Hard Enduro: Kalenderstreit zwischen Top-Fahrern und Veranstalter eskaliert
HEP und Ross Whitehead wehren sich defensiv gegen die Fahrer-Kritik und ignorieren damit Budgetprobleme, Amateure und Fakten. Die Analyse zeigt: Der Dialog stockt, die WM wackelt.
Nur einen Tag nach der vielbeachteten Pressemitteilung der World Enduro Riders Association (WERA), in der Top-Fahrer wie Alfredo Gomez, Manuel Lettenbichler, Mario Roman und Billy Bolt ihre Teilnahme an der FIM Hard Enduro World Championship (HEWC) 2026 auf maximal sechs Runden beschränken und massive Kritik an Promoter ProTouchGlobal bzw. der neu gegründeten Hard Enduro Promotions Marketing Management LLC (HEP) und dessen Championship Manager Ross Whitehead äußerten, hat der Veranstalter reagiert. In einem offiziellen Statement auf der HEWC-Website wehrt sich HEP gegen die Vorwürfe und betont den Bedarf an Wachstum und Professionalisierung. Doch eine genaue Betrachtung zeigt: Die Reaktion wirkt defensiv und greift die Kernprobleme der Fahrer kaum auf. Im Folgenden zunächst eine neutrale Zusammenfassung der Kernaussagen des Statements, bevor wir es kritisch aus der Perspektive des Fahrerlagers beleuchten.
Neutrale Zusammenfassung der Kernaussagen des HEP-Statements:
Anerkennung der WERA-Position: HEP erkennt die WERA-Erklärung an und unterstützt grundsätzlich das Konzept einer Fahrer-Vereinigung sowie konstruktiven Dialog, fordert jedoch Klarstellungen für die gesamte Hard-Enduro-Community.
Historischer Kontext und 2025-Saison: Die HEWC war unter dem Vorgänger-Promoter (WESS) auf acht Runden ausgelegt; HEP übernahm 2025 kurzfristig und realisierte sieben Runden (eine fiel aus); eine Reduzierung auf sechs Runden wird als Rückschritt gesehen, der dem Wachstum und der Professionalisierung des Sports widerspricht.
Position zur Kalendergestaltung: Weniger Runden bedeuten weniger Chancen für Fahrer, Teams, Sponsoren und Medien; Wachstum erfordert mehr Sichtbarkeit, stärkere Events und einen stabilen globalen Kalender; der Kalender muss alle Stakeholder berücksichtigen, nicht nur individuelle Sponsoren-Vorlieben von Fahrern; der genannte Termin-Konflikt (z. B. Forza Orza vs. Tennessee Knock Out) betrifft nur zwei von ca. 40 Fahrern.
Kritik an WERA's Repräsentativität: Die WERA besteht derzeit aus sechs Fahrern ohne volle Einigkeit; sie kann nicht für das gesamte Paddock sprechen, ohne eine breitere Vertretung.
Fortschritte in der Saison 2025: HEP hat Fahrer-Wünsche umgesetzt, darunter einen kompakten Zeitplan (April bis Oktober, um SuperEnduro zu berücksichtigen), neue Kategorien (Youth, Senior, Women’s World Cup), professionelleres Paddock, dedizierte Pressekonferenzen, Autogramm-Sessions, Events mit größerem Publikum und Rennen mit über 1.000 Teilnehmern; finanzielle Unterstützung war unter dem Vorgänger nie vorhanden, doch volle Saisons wurden gefahren; Erwartungen an HEP (seit weniger als einem Jahr aktiv) seien unrealistisch.
Widersprüche in WERA's Argumentation: Finanzielle Belastungen werden betont, doch Fahrer reisen interkontinental für Events wie Tennessee Knock Out, lehnen aber nah gelegene wie XL Lagares ab; Fahrer fühlten sich jahrelang unter dem Vorgänger ignoriert; regelmäßige Feedback-Runden wurden bereits durchgeführt.
Zukunft und Verpflichtungen: HEP ist in Gesprächen mit Factory-Teams und Organisatoren und zuversichtlich, dass Teams den vollen 2026er-Kalender bestreiten; HEP steht hinter dem Kalender und ist offen für strukturierte Dialoge zur nachhaltigen Weiterentwicklung.
Kritische Betrachtung: Ignoranz gegenüber der Realität der Fahrer und des Sports
Aus journalistischer Sicht ist das HEP-Statement sachlich formuliert und betont Fortschritte, doch es wirkt wie eine Verteidigung, die die drängenden Probleme der Fahrer und der Branche eher bagatellisiert als löst. Aus der Perspektive der WERA-Argumentation, die auf realen Budget- und Logistik-Herausforderungen basiert, erscheint die Reaktion nicht nur defensiv, sondern teilweise realitätsfern und unfair. Die tatsächliche Situation der Profis – reduzierte Budgets nach der Pandemie, steigende Logistikkosten über Kontinente hinweg und die Notwendigkeit, Non-HEWC-Events wie Red Bull Erzbergrodeo oder Romaniacs zu fahren – wird nicht ernst genommen, sondern ins Lächerliche gezogen, indem HEP impliziert, dass sechs Runden ein Rückschritt seien, ohne auf die wirtschaftlichen Zwänge einzugehen. Stattdessen wird Wachstum als Allheilmittel präsentiert, ohne konkrete Maßnahmen zur Entlastung vorzuschlagen.
Besonders erwähnenswert ist die Verzerrung beim «Scheduling-Conflict» (Forza Orza vs. Tennessee Knock Out): HEP behauptet, dieser Konflikt betreffe «nur zwei von etwa 40 Fahrern» – eine grob verzerrende Darstellung. Faktisch schloss die HEWC 2025 in der Hauptkategorie (Pro/Elite) lediglich etwa mit 17 Fahrern die Saison ab. Das aktive Elite-Feld ist also deutlich kleiner als suggeriert. Die von der HEP angeführten sechs Fahrer der WERA repräsentieren somit 35 Prozent des Fahrerfeldes. Zudem ist der Konflikt keineswegs auf «ein paar Red-Bull-Athleten» (mindestens Lettenbichler, Bolt und Young) beschränkt: Viele weitere Profis priorisieren prestigeträchtige Non-HEWC-Events wie den Tennessee Knock Out wegen massiver Zuschauerzahlen, Sponsoren-Sichtbarkeit und Karriere-Relevanz. HEP ignoriert damit, dass solche Events für die gesamte Spitze essenziell sind – nicht nur für einzelne Sponsoren-Gruppen.
Unfair ist der direkte Angriff auf Sponsoren wie Red Bull, den HEP als «individuelle Sponsoren-Vorlieben» abtut. Red Bull unterstützt nicht nur einzelne Fahrer, sondern ist ein Eckpfeiler des Sports – Events wie Erzbergrodeo oder Romaniacs sind Ikonen, die die Szene am Leben halten. Indem HEP andeutet, Fahrer müssten zwischen «Weltmeistertitel» und «persönlichen Sponsoren-Verpflichtungen» wählen, verlagert es die Verantwortung auf die Athleten und ignoriert, dass Sponsoren wie Red Bull den Sport finanziell tragen. Das wirkt wie eine Schuldzuweisung, die die Fahrer in eine unmögliche Position bringt, anstatt kooperativ zu sein.
Gravierend weiterhin: Das Statement ignoriert vollständig die weniger finanzstarken Factory-Teams wie Sherco, Rigo oder Beta, die möglicherweise keine Puffer für interkontinentale Reisen haben. WERA hatte explizit auf branchenweite Budgetkürzungen hingewiesen, doch HEP fokussiert sich auf «große Factory-Teams» und ihre «Zusicherungen», ohne diese Gruppen zu adressieren. Ebenso werden die Amateure und Privatiers komplett ausgeblendet – jene, die den Großteil der Teilnehmer ausmachen und deren prekäre Lage (hohe Reisekosten, keine Sponsoren) den Sport am meisten belastet. Hard Enduro lebt von der Mischung aus Profis und Amateuren, doch HEP's Vision von «Wachstum» scheint nur die Elite im Blick zu haben, was die Basis des Sports untergräbt.
Faktische Ungenauigkeiten unterstreichen die Kritik: HEP rühmt sich «dedizierter Pressekonferenzen bei jedem Rennen» – doch aus eigener Beobachtung (z. B. bei mindestens einem Event vor Ort) gab es solche nicht, was die Professionalisierungs-Bekundungen hohl wirken lässt. Die Reduzierung der WERA auf «sechs Fahrer ohne volle Einigkeit» ist nicht nur unfair, sondern ignoriert die Fakten: Die Vereinigung wurde erst im Oktober 2025 gegründet und umfasst bereits vier der besten Athleten, darunter Manuel Lettenbichler als fünffacher Weltmeister. WERA spricht für eine wachsende Gruppe, die jahrelange Ignoranz satt hat – doch HEP tut das als «begrenzt» ab, ohne auf die substantiellen Argumente (z. B. Logistik für Roof of Africa oder Sea to Sky) einzugehen.
Zusammenfassend: Das Statement von HEP signalisiert Offenheit für Dialog, doch es nimmt die WERA-Argumentation nicht wirklich ernst – stattdessen werden Widersprüche konstruiert und Verantwortung abgeschoben. Für den Sport könnte das kontraproduktiv sein: Ohne echte Zugeständnisse an Fahrer und Teams droht eine Spaltung, die die HEWC schwächt. Der Ball liegt nun bei HEP – ein echter Austausch statt Rhetorik wäre der nächste Schritt für eine nachhaltige Zukunft des Hard-Enduro-Sports.
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