Cal Crutchlow: Sorgen und Lob wegen Michelin

Von Günther Wiesinger
MotoGP

Hat sich bei Ducati-Testfahrer Michele Pirro beim letzten Misano-Test ein Michelin-Hinterreifen in seine Bestandteile aufgelöst? Den Michelin-Entwicklern läuft die Zeit davon.

Eigentlich dürfen die aktuellen MotoGP-Fahrer gar nicht über Michelin sprechen. Denn die MotoGP-Teams haben für 2015 Ausrüster-Verträge mit Bridgestone abgeschlossen. Und als Geschäftspartner der Teams sind die Fahrer zur Loyalität verpflichtet.

Der bisherige Lieferant Bridgestone (seit 2009) und der neue Alleinausrüster (Michelin steigt 2016 ein) haben dazu in einem Gentlemen’s Agreement ein paar Details festgelegt.

Denn Michelin will in diesem Jahr auf jeder GP-Strecke testen, die für 2016 im MotoGP-Kalender steht, dazu werden neben den Testfahrern auch die renommierten Stammfahrer benötigt, die für die Tests die Freigabe und Zustimmung ihrer Teams brauchen.

Es existiert aber bei diesen Michelin-Reifentests keine offizielle Zeitnahme, die Stammfahrer testen ohne Transponder, sie dürfen keine Aussagen zur Qualität (oder zu den Mängeln) der Michelin-Reifen machen, vergleichende Aussagen sind nicht erlaubt; die Piloten sollten den Namen der neuen Marke am besten gar nicht erwähnen und im Zusammenhang mit den Franzosen am besten vom «neuen Reifenhersteller» reden.

Aber nach einem Michelin-Test von Ducati-Testfahrer Michele Pirro am 24. August in Misano ​​sprach LCR-Honda-Werkspilot Cal Crutchlow vor den Medien ungewöhnlich wortreich über den neuen Reifenhersteller.

Zuerst stellte Cal fest, dass er es bevorzugen würde, «wenn alle unterschiedlichen Reifenhersteller in der MotoGP» mitmischen würden. «Dann wäre bei dem einen Rennen diese Firma vorne, beim nächsten eine andere», lautete Cals Plädoyer für ein Ende der Einheitsreifen-Ära, das freilich unerhört bleiben wird.

Dann kam der 29-jährige Engländer auf den Ducati-Test in Misano zu sprechen. Er habe gehört, dass Pirro dort richtigen Kummer mit einem Michelin-Hinterreifen ​gehabt habe, ​liess der WM-Zehnte durchblicken.

Sollte das der Wahrheit entsprechen, steckt Michelin in ernsthaften Schwierigkeiten. Im Paddock wird sogar von einem «tiefen Desaster» und von «Panik» gesprochen. D​och bisher werden die mutmasslichen Hinterreifenprobleme von Pirro beim Misano-Test nicht offiziell bestätigt. «Jedenfalls ist Misano keine Strecke, die für einen enormen Reifenverschleiss bekannt ist», wunderte sich ein MotoGP-Fahrer. 

Im MotoGP-Paddock macht sich Verunsicherung breit. Michelin hat zuletzt beim Brünn-Test keine ausreichenden Informationen zur Weiterentwicklung und zur Qualität der aktuellen Slickreifen erhalten, weil es regnete und weil die Spitzenfahrer auf weitere Michelin-Probefahrten verzichteten, nachdem Márquez, Rossi und Lorenzo beim Montag-Test in Mugello spektakulär übers Vorderrad gestürzt waren. Der Michelin-Vorderreifen vermittle den Piloten einfach kein ausreichendes Gefühl im Grenzbereich, berichten die Stars.

Es wird vermutet, dass Michelin jetzt den Grip am Hinterreifen verringert hat, um den überforderten Vorderreifen zu entlasten. Ob diese Vermutung der Wahrheit entspricht, wird sich beim eilig eingeschobenen Montag-Test nach dem Aragón-GP am 28. September zeigen. Die Dorna macht viel Druck auf Michelin, denn nach dem WM-Finale in Valencia am 8. November ist die Bridgestone-Ära beendet.

«Das Problem ist, dass keiner von uns wirklich Testarbeit für Michelin erledigen will», spricht Cal Crutchlow seinen Kollegen aus de​r Seele.

Trotzdem wird LCR-Honda nach den Aussagen von Crutchlow von Michelin vermutlich zur Rede gestellt werden. Es dürfte eine Entschuldigung fällig werden – aus Mangel an Beweisen.

«Ich bin ich gespannt auf den Montag-Test mit Michelin in Aragón», liess sich Crutchlow entlocken. «Denn wir haben noch nie alle MotoGP-Fahrer gleichzeitig mit der neuen Reifenmarke auf der Strecke gesehen. Aber sicher wird Yamaha den Titelanwärtern Rossi und Lorenzo den mit den nächstjährigen Test wieder untersagen...»

«Ich war von den Michelin-Regenreifen in Brünn recht beeindruckt», ​fand Crutchlow auch lobende Worte über die Franzosen. «Sie waren gar nicht schlecht.»

Warum äusserte sich Crutchlow so ausführlich und unerschrocken über Michelin? «Ich fahre nicht für ein Werksteam. Ich kann zumindest zur Hälfte tun, was ich will», grinste der Sprücheklopfer. «Und ich bin ehrlich froh, dass Michelin für gemischte Verhältnisse Intermediate-Reifen anbietet. Ich bin schon mit solchen Reifen gefahren – zuletzt 2011 in der Superbike-Weltmeisterschaft. Aber ich bin neugierig, wie sich das 2016 in den Rennen entwickeln wird. Ich würde liebend gerne Intermediates auswählen, wenn die anderen bei fragwürdigen Verhältnissen alle entweder auf Regen- oder Trockenreifen unterwegs sind. Ich kann mich an meine Superbike-Rennen auf Intermediates erinnern. Sie fühlen sich wie wirklich weiche Slicks an. Aber du kannst ihnen mehr Schräglagen zumuten als den Regenreifen. Das habe ich damals in Magny Cours gesehen, als die Piste komplett trocken wurde. Im Laufe der Jahre habe ich bei einigen Rennen Intermediates verwendet. Ich freue mich darauf, nächstes Jahr damit Rennen zu bestreiten. Aber natürlich nicht, wenn es knochentrocken ist...»

Ducati-Sportdirektor Paolo Ciabatti wollte sich zu dem kolportierten Hinterreifen-Problem von Pirro nicht äussern. «Erstens habe ich nichts von irgendwelchen schwerwiegenden Problemen gehört. Zweitens ist es uns nicht erlaubt, über die Michelin-Tests zu sprechen», hielt er im Interview mit SPEEDWEEK.com diplomatisch fest.

Movistar-Yamaha-Werkspilot Jorge Lorenzo ist beim Montag-Test in Mugello wegen des Michelin-Vorderreifens gestürzt; in Brünn hat er am Montag auf den Michelin-Test verzichtet. «Ich will momentan nicht zu viel an die Reifensituation im nächsten Jahr denken. Damit befasse ich mich vorläufig nicht ausgiebig. Das ist Zeitverschwendung. Denn wir haben noch sechs wichtige Rennen vor uns», erklärte Jorge Lorenzo gegenüber SPEEDWEEK.com. «Aber ich hoffe natürlich, dass Michelin alle Anstrengungen unternimmt, um besonders den Vorderreifen zu verbessern. Im Augenblick haben wir bei der neuen Reifenfirma das Problem, dass der Grip vorne manchmal sehr unerwartet und schlagartig rasch nachlässt. Das Gefühl für die Vorderreifen ist momentan nicht so präzise, wie wir es von Bridgestone gewöhnt sind. Von Hinterreifenproblemen habe ich bisher nichts gehört. Als ich die Hinterreifen zuletzt beim Montag-Test in Mugello probiert habe, waren sie okay. Es wäre zu wünschen, dass Michelin die Vorderreifen auch in ähnlicher Qualität hinbekommt.»

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