Iannone zu Aprilia und andere MotoGP-Märchen

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Andrea Iannone: Bisher wurde er bei Ducati nicht entlassen

Andrea Iannone: Bisher wurde er bei Ducati nicht entlassen

In Le Mans kam es zu einer gehäuften Ankündigung von sensationellen MotoGP-Transfers. Sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind frei erfunden und haben keinen nennenswerten Wahrheitsgehalt.

Warum hat SPEEDWEEK.com aus Le Mans nicht berichtet, dass Andrea Iannone nächstes Jahr in der MotoGP-WM statt Stefan Bradl oder Alvaró Bautista die Werks-Aprilia fahren wird?

Ja, eine gute Frage.

Warum hat SPEEDWEEK.com nicht längst berichtet, dass Dani Pedrosa längst fix ist als Lorenzo-Nachfolger bei Movistar-Yamaha?

Ja, ein wirklich schwerwiegendes Versagen.

Warum hat SPEEDWEEK.com nicht verzapft, dass Cal Crutchlow 2017 bei Repsol-Honda fahren wird, wenn Dani Pedrosa zu Movistar-Yamaha wechselt?

Ja, auch nicht mitgekriegt, ärgerlich.

Warum hat SPEEDWEEK.com verschwiegen, dass Danilo Petrucci nächstes Jahr neben Jorge Lorenzo im Ducati-Werksteam fahren wird?

Sorry, noch ein schlimmes Versäumnis.

Und warum haben wir es nicht der Mühe wert gefunden zu berichten, dass Sam Lowes seinen MotoGP-Vertrag mit Aprilia stornieren will, um bei Tech3-Yamaha oder sonst wo anzuheuern?

Hm, wie kann angesichts der allgemeinen Informationspflicht so eine spannende Meldung bei einem renommierten Online-Portal einfach untergehen?

Die Gründe hierfür sind zahlreich und vielfältig.

Die Hauptursache: Weil wir hier keine Märchenstunde abhalten, weil es hier nicht um Stammtischgeplapper und nicht um persönliche Vorlieben geht und nicht um Blicke in eine KrIstallkugel. Und weil wir keine Informationen aus dritter Hand verwerten.

Ich habe immer den altmodischen Standpunkt vertreten, dass Nachrichten Neuigkeiten sein müssen, nach denen man sich richten kann. Ganz wie der Name sagt.

Ich informiere mich nicht durch Herumstöbern auf anderen Websites. Ich glaube nur das, was ich bei verlässlichen Gesprächspartnern selbst recherchiert habe. Und da ich mit sehr wenigen Ausnahmen bei allen Grand Prix seit mehr als 40 Jahren live dabei bin, habe ich auch keine Möglichkeit und vor allem kein Interesse, an einem GP-Weekend TV-Übertragungen zu verfolgen.

Aber natürlich wird man von Mitarbeitern oder im Bekanntenkreis nach der Rückkehr von einem WM-Lauf mit Themen und Fragen – wie oben angeführt – konfrontiert.

Man reagiert dann zuerst einmal mit Sprachlosigkeit. Danach werden ein paar Erklärungen fällig.

Fakt ist: Im Internet und im Fernsehgeschäft herrscht ein gewaltiger Konkurrenzkampf um Quoten, jeder will den anderen um jeden Preis übertrumpfen. Bei den Tageszeitungen ist es nicht anders; so genannte Qualitätsmedien existieren fast nicht mehr, dazu sind der Zeitdruck und der Konkurrenzdruck zu gross, verbunden mit personellen Einsparungen.

Ein Teufelskreis.

Nicht jede Neuigkeit ergibt Sinn

Gehen wir die erwähnten «News» kurz durch, wir halten uns möglichst an Fakten. Dass Stefan Bradl und Alvaró Bautista bei Aprilia für 2017 keinen fixen Vertrag haben, ist Tatsache und längst bekannt. Dass Andrea Iannone dort fahren wird, ist barer Unsinn.

«Es gibt kein Angebot von Aprilia an Iannone, nur belanglose Gespräche, das Übliche», erklärte Iannone-Manager Carlo Pernat heute gegenüber SPEEDWEEK.com. Und er liess durchblicken: Es sähe bei Ducati für 2017 gut aus, Suzuki wäre eine weitere Möglichkeit, sogar Repsol-Honda könne ein Thema werden, wenn Pedrosa weggeht.

Das heisst: Warum sollte sich Iannone ausgerechnet jetzt mit Aprilia einigen, wenn drei oder vier bessere Möglichkeiten winken, vielleicht auch ein Platz bei LCR?

Klar, Ducati muss sich zwischen Iannone und Dovizioso entscheiden, und das ist keine sehr leichte Wahl. Aber Iannone ist ein Eigengewächs, er wurde zuerst zwei Jahre bei Pramac aufgebaut und zeigt beachtlichen Speed, er ist unerschrocken und ausbaufähig. Vielleicht der ideale Partner für Lorenzo.

Dovizioso ist vier Jahre älter, seit einem Jahr weder schneller noch standfester als Iannone. Will Ducati mit zwei über-30-Jährigen aufmarschieren?

Übrigens: Bevor sich Crutchlow im Juli 2014 trotz eines Zwei-Jahres-Vertrags bei Ducati Richtung LCR verabschiedete, wollte Ducati ein Drei-Fahrer-Team machen. Iannone wäre einfach in Marlboro-Dsign auf einerm Werksbike mit Werksmechanikern im Pramac-Team geparkt worden. Womöglich wird so eine Idee auch für 2017 diskutiert, dann müsste wohl Scott Redding gehen.

Zweites Thema: Pedrosa sei fix bei Yamaha, das lässt sich kurz abhandeln. Yamaha wartet auf eine Entscheidung von Maverick Vinales (21), der 30-jährige Pedrosa ist zweite Wahl. Bevor sich Maverick nicht entschieden hat, wird kein Pedrosa engagiert.

Cal Crutchlow zu Repsol: Fünf Punkte in fünf Rennen, vier Rennstürze. Bei Ducati 2014 konstant eine Sekunde langsamer als «Dovi» gewesen, bei LCR-Honda schwächer als Bradl, 30 Jahre alt, leider ein MotoGP-Auslaufmodell.

Sonst noch Fragen?

Dann zu Danilo Petrucci: Der unterhaltsame Italiener zeigte und zeigt auf der Pramac-Ducati beachtliche Leistungen, aber er hat sich bisher nicht nachhaltig genug für ein Werksteam empfohlen. Deshalb wird ihn kein Manager, der ganz bei Trost ist, statt Dovizioso oder Iannone auf eine Werks-Ducati setzen. Das wäre eine Management-technische Bankrotterklärung.

Und genau so wenig wird das Märchen mit Sam Lowes wahr, dem nachgesagt wird, er habe eine Kündigung seines Aprilia-Vertrags geplant. Ein wörtliches Zitat seines Managers Roger Burnett vom heutigen Tag: «Da ist absolut nichts Wahres dran.»

Wo sollte der Moto2-WM-Zweite Sam Lowes auch hingehen? Bei Tech3-Yamaha ist Jonas Folger engagiert worden, der Bayer ist der angekündigte Rookie aus der Moto2. Tech3-Yamaha-Teambesitzer Hervé Poncharal hat auf SPEEDWEEK.com längst verkündet: «Wir wollen einen Rookie und einen Piloten mit MotoGP-Erfahrung, am liebsten Pol Espargaró.»

Druck steigt: Entscheidungen fallen immer früher

Natürlich ist die spanische Tageszeitung «El Pais» kein reisserisches Boulevardblatt. Und die Kollegen vom TV-Sender «BT Sports» sind üblicherweise gut informiert, auch die Eurosportler bemühen sich nach Leibeskräften.

Aber manchmal wird aus der Hüfte geschossen. Mitunter reicht offenbar vor lauter Begeisterung über eine sensationelle «Exklusiv»-Meldung die Zeit fürs Recherchieren nicht. Gerüchte werden als Fakten verkauft, belanglose Gespräche für Vertragsverhandlungen gehalten.

Ich habe noch nie behauptet, selbst vor solchen Fehlern gefeit zu sein. Denn manchmal wird man schlicht und einfach belogen, auch von namhaften Entscheidungsträgern. Aber mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer.

Bei neugierigen Nachforschungen hat sich herausgestellt, die Hälfte der erwähnten Märchen sind von erfindungsreichen Superbike-WM-Reportern in die Welt gesetzt worden. Einer von diesen hat schon im September 2015 den Vogel abgeschossen mit der Meldung, Stefan Bradl werde 2016 mit Markus Reiterberger auf BMW die Superbike-WM fahren.

Zu einem Zeitpunkt wohlgemerkt, als Bradl schon einen Aprilia-Werksvertrag für 2016 samt Option für 2017 in der Tasche hatte. Dieser italienische Kollege muss ein Tierliebhaber sein, deshalb setzt er eine Ente nach der andern in die Welt.

Es ist natürlich schwer, im Druck enes GP-Weekends den Überblick zu behalten, denn die Umstände und Situationen ändern sich blitzartig. Früher hatten die Fahrer bis August oder September Zeit, sich zu bewähren und für einen neuen Vertrag zu empfehlen.

Jetzt werden die Verträge schon vor dem ersten Grand Prix abgeschlossen – wie bei Rossi und Smith.

Fahrer wie Dovizioso, Iannone, Crutchlow und so weiter wissen, dass vielleicht schon nach drei oder vier Rennen ein weireichendes Urteil über ihre Zukunft gefällt wird.

So entsteht ein unermesslicher Druck. Der Gagen-Unterschied zwischen einem Platz bei Pramac-Ducati und Ducati Corse kann schliesslich 2 Millionen Euro betragen. Der Unterschied zwischen Tech3 und Movistar sieht nicht anders aus, bei LCR und Repsol ist es ähnlich.

Ducati hat wegen der frühen Verlautbarung des Lorenzo-Deals die Erfolgsaussichten für 2016 stark kompromittiert. Iannone und Dovizioso haben in Las Termas und Le Mans vier Nuller durch Stürze fabriziert.

Am Freitag hiess es bei Ducati in Le Mans noch, man werde die Entscheidung zwischen Dovizioso und Iannone erst nach dem Barcelona-GP treffen.

Seit gestern ist klar: Sie wird vor Mugello fallen. Weitere Sturzorgien in Rot kann beim Heim-GP in Mugello in Borgo Panigale niemand gebrauchen.

Schlimm genug, dass begabte Asse wie Iannone und Dovizioso in der MotoGP-WM mit 65 und 67 Punkten Rückstand nur noch auf den Rängen 10 und 11 liegen.

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