch mental schwierig. Man ändert sein Leben, um gut zu werden – dann passiert wieder so was.
Die Saison 2015 hat zäh angefangen. Gegen Saisonende war es okay. Die zweite Saisonhälfte war in Ordnung, wir sind oft in den Top-6 oder Top-7 gewesen. Wir haben in Japan ein Podium geschafft.
Das hätte aber schon am Saisonbeginn kommen sollen. Dann wäre die Saison 2015 akzeptabel verlaufen.
Dann hätte keiner geschimpft.
Fakt ist: Egal ob Sprunggelenkbruch, ob Misserfolg oder Highlights,
wir haben das Ziel nicht erreicht, das wir uns vorgenommen haben.

Du wolltest um den WM-Titel 2015 kämpfen, das war das klare Ziel. In der Sommerpause warst du in der WM nur an 17. Stelle.

Ich habe trotzdem noch eine Chance bekommen. Es ist noch nicht zu spät. Ich habe einen neuen Teamkollegen und einen neuen Cheftechniker. Es wurde einiges verändert.
Wir wissen, was wir bisher probiert haben, das hat auf manchen Rennstrecken funktioniert. Aber irgendwie klappte es nicht, dass man immer schnell war. Man war in Sepang gut, in Motegi und Phillip Island, dazu in Brünn. Auch in Mugello und Barcelona waren wir wirklich gut. Klar, dort ist zwar der Sturz passiert... Aber wir müssen von Doha bis Valencia konkurrenzfähig sein.
Das haben letztes Jahr drei Fahrer hingebracht, die sind in der WM auf den Rängen 1 bis 3 gelandet – Zarco, Rins und Rabat.
Dem Rest fehlte es an Beständigkeit. Lowes hat ein Rennen gewonnen, doch er ist bei drei Rennen gestürzt. So etwas bringt mir auch wenig.
Klar, man gewinnt ein Rennen. Aber die Hauptaufgabe, die ich mir mit Lucio vorgenommen habe: Wir müssen konstant werden.

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