Jorge Lorenzo: Wie er 2014 in sein Tief rutschte

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Niemand ist an Jorge Lorenzo so nahe dran wie sein Yamaha-Teamdirektor Wilco Zeelenberg. Der Ex-GP-Sieger aus den Niederlanden mit einer kritischen Analyse der erste Saisonhälfte.

Jorge Lorenzo klagte schon bei den ersten Wintertests in Sepang in der ersten Februar-Woche über den giftiger gewordenen Yamaha-Reihenvierzylinder, der die Reduktion von 21 auf 20 Liter Tankinhalt mit einem weniger sauberen Ansprechverhalten und einer weniger sanften Gasannahme quittierte. «Throttle control», nennen das die Engländer.

Dazu missfielen dem Weltmeister von 2010 und 2012 (im Vorjahr noch acht GP-Siege, WM-Titel nur um vier Punkte verpasst) die neuen Bridgestone-Hinterreifen, die härter und hitzebeständiger waren als die letztjährigen und in maximaler Schräglage weniger Gefühl vermittelten.

Lorenzo wetterte von allen Fahrern am lautesten über die neue Reifengeneration. Bridgestone versprach Abhilfe, die neuen Konstruktionen kamen beim fünften Rennen des Jahres in Le Mans.
Bis dahin hatte Lorenzo erst einen Podestplatz erzielt – Rang 3 in Argentinien.

Aber warum hat der 27-jährige Mallorquiner im Februar beim Reifentest auf Phillip Island eine Bestzeit nach der andern aus dem Ärmel geschüttelt?

«Bridgestone brachte für Australien neue Reifen, und dort gibt es durch den neuen Belag eine Menge Grip», erklärt Movistar-Yamaha-Teamdirektor Wilco Zeelenberg. «Der Griplevel ist dort sehr hoch – auch bei der Seitenhaftung. Deshalb war Jorge dort plötzlich in der Lage, so zu fahren wie in der letzten Saison, mit viel Grip in maximaler Schräglage. Aber sobald der Grip nachlässt, ist Jorge langsamer als letztes Jahr. Und der neue Hinterreifen hatte auf allen anderen Pisten weniger Grip als 2013, zumindest vermittelte er am Limit kein so gutes Gefühl... Also waren wir langsamer als letztes Jahr. Und die Gegner sind nicht langsamer als letztes Jahr. Deshalb haben wir ein Problem.»

Niemand war von der neuen Hinterreifengeneration wirklich begeistert. Aber Jorge schimpfte am meisten. Warum?
Zeelenberg: «Weil Jorge nicht mit mehr Schräglage fährt als seine Gegner, aber er fährt die Maschine länger in Schräglage. Und das ist genau der Bereich, wo die Bikes plötzlich weniger Grip hatten. Dazu kommt, dass der M1-Motor im unteren Drehzahlbereich nicht mehr so angenehm zu kontrollieren war. Er hatte nicht mehr Power oder weniger Power, er war einfach ein bisschen kritischer zu kontrollieren. Ja, das alles haben wir nach einer gewissen Anzahl Rennen in diesem Jahr festgestellt. Für Jorge war das ein kleines Drama. Für Valentino waren die Probleme geringer, denn er fährt das Motorrad anders als Jorge.»

Und die Saison begann für Lorenzo so übel wie nie zuvor. Selbst in seiner Rookie-Saison 2008 war er mit drei Trainingsbestzeiten ins Jahr gestartet, er gewann damals das dritte Rennen – und war als Rookie somit WM-Leader.

Und 2014?

Sturz in Führung liegend in der ersten Runde in Katar, Platz 10 nach Frühstart und Durchfahrtsstrafe in Texas.

Damit lag er mit sechs Punkten schon hoffnungslos hinter Marc Márquez, der nach zwei Rennen und zwei Siegen 50 Punkte auf dem Konto hatte.

«Beim ersten Rennen wollte Jorge mit Gewalt zeigen, dass er trotzdem gewinnen kann. Er hat gepusht... Dann ist er in der ersten Runde kalt erwischt worden – Vorderrad weggerutscht», blickt Zeelenberg zurück. «Okay, das kann immer mal passieren. Aber Jorge hatte in der Vergangenheit immer ein sehr gutes Gefühl in den ersten Runden; da konnte ihm niemand folgen, er konnte sofort ans Limit gehen. Das war uns immer bewusst. Aber wenn sich die Bedingungen ändern und du nicht mehr das richtige Gefühl für das Motorrad hast, dann kommt die Sicherheit abhanden. Dann passieren im falschen Augenblick solche Stürze.»

Völlig unverständlich war auch der beispiellose Frühstart in Texas. Wie kam der zustande?

«Jorge kam in Austin wieder gut in Schwung. Er rechnete sich gute Chancen aus, er war in den Training recht schnell», erinnert sich Zeelenberg. «Aber Jorge wusste, er müsse in den ersten Runden richtig schnell sein, wenn er vorne mithalten, Valentino besiegen wollte – und den Rest des Pakets. Wenn er eine Chance wittert, Dani oder Marc zu schlagen, wird er sie immer nützen. Er hatte nicht unbedingt die Absicht, das Rennen zu gewinnen, denn Austin war und ist eine Honda-Piste. Wir wären über einen Podestplatz schon froh gewesen.»

«Wenn du das Video vom Start anschaust, dann wird dir klar, dass Jorge das Abreissrisier vom Helm nahm und deshalb den Mann mit der Tafel mit der roten Flagge nicht sah, der wegging. Das war eine delikate Situation. Denn er dachte plötzlich, er sei jetzt zu spät für den Start. Also legte er rasch den Gang ein... Und selbst wenn in diesem Augenblick auf dem Startplatz jemand gefurzt hätte, wäre er losgefahren. Weil er überzeugt war, er habe das Startsignal verpasst. Er gab Gas und merkte nicht, dass nicht Lichter noch gar nicht an waren... Er dachte, sie seien bereits erloschen. Deshalb brauste er viel, viel zu früh weg. Es war eine Stresssituation. Es war ein seltsamer Fehler, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen habe. Aber dieser Vorfall beweist, dass auch die Asse Fehler machen.»

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