Repsol-Honda ratlos: Rückschritt statt Fortschritt

Von Günther Wiesinger
Im Gegensatz zu Yamaha-Star Jorge Lorenzo erreichten die Repsol-Honda-Piloten Marc Márquez und Dani Pedrosa beim Sepang-Test die Zeiten vom Oktober nicht. Blüht dem Honda-Duo ein Desaster?

Der dreitägige Sepang-Test (1. bis 3. Februar) brachte in dieser Woche erste wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der MotoGP-Kräfteverhältnisse für die Saison 2016 ans Tageslicht.

Ein aufmerksamer Blick auf die Sepang-Rundenzeiten vom Oktober 2015 und Februar 2016 verdeutlicht, wie stark sich Yamaha und Jorge Lorenzo derzeit präsentieren: Der Weltmeister fuhr trotz der neuen Michelin-Reifen und der angeblich rückschrittlichen Einheits-Software um 0,157 sec schneller als im Vorjahr!

Rossi hingegen war 0,830 sec langsamer als im Oktober.

Das Dilemma von Honda kommt bei einem Vergleich zwischen Oktober 2015 und heute mit voller Wucht zum Vorschein: Repsol-Honda-Werkspilot Dani Pedrosa fuhr beim Test in der vergangenen Woche 2,108 Sekunden langsamer als letztes Jahr im GP-Qualifying; Marc Márquez büsste immerhin 1,421 sec auf seine Vorjahreszeit-GP-Zeit ein.

Das HRC-Desaster wird auch bei einem Blick auf die Platzierungen deutlich: Beim Grand Prix 2015 starteten Pedrosa und Márquez von den Plätzen 1 und 2, Rossi und Lorenzo von den Plätzen 3 und 4.

Diesmal sicherten sich Lorenzo und Rossi die Ränge 1 und 2, die beiden Repsol-Honda-Asse mussten sich mit den Plätzen 3 und 6 zufrieden geben.

Man darf also getrost feststellen: Honda hatte schon 2015 nicht das beste MotoGP-Motorrad (Yamaha 11 Siege, Honda sieben, Fahrer-, Marken- und Team-WM-Titel für Movistar-Yamaha mit den Piloten Lorenzo und Rossi) und hat jetzt mit viel Aufwand weiter nach hinten entwickelt.

Marc Márquez gab zu, dass HRC bei der Ursachenforschung hinsichtlich der riesigen Rückstände im Dunkeln tappe. Niemand weiss, wie weit es an der Elektronik, am neuen Motor, den Michelin-Reifen oder am Fahrstil liege.

Dani Pedrosa konnte wenigstens die Vermutung entkräften, so schlimm sei das Honda-Werksteam in den letzten zehn MotoGP-Jahren nie aufgestellt gewesen. «Wir hatten auch in der Vergangenheit sehr schwierige Phasen», seufzte der 30-jährige Haudegen, der 2016 seine elfte MotoGP-Saison im Repsol-Honda-Team bestreitet.

Tatsächlich hatte Pedrosa 2007 miterlebt, wie die HRC-Ingenieure in der neuen 800-ccm-Ära bei der PS-Ausbeute gegenüber Ducati viel zu konservativ ans Werk gingen und Honda mit der völlig neuen Vierzylinder-Maschine (in der 990-ccm-Ära wurde ein V5-Motor eingesetzt) arg unter die Räder kam. Dann plagte sich Pedrosa einmal hoffnungslos ab, weil sich Honda beim Versuch des extremen Leichtbaus verspekuliert hatte und ein halbes Jahr hinterher fuhr, 2008 und 2009 blieb das Honda-Team den Michelin-Reifen treu, was Rossis Leben erleichterte, der 2009 auf Yamaha bereits mit Bridgestone Weltmeister wurde.

Und als Casey Stoner 2011 und Marc Márquez 2013 und 2014 mit Honda die WM gewann, war Pedrosa entweder verletzt oder nicht in Topform.

Fakt ist: Ducati hat mit Testfahrer Michel Pirro 2015 mehr Michelin-Reifentestes gemacht als alle andern. Honda liess diese Aufgabe von Hiroshi Aoyama erledigen, dem der nötige Speed fehlt, auf Testfahrer Casey Stoner griffen die Japaner nicht zurück.

Bei Yamaha hingegen wurde Colin Edwards frühzeitig für die Entwicklung der Michelin-Reifen engagiert, er hat ganze Arbeit geleistet. Die französischen Reifen passen momentan ganz klar besser zur Yamaha als zur Honda.

Honda hat offenbar zu viele Ressourcen in die Entwicklung eines neuen Motors gesteckt und sich im Vorjahr zu wenig um die neue Einheits-Motorsteuerung gekümmert.

Das war wohl der schwerwiegendste Fehler. Denn die neue Software befördert die Hersteller sieben, acht Jahre zurück in die Vergangenheit.

Dieser Technologie-Rückschritt trifft Honda am härtesten, weil sie jahrelang über die fortschrittlichste Elektronik verfügten, was Motorbremse, Traction Control und Zusammenspiel mit dem Seamless-Getriebe und dem pneumatischen Ventiltrieb betrifft.

Als vor drei Jahren die Einheits-ECU beschlossen wurde, drohte HRC-Vizepräsident Shuhei Nakamoto deshalb zuerst mit dem Rückzug aus der MotoGP-WM.

Als ihm Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta die Marelli-ECU mit ein paar Gefälligkeiten schmackhaft machte, liess sich Nakamoto breitschlagen.

Vielleicht hat HRC zu viel Manpower und Ressourcen in den Moto3-Rachefeldzug gegen KTM (und bei der Rallye Dakar) gesteckt, jetzt bekommen die erfolgsverwöhnten Japaner («Honda enters, Honda wins») die Quittung.

Übrigens: Die Gefälligkeiten der Dorna bestanden aus zwei Reglementsänderungen. Zuerst wurde für Marc Márquez 2013 die Vorschrift geändert, wonach Rookies in ihrer ersten MotoGP-Saison nicht in einem Werksteams antreten dürfen. Dazu wurde der Moto2-Einheits-Motorendeal ohne Federlesen und ohne Befragungen der Teams und Werke bis Ende 2018 verlängert. Und schliesslich wurde für Supertalent Fabio Quartararo durchgesetzt, dass er die ersten zwei Moto3-WM-Läufe 2015 ohne Erreichung des Mindestalters von 16 Jahren fahren darf.

Naja, Fabio Quartararo ist inzwischen ins KTM-Lager übergelaufen, nach einem WM-Lehrjahr bei Honda.

Marc Márquez ist in Sepang drei Tage lang nicht gestürzt.
Er ahnte: Bei 1,3 Sekunden Rückstand bringt ihn auch sein übliches Zusatz-Risiko nicht weiter.

Shuhei Nakamoto legt Wert auf die Feststellung, dass er gelernter Ingenieur ist.

Ich bin erleichtert. Dann weiss er wenigstens, wie er die Honda RC213V wieder in die richtige Spur bringt.

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