Deutschland-GP: Keine Alternative zum Sachsenring?

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Der finanzschwache Sachsenring-Veranstalter SRM GmbH muss das Stammkapital verdoppeln und eine Vertragserfüllungsbürgschaft erbringen. Sonst gibt es keinen Sachsenring-GP mehr.

Am Wochenende des GP von Deutschland auf dem Sachsenring ist vor drei Wochen verkündet worden, dass der ADAC mit der Dorna einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen hat.

Aber der Austragungsort des deutschen MotoGP-Events für die nächsten Jahre steht noch nicht endgültig fest.

Die Sachsenring Rennstrecken Management GmbH hat den Grand Prix in den letzten fünf Jahren als Promoter veranstaltet und das finanzielle Risiko getragen.

Das ist eigentlich nicht Aufgabe einer Gesellschaft, die von den umliegenden Gemeinden von Hohenstein-Ernstthal über Oberlungwitz bis Gersdorf finanziert wird und deren Geschäftsmodell in dem Moment zusammenbricht, indem der ADAC einen anderen GP-Schauplatz bestimmt.

Das ist zwar weder die Absicht des ADAC noch der Dorna, aber unter den bisherigen wackligen Voraussetzungen will ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk das Kapitel Sachsenring-GP nicht über weitere fünf Jahre fortschreiben.

Jetzt steht die SRM unter Zeitdruck, Tomcyzk will bis Mitte August ein tragfähiges Konzept für die Zukunft auf dem Tisch haben.

Wolfgang Streubel, Geschäftsführer der Sachsenring-Rennstrecken-Management GmbH (SRM), hatte bereits am GP-Weekend angekündigt, dass man die vom ADAC geforderten Voraussetzungen bis 11. August erfüllen werde.

Es geht hier um die Einigung mit Grundstückseigentümern, es ist sogar von einer neuen gemeinsamen Grundstücks GMbH mit allen Beteiligten die Rede.

Die SRM muss als Motorrad-GP-Veranstalter jetzt sogar die Sicherung einer sogenannten Vertragserfüllungsbürgschaft gewährleisten. Die SRM-Hausbank Sparkasse Chemnitz hat grössere Sicherheiten eingefordert. In den letzten Jahren hatte die SRM GMbH nämlich Verbindlichkeiten bis zu 780.000 Euro in den Büchern stehen, sie dürfte sich jeweils grossteils durch die im November und Dezember beginnenden Ticket-Vorverkäufe von einem Jahr zum andern vor der Zahlungsunfähigket gerettet haben.

So musste die SRM ihr Stammkapital bereits 2013 auf 197.500 Euro erhöhen. Inzwischen ist das wirtschaftlichen Risiko für den GP-Promoter wegen der steigenden Dorna-Gebühren so hoch geworden, dass die SRM die vom ADAC verlangte Bürgschaft nicht beibringen kann. Deshalb fanden in allen Gemeinden, die an der SRM GmbH beteiligt sind, seit dem Grand Prix 2016 Sondersitzungen mit Bürgervertretern statt. Dadurch sollten die beteiligten Bürgermeister die Erlaubnis erhalten, in einer SRM-Gesellschafterversammlung der Verdoppelung des Stammkapitals zuzustimmen.

Die Kommunen müssen also neue Geschäftsanteile übernehmen.

Gersdorfs Bürgermeister und SRM-Geschäftsführer Wolfgang Streubel blickte den Entscheidungen gelassen und zuversichtlich entgegen. Aber alle wussten: Wenn die Stammkapital-Erhöhung abgelehnt wird, wird der Grand Prix nicht mehr auf dem Sachsenring stattfinden. Es sei denn, es findet sich ein anderer Veranstalter.

Die Gemeindevertreter zeigten sich optimistisch, denn die Gemeinderäte und der Stadtrat von Hohenstein-Ernstthal haben bisher bei solchen Entscheidungen immer zugunsten des Grand Prix gestimmt. Es sind sich alle Beteiligten in Sachsen einig, dass die finanzielle Basis der SRM GmbH auf eine bessere Basis gestellt werden muss – denn der Grand Prix bringt Umsätze von mehr als 20 Millionen Euro in die Region.

Gleichzeitig muss die SRM GmbH in den nächsten fünf Jahren Investitionen von bis zu 13,5 Millionen Euro tätigen, um die Infrastruktur zu verbessern und den Belag zu erneuern.

Rund 2 Millionen Euro an verdeckten Zuschüssen hat die SRM in den letzten drei Jahren vom Freistaat Sachsen erhalten.

Bezahlt wurden diese Zuschüsse durch eine Werbekampagne. Da die Einnahmen durch Bannerwerbung an der Strecke und im TV-Bereich aber in die Taschen der Dorna fliessen, dürfen die Transparente überwiegend nur ausserhalb der Rennstrecke platziert werden, wo sie kaum jemand wahrnimmt, zumindest keine TV-Kamera. «So geht sächsisch», ist dort zu lesen. Und sogar auf Englisch: «Simply Saxony.»

Da es sich beim Sachsenring um keine permanente Rennstrecke handelt, ein Unikum im GP-Kalender, ist der Aufwand für die Bereitstellung der Infrastruktur jedes Jahr mit enormen Kosten verbunden. Allein die Errichtung der temporären Tribünen kostet jedes Jahr bis zu 700.000 Euro.

Dazu sind neben der SRM eine ganze Reihe anderer Vertragspartner beteiligt, zum Beispiel der ADAC Sachsen als sportlicher Ausrichter. Der sportliche Ausrichter stellt die Feuerwehr, er bezahlt die Streckenposten, er kümmert sich um den medizinischen Bereich, um die mobile Streckensicherung, um die Technische Abnahme für die Rahmenrennen und stellt die Startmannschaft im Start/Ziel-Bereich.

«Im sportlichen Bereich sind vom ADAC Sachsen rund 500 Leute im Einsatz», schilderte Dr. Lutz Oeser, Event Manager des ADAC Sachsen.

Promoter braucht mehr Geld

Das grösste Problem für den SRM waren in den letzten Jahren die Finanzen. Das Konzept beim GP von Deutschland hinterlässt einen seltsamen Eindruck: Die ADAC-Zentrale in München handelt die Gebühren mit der Dorna aus, die SRM wird vor vollendete Tatsachen gestellt, trägt aber das gesamte finanzielle Risiko.

Diese Suppe haben sich die Bürgermeister und Gemeinden aber selbst eingebrockt, als sie im September 2011 blitzartig anstelle des ADAC Sachsen den Grand Prix übernahmen, als sich der langjährige GP-Promoter (von 1998 bis inklusive 2011) zurückzog, weil für 2012 ein Verlust von 650.000 Euro drohte. Denn die Dorna hatte beim ADAC in München die GP-Gebühren von 1,5 auf 3 Millionen erhöht.

Die SRM-Verantwortlichen hätten im Herbst 2011 wesentlich hartnäckiger verhandeln müssen. Aber die liebenswürdigen Konsens-Politiker und leidenschaftlichen GP-Befürworter aus Sachsen liessen sich vom ADAC über den Tisch ziehen – und müssen sich bis heute wie armselige Bittsteller vorkommen.

«Wolfgang Streubel ist beratungsresistent», ist in Sachsen zu hören. Es fehle dem Bürgermeister von Gersdorf an Zivilcourage und am Geschäftsinn, zudem habe er unprofessionelle Berater im Hintergrund. Mit Logistikpartner JF Consulting GmbH komme es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten, ist zu hören. Die SRM müsse die Kosten senken und die Einnahmen erhöhen, lautet der Tenor.

Trotz all dieser Ungereimtheiten ist die Situation im Zusammenhang mit dem deutschen Grand Prix für GP-Vermarkter Dorna Sports recht lukrativ. Es besteht ein langfristiger Deal mit dem ADAC und nicht mit irgendeinem Verein oder Lieschen Müller, der ADAC bezahlt die Gebühren gemäss dem fixen Betrag zuverlässig.

Die Idee, den deutschen WM-Lauf in den nächsten fünf Jahren womöglich abwechselnd auf dem Nürburgring und in Sachsen auszutragen, wird sich kaum in die Tat umsetzen lassen.

Irgendwie werden sich also in den nächsten Tagen und Wochen die Vertragspartner inklusive Freistaat Sachsen zusammenraufen und den attraktiven Grand Prix weitere fünf Jahre über die Bühne bringen. «Man wird in Sachsen zusammenrücken. Es gibt ja in Deutschland keine Alternative für den Standort Sachsenring», versicherte uns ein GP-Funktionär.

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