Unfall-Bruno und das Wasserfall-Problem

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Auch Andrea Dovizioso stürzte ausgangs von Turn 11

Auch Andrea Dovizioso stürzte ausgangs von Turn 11

Wir nennen die Kurve 11 auf dem Sachsenring gern Wasserfall-Kurve. Dort spielte sich allerhand ab. Geht es ihr jetzt an den Kragen?

Bruno war am Sachsenring beschäftigt. Bruno (wie ein grosses Namensschild hinter der Windschutzschreibe verriet) fuhr den Unfall-Lkw, der die kaputten Rennmaschinen aufsammelte. Während der MotoGP-Sessions hatte er wahrscheinlich hin und wieder zwei Bikes zur gleichen Zeit auf dem Wagen.

Die Unfälle, die eine Rolle auf der engen deutschen Rennstrecke spielten – nämlich die, die Lorenzo und Pedrosa zu schaffen machten – passierten an einem anderen Ort, aber die grosse Mehrheit passierte in Kurve 11, die den Spitznamen «Der Wasserfall» trägt und wo Paddock-Kenner zusammenkommen, um zuzuschauen. Genau aus dem Grund, weil sie Kenner sind, wissen sie, dass sie dort häufig High-Speed-Unfälle zu sehen bekommen.

Der Nervenkitzel, sowohl für die Fahrer als auch für die Zuschauer, ist die Herausforderung. Wenn ein Fahrer dort heil vorbeikommt, ist er Klasse. Es ist einer dieser Plätze, wo man sieht, welcher Rennfahrer es am entschlossensten probiert, welcher der Mutigste ist und welcher es ein bisschen übertreibt.

61 Unfälle passierten am Wochenende, nur 20 davon in der MotoGP-Klasse und 6 davon in der Wasserfall-Kurve.

Es folgten drängende Bitten, dass dort etwas geändert wird.

Noch lauter waren die Bitten, die Kurve in Ruhe zu lassen. Es ist eine der schwierigsten und aufregendsten Kurven des Jahres, vor allem wegen dem Speed – im sechsten Gang.

Zu viele Linkskurven

Die Unfälle passieren aus einem ganz einfachen Grund. Mit 3,7 Kilometern ist der Sachsenring die zweitkürzeste und bei weitem die am schwindelerregendste Rennstrecke des Jahres. Am Rande eines Industriegebiets schlängelt sie sich vor und zurück, den Hügel hinauf und fällt bei der Wasserfall-Kurve wieder ab.

Unüblich ist, dass man auf dem Sachsenring gegen den Uhrzeigersinn fährt: So müssen die Fahrer immer nach links einbiegen.

Und wie. Es gibt 13 Kurven; der Wasserfall ist eine von drei Rechtskurven, die nach 7 hintereinanderfolgenden Linkskurven ansteht und in die man mit erhöhtem Speed hineinfährt. Zum Zeitpunkt, wenn man rechts einbiegt, ist diese Seite des Reifens schon wieder abgekühlt.

Die andere Schwierigkeit ist die Topografie... Die Rennstrecke fällt steil ab. Genau dort, wo man am Vorderrad Grip braucht, geht er verloren.

Immer wieder versammelten sich Zuschauer an der Wasserfall-Kruve, um das gleiche Phänomen zu beobachten: das Vorderrad rutscht weg, und wenn der Fahrer Zeit hat, versucht er die Situation zu retten, was jedoch selten erfolgreich gelingt. Dann überschlägt sich das Bike, bis es zerstört ist, und die Fahrer fliegen durch die Luft, wie ein Taschentuch in einem Wäschetrockner.

Natürlich können die Fahrer abbremsen, um das Desaster zu umgehen. Aber sie versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. «Wenn du da durchschleichst, verlierst du drei Zehntelsekunden», beobachtete Nicky Hayden, einer der wenigen, den es hier nicht überschlagen hat, zumindest dieses Jahr nicht.

Der Enthusiasmus der Fans im Paddock sowohl als auch die Natur der Kurve sagen viel über den Motorradsport aus. Blutrünstig? Ja und nein. Es ist eine fantastische Kurve. Aber ganz im Ernst, hier muss etwas geändert werden.

Aber was?

Es gibt keine wirklich einfache Antwort. Nicht wie bei gleich aufregenden Kurven auf (zum Beispiel) der Insel Man, besteht hier die Chance, sie auszutricksen, auch wenn es riskant ist. Es gibt genug Platz, um auszuweichen. Und Bruno, um die Einzelteile abzuholen.

Der Vorschlag von Hayden

Hayden schlug vor, die Kurve ein wenig enger zu machen, so dass es nötig würde, zu bremsen: Dies würde wenigstens etwas Gewicht auf das Vorderrad verlagern und dem Reifen so mehr Grip geben. Rossi dachte ähnlich.

Manche haben Bridgestone die Schuld gegeben, wegen ihrer Einheitsreifen-Philosophie: Limitierte Auswahl (nur zwei Mischungen erhältlich), verschlimmert durch die steife Konstruktion der Reifen, die so hergestellt wurden, damit die Reifen länger halten.

Frühere Probleme mit Unfällen wegen des langsam warm werdenden Gummis haben gezeigt, dass man die Vorderreifen etwas weicher gestalten muss, was aber für diese Kurve anscheinend nicht weich genug war.

Wie wäre es mit einer asymmetrischen Mischung für den Vorderreifen? So einen Dual-Compound gibt es bei Rennreifen bisher nur hinten? Bridgestone hat Dual-Compound vorne schon probiert, vor der Ära der Einheitsreifen. Die Fahrer mochten es nicht: empfindliches Bremsen, ein komisches Gefühl. Und dieses Gefühl für das Vorderrad ist sehr wichtig.

Wie wäre es mit einer kompletten Erneuerung der Reifen? Das könnte die einzige Möglichkeit sein. Die Statistiken zeigen, dass, obwohl Dunlop-Fahrer in der Moto2 und Moto3 auch in dieser Kurve gestürzt sind, es nur vier von insgesamt 41 Unfällen waren. Die Dunlop-Reifen sind oft ziemlich mitgenommen am Ende eines Rennens, während die Bridgestones aussehen, als könnte man ein weiteres Rennen mit ihnen fahren. In diesem Fall ist Ausdauer gleichzusetzen mit hohem Risiko in der Warm-up-Phase.

Diese Philosophie wurde Bridgestone als Einheitsreifen-Lieferant in gewisser Weise aufgezwungen, selten eine beneidenswerte Rolle. Man sehe sich nur die komischen explodierenden Pirelli-Reifen in der Formel 1 an.

Die schlimmste Lösung hängt in der Luft: den Wasserfall in ein Rinnsal umändern, das oben eine Schikane dran hat.

Wie all diejenigen, die wie ich über der Leitplanke hängen und all die Fahrer, deren Herz dort bis zum Mund schlägt, würde ich es höchst ungern sehen, wenn diese Stelle bis zur Unkenntlichkeit entschärft würde.

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