Honda: Was zuletzt alles schiefgelaufen ist

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Honda sorgt bei HRC für neue Strukturen im globalen Motorradsport. Höchste Zeit. In den letzten Jahren hat das Image von Honda stark gelitten. Auch die Erfolge lassen zu wünschen übrig. Eine kritische Bestandsaufnahme.

Bei der Honda Racing Corporation werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Womöglich schon Ende Juni soll ein Triumvirat die Herrschaft übernehmen: Takeo Yokoyama, jetzt Technical Director bei HRC, soll künftig gemeinsam mit Carlo Fiorani (er agiert jetzt als «Motorcycle Racing Communications Director» bei Honda Motor) und einem operativen Manager das Kommando übernehmen. Ob der Vertrag mit Livio Suppo verlängert wird, darüber wird gerätselt. Seine enge Verbundenheit mit Nakamoto könnte beim personellen Neustart zum Stolperstein werden.

Shuhei Nakamoto, 62 Jahre alt und seit 2009 als HRC Vice President für die globalen Motorradsport bei Honda verantwortlich, wird abtreten. Womöglich schon per Ende Juni.

Nakamoto hatte sich ein «soft landing» erhofft, einen gleitenden Übergang in die Pension; er wollte bis auf weiteres noch seine Macht sichern und behalten.

Doch damit stieß er bei seinen japanischen Landsleuten auf taube Ohren.

Das ist ungewöhnlich.

Nakamoto hat in seiner Ära immerhin 2011 (mit Casey Stoner) sowie 2013 und 2014 (mit Marc Márquez) die MotoGP-WM gewonnen, dazu zweimal (2014 und 2015) mit Alex Márquez und Danny Kent die Moto3-WM.

Aber es haben sich neben diesen Erfolgen auch ein paar Versäumnisse, Fehler, Rückschläge und personelle Fehlentscheidungen ereignet und zugetragen, die nicht gerade zum Imagegewinn oder zur Popularität des weltgrößten Motorradherstellers beigetragen haben.

Deshalb wurde für die Saison 2016 der Italiener Carlo Fiorani als Communications Director von Honda Motor in den GP-Paddock beordert. Er übt quasi eine Aufpasserrolle für den Mutterkonzern Honda Motor aus. In Katar erschien er sogar in Begleitung von Takashi Nakamura, dem Motorcycle PR Manager der Corporate Communications Division in Japan.

Naja, die Erfolgsbilanz von Nakamoto hat ein paar Schönheitsfehler.

Klar, HRC hat Marc Márquez für die MotoGP-WM 2013 engagiert, als Nachfolger von Casey Stoner, der sich damals selbst für 11 Millionen Euro keine dritte MotoGP-Saison mit Honda antun wollte.

Márquez hatte zwei Moto2-Jahre mit Honda-Einheitsmotoren hinter sich, er war Moto2-Weltmeister 2012 – also der logische Kandidat für Repsol-Honda. Yamaha war mit Lorenzo und Rossi stark besetzt, Ducati hatte kein Sieger-Motorrad. Marc Márquez war also eine leichte Beute für Honda.

Neben Márquez stand damals nur Lorenzo zur Debatte, der von Yamaha nicht weg wollte, dazu fielen die Namen von Rossi und Bradl.

Über Rossi sagte Repsol-Honda-Teamprinzipal Livio Suppo beim Le Mans-GP 2012 nach der Rücktrittsankündigung von Stoner, der neunfache Weltmeister komme für Repsol-Honda nicht in Frage.
«Denn die Nachfolgerin von Sharon Stone ist nicht Sharon Stone», erklärte Suppo damals.

Es ging damals in erster Linie um persönliche Befindlichkeiten.

Sonst hätte Rossi zumindest als Ersatz für Dani Pedrosa in Betracht kommen müssen. Der Spanier konnte Márquez nicht einmal in dessen MotoGP-Rookie-Saison das Wasser reichen.

Denn Rossi wurde 2014 und 2015 Vizeweltmeister und fuhr den Gegnern zuletzt in Jerez um die Ohren. Wie hoch der Marktwert des italienischen Superstar in Bezug auf Beliebtheit ist, besonders im Vergleich zu Pedrosa, darauf will ich gar nicht eingehen.

Honda: Nachwuchsprogramm gescheitert

In der Euphorie der ersten zwei MotoGP-WM-Titel mit Marc Márquez gingen ein paar andere Vorkommnisse unter. So lief zum Beispiel das Junior-Programm mit Jack Miller gehörig aus dem Ruder. Dem Moto3-Fahrer wurde 2014 gleich ein HRC-Werksvertrag für drei MotoGP-Jahre angedient.

Der bedauerliche Australier hält in seiner zweiten MotoGP-Saison nach vier Rennen bei zwei Punkten. Auch wenn er nach einem Schien- und Wadenbeinbruch angeschlagen ist, dieses Experiment ist gründlich gescheitert.

Mit Cal Crutchlow (5 Punkte in vier Rennen, drei Rennstürze 2016) und Tito Rabat (bisher elf Punkte in vier Rennen) hat Honda in den Kundenteams auch keine Überflieger im Sattel.

Bautista und Bradl waren bei Gresini-Honda und LCR-Honda in den Jahren davor sicher konkurrenzfähiger und schlagkräftiger.

Natürlich lässt sich einwerfen, die Honda RC213V sei 2015 und 2016 nicht so schlagkräftig wie 2011, 2012, 2013 und 2014.

Aber das hat wohl auch Nakamoto zu verantworten, der sich seines Daseins und seiner Ausbildung als Ingenieur rühmt, aber zuschauen musste, wie Yamaha 2015 die Fahrer-WM, die Team-WM und die Marken-WM gewann.

Und das in einer Zeit, als man vermuten musste, Marc Márquez würde zehn Jahre lang unantastbar sein, nachdem er 2014 gleich die ersten zehn Rennen des Jahres für sich entschieden hatte.

Fakt ist: Seit Stoners Abgang als GP-Pilot Ende 2012 ist offenbar kein Fahrer fähig, die Honda sinnvoll weiter zu entwickeln. Letztes Jahr hatte sie zu viel PS, jetzt zu wenig.

In der Moto3-WM rannte Honda 2012 und 2013 ins offene KTM-Messer, die Österreicher gewannen schließlich 27 WM-Läufe hintereinander. Erst als Honda das Bohrung-Hub-Verhältnis der Österreicher samt Doppelauspuff kopierte, wurde Honda in der Moto3-WM ein Titelkandidat.

Dadurch konnte im Vorjahr eine Riesenblamage verhindert werden: Denn Honda hat 2015 alle wichtigen Titel auf dem Motorradsektor gegen KTM oder Yamaha verloren, die Moto3-WM war einzige Ausnahme. Bei der Dakar-Rallye hing das Honda-Werksteam viermal in Serie gegen KTM unter. Das sei der zweitwichtigste Event nach der MotoGP, räumt Nakamoto, der sich bei einer Pressekonferenz in Jerez 2015 als «Komödiant» bezeichnete.

Peinlich war auch der Australien-GP 2013. Dort sah die Repsol-Honda-Truppe von Márquez fröhlich zu, wie der WM-Leader wegen nach der neunten noch nach der zehnten Runde zum Motorradwechsel an die Box fuhr und mit der schwarzen Flagge disqualifiziert wurde. Die Pedrosa-Truppe wusste um diese Gefahr – weihte aber die Boxennachbarn nicht ein.

Spielt die Herkunft wrklich keine Rolle?

Merkwürdige Fahrer-Engagements bei Honda, da lassen sich weitere Beispiele aufzählen.

So kaufte sich der starke Aleix Espargaró Ende 2013 beim Aspar-Team für 300.000 Euro frei, er ging zu Forward-Yamaha. Honda zeigte damals kein Interesse an ihm. Bei Aspar wurde dann auf Wunsch von Honda Nicky Hayden für zwei Jahre verpflichtet. Aleix war von dieser HRC-Personalpolitik nicht hingerissen und lehnte deshalb dankend ab, als er für 2015 statt Bradl zu LCR-Honda kommen sollte. Er bevorzugte den risikobehafteten Suzuki-Deal.

Auch Maverick Vinales interessierte sich nicht für den LCR-Honda-Deal 2015. Er war sauer auf Honda, weil sie ihm 2012 kein Siegermotorrad für die Moto3-WM gegeben hatten.

Unglaublich: Die ruhmreiche Marke Honda hatte plötzlich keinen zweiten Fahrer für das LCR-Team 2015 und musste Cal Crutchlow aus dem Ducati-Zwei-Jahres-Vertrag heraussprengen. Als der zweite LCR-Platz (neben Miller) plötzlich finanziert werden konnte, war Bradl bereits mit einem Bein bei Forward-Yamaha.

Als Stefan Bradl für 2015 seinen Platz bei HRC und LCR verlor, erklärte Nakamoto mehrmals, die Herkunft sei nicht von Bedeutung, nur der Erfolg. Das hört freilich bei Honda Motor niemand gern, denn Deutschland ist ein wertvoller Markt, ausserdem finanzieren am Ende des Tages die Landesimporteure und Händler mit ihren Umsätzen die kostspieligen Aktivitäten von HRC.

Ausserdem: Warum wurde Hayden 2014 von HRC und für 2015 auch Aoyama ins Aspar-Team befördert? Sollte nicht ein Amerikaner und ein Japaner im MotoGP-Feld gehalten werden? Hat nicht American Honda die Gage für Nicky bezahlt? Spielte also die Herkunft plötzlich doch eine Rolle? Und warum galt das nicht für Bradl, der bei HRC zugunsten von Miller ausgebootet wurde?

Glücklicherweise gibt es für Fahrer wie Vinales, Aleix Espargaró und Bradl auch ein MotoGP-Leben ohne Honda. Auch Scott Redding blüht nach zwei Honda-Jahren bei Pramac-Ducati auf.

Honda: Was gibt es zu bejubeln?

Es widerstrebt mir, alles schlecht machen oder kritisch zu betrachten, was bei Honda in den letzten Jahren passiert ist. Zu gross ist mein Respekt vor diesem verdienstvollen, ruhmreichen Unternehmen.

Aber was sollen wir bejubeln?

Yamaha hat in der MotoGP die stärkste Fahrerpaarung. Yamaha hat bei Tech3-Yamaha mit Bradley Smith und Pol Espargaró zwei Eigenbau-Fahrer an die Weltspitze gebracht, über vier und drei Jahre, mit ausreichend Geduld. Bei HRC war die Geduld bei Bradl nach zwei Jahren aufgebraucht, es zählten nur noch Top-3-Plätze, die in einem Kundenteam gegen zwei Werksfahrer von Yamaha und zwei von Honda und einem erstarkten Ducati-Team Illusion waren.

Die heutigen drei Honda-Kundenfahrer haben in vier Rennen einen Top-Ten-Platz erreicht: Tito Rabat schaffte im ausfallsreichen Argentinien-GP Platz 9.

Auch Ducati hat mit Iannone und Petrucci auf unbeschriebene MotoGP-Blätter gesetzt – und ins Schwarze getroffen. So sieht zielstrebige und fachkundige Nachwuchsarbeit aus.

Selbst Suzuki hat als Neueinsteiger schon 2015 eine Fahrerpaarung präsentiert, die es mit Márquez und Pedrosa durchaus aufnehmen konnte. Das Suzuki-Duo Maverick Vinales und Aleix Espargaró liegt auch jetzt in der WM-Tabelle nur sieben beziehungsweise acht Punkte hinter Pedrosa.

Selbst Aprilia Racing lacht sich ins Fäustchen: Stefan Bradl und Alvaró Bautista haben 2016 schon 13 Punkte mehr eingesammelt als Rabat, Crutchlow und Miller zusammen!

Ein wahres strategisches Meisterstück war natürlich auch die HRC-Entscheidung, nach dem Katar-GP 2015 den Japaner Hiroshi Aoyama statt Dani Pedrosa für drei Rennen auf die Repsol-Honda zu setzen. Er heimste einen zwölften Platz und zwei Rennstürze ein.

Der Gewehr bei Fuss stehende Podestkandidat und Testfahrer Casey Stoner bekam von HRC einen Korb – und heuerte nicht zuletzt deshalb im November trotzig bei Ducati als Testfahrer an.

Immerhin entwickelt Honda eine gewisse Konstanz und Geschicklichkeit, wenn es darum geht, talentierte Fahrer frühzeitig zur Konkurrenz gehen zu lassen. Der Franzose Fabio Quartararo gewann 2013 und 2014 auf Honda die internationale CEV-Moto3-Meisterschaft. Für 2015 liess Honda sogar das GP-Reglement ändern, damit das Supertalent in Katar und Texas in der Moto3-WM mitfahren konnte, obwohl er noch nicht 16 Jahre alt war.

Im Herbst 2015 passierte ein ärgerliches Missgeschick: Das Leopard-Weltmeister-Team wechselte samt Quartararo von Honda zu KTM.

Ich weiß, Honda ist der erfolgreichste Hersteller im GP-Sport, der Technologie-Weitblick, die Ressourcen und der Wagemut der Japaner sind legendär. Honda hat Jahrzehnte den GP-Sport geprägt, Honda war Vorreiter in vielen Belangen; aber in den letzten Jahren hat dieses beispielhafte Image stark gelitten. Auch in der Formel 1.

Nakamoto: Reglement nicht verstanden

Ich suche in meinem Notizbuch verzweifelt nach Pluspunkten für Nakamoto und Suppo. Auch beim Durchstöbern alter Word-Dokumente kommt wenig zum Vorschein.

Was finde ich? Nakamoto erzählte beim Valencia-GP 2013 bei der Vorstellung der Open-Honda RCV1000R, dieses Bike (ohne Seamless-Getriebe und ohne Pneumatik) sei unter Casey Stoner in Motegi nur 0,3 sec langsamer als die Werks-Honda RC213V.

Beim nächsten Test in Sepang verlor Hayden am ersten Tag damit drei Sekunden auf die Bestzeit. Nakamoto bestritt dann die 0,3-sec-Behauptung, für die es 150 aufmerksame Zeugen gab.

Und als Aleix Espargaró 2014 mit der Forward-Yamaha die Open-Class dominierte, regte sich Nakamoto auf, weil Yamaha einfach eine 2013-Factory-Protptypen-Yamaha einsetzte, die an Forward verleast wurde. Bald darauf musste er bei einer Pressekonferenz eingestehen: «Ich habe das Reglement nicht aufmerksam gelesen. Ich war der Meinung, man müsse für die Open-Class einen käuflichen Production-Racer anbieten.»

Ich halte auch Takaaki Nakagami für ein HRC-Opfer. Der schnelle Japaner eroberte 2013 vier zweite und einen dritten Moto2-GP-Rang, er galt als heisser Titelfavorit für 2014. Aber HRC transferierte ihn vom familiären Italtrans- ins japanische Idemitsu Honda Asia-Team. Seither schaut's mit Podestplätzen übel aus. Aktuell ist Nakagami WM-Elfter.

Dafür genießt Marc Márquez bei HRC Narrenfreiheit. Die Honda-Manager Nakamoto und Suppo liessen Marc Márquez in Sepang 2015 seelenruhig gewähren, als der Honda-Werksfahrer im Rennen jede Runde 1 Sekunde auf den sonst bestenfalls gleich schnellen Pedrosa einbüßte. Bei geschätzten 6 Millionen Euro Jahresgage hätte man von der Nummer 93 zumindest verlangen können, dass er mit Jorge Lorenzo um Platz 2 fightet. Aber der Repsol-Honda-Star fühlte sich bemüßigt, Valentino Rossis WM-Chancen nach Leibeskräften zu ruinieren.

Langsam verstehe ich, warum der Slogan «Honda enters, Honda wins» ein bisschen aus der Mode gekommen ist.

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