Formel 1

Sauber: Monisha Kaltenborn – Gründe für die Trennung

Von Mathias Brunner - 22.06.2017 10:02

​Monisha Kaltenborn (46), ab 2012 die erste Teamchefin in der Formel 1, ist ihren Job los. Sauber-Besitzer Longbow hat die Trennung bestätigt. Über genaue Hintergründe schweigt sich die Investment-Firma aus.

Was am Mittwochmorgen als Gerücht durchs Fahrerlager des «Baku City Circuit» geisterte, wurde in der Nacht auf Donnerstag vom Sauber-Besitzer «Longbow Finance AG» bestätigt.

Verwaltungsrats-Chef Pascal Picci: «Longbow Finance SA bedauert bekanntzugeben, dass Monisha Kaltenborn ihre Positionen bei der Sauber-Gruppe mit sofortiger Wirkung beendet. Unterschiedliche Sichtweisen führten zu einer sofortigen Beendigung der Zusammenarbeit in beidseitigem Einvernehmen. Demnächst wird bekanntgegeben, wer ihre Funktionen übernehmen wird.»

Seither dominieren zwei Fragen: Wieso genau musste Kaltenborn gehen? Und wer wird ihr Nachfolger?

Kaltenborn muss vorgehalten werden, auf zwei Ebenen versagt zu haben. Die eine hängt eng mit der anderen zusammen. Seit Jahren ist der Rennstall ohne potente Geldgeber. Die finanzielle Misere führte zur sportlichen Krise, Sauber rutschte in eine verhängnisvolle Abwärtsspirale. Aufgrund beschränkter Mittel konnten viele gute Idee der Sauber-Techniker nicht umgesetzt werden, das Team rutschte in der WM zurück, was die Finanzlage weiter verschärfte – wegen verringerter Einnahmen aus dem Preisgeldtopf.

Der Schritt zu den sündhaft teuren Turbomotoren verschlimmerte die Situation: Sauber wurde 2014 nur WM-Zehnter und blieb erstmals überhaupt in der Firmenhistorie ohne einen einzigen WM-Zähler. 2016 rettet nur die heldenhafte Fahrt von Felipe Nasr im Chaos-GP von Brasilien Sauber vor einer zweiten punktelosen Saison. Derzeit liegt Sauber auf dem neunten Zwischenrang, wenn sich McLaren-Honda endlich von der Krise erholt, wird Sauber die WM wohl auf dem letzten Rang abschliessen.

Monisha Kaltenborn stand auch hinter der vertrackten Situation, für die Saison 2015 vier Fahrer unter Vertrag zu haben: Marcus Ericsson, Felipe Nasr, Adrian Sutil und Giedo van der Garde. Der Niederländer van der Garde zog vor Gericht, Adrian Sutil ebenso. Sauber war aus den falschen Gründen in den Schlagzeilen.

Monisha Kaltenborn verteidigte sich damals damit, dass es unerlässlich gewesen sein, Ericsson und Nasr zu verpflichten, um das Überleben des Rennstalls sicherzustellen.

Kaltenborn wird ebenfalls vorgeworfen, für das Fiasko Sirotkin verantwortlich zu sein: 2013 sollte der junge Sergej Sirotkin (heute dritter Mann bei Renault) in Ruhe an die Formel 1 herangeführt werden, doch aus dem erhofften Rubel-Regen aus Russland wurde nichts. Die Hintergründe für das Scheitern wurden nie erklärt.

Den neuen Besitzern mangelt es 2017 an sichtbaren Fortschritten: Eine geniale Rennstrategie für Pascal Wehrlein in Spanien erbrachte Rang 8, sonst stünde Sauber erneut ohne Punkte da. Die Aufgabe des Mercedes-Juniors sowie von Marcus Ericsson ist schwierig – sie mühen sich mit Vorjahrsmotoren von Ferrari ab. Aber es war Kaltenborn, welche die Weitsicht hatte, Ericsson ins Team zu holen. Das war letztlich die Rettung des Rennstalls.

Überhaupt muss bei aller berechtigten Kritik an der gelernten Juristin festgehalten werden: Letztlich war es Monisha Kaltenborn, die das leckgeschlagene Sauber-Schiff über Wasser hielt, bis Longbow einstieg. Es war auch Kaltenborn, die den Weg zu Honda-Motoren ebnete. Ob das ab 2018 Segen oder Fluch ist, wird sich zeigen.

Kritiker werfen Kaltenborn vor, zu wenig Racer, sondern eher Rechner gewesen zu sein, eben keine Führungspersönlichkeit mit Benzin im Blut, wie es Peter Sauber war, obschon der Firmengründer das immer von sich gewiesen hat.

Die besten Jahre hatte Sauber hinter sich, und nicht alles ist dabei Schuld von Kaltenborn, wie ein genauerer Blick zurück auf die letzten Jahre zeigt.

Starke Partner verloren

Potente Sponsoren waren bei Sauber in den letzten Jahren Mangelwar, so wie bei anderen Formel-1-Teams auch. Der malaysische Konzern Petronas wurde von Mercedes abgeworben. Sauber fuhr 2010 mit dem Logo des «Sauber Club One» auf der Motorverkleidung, einem Konzept der Agentur Publicis: Wer anonymes Mitglied in diesem exklusiven Zirkel wurde, erhielt die Vorteile eines Sponsors – vorwiegend zur Kontaktpflege auf den Rennplätzen mit wirtschaftlich Gleichgesinnten.

Die seit dem Jahr 2000 für Sauber tätige gelernte Anwältin Monisha Kaltenborn wurde zur Geschäftsleiterin ernannt, im Mai 2012 wurden ihr ein Drittel der Anteile am Rennstall übertragen, im Sinne der Kontinuität. Am 11. Oktober 2012 übernahm sie offiziell von Peter Sauber den Posten des Teamchefs. Als erste Frau auf solch einer Position.

2011 schien es wirtschaftlich aufwärts zu gehen: dank der Verbindung zur reichsten Familie der Welt. Der Mexikaner Carlos Slim Helú (heute 77 Jahre alt), Herr des Telmex-Imperiums (Telekommunikation) ist mit einem Vermögen von mehr als 80 Milliarden Dollar einer der reichsten Menschen der Welt. Helús Sohn Carlos Slim Domit (50) untersteht das Rennfahrer-Förderungsprogramm von Telmex. Dank Telmex kam Sergio Pérez für zwei Jahre zu Sauber. Telmex begünstigt auch die Verpflichtung von Esteban Gutiérrez für 2013.

Ein Reinfall war die 2013 angekündigte Kooperation mit einer Reihe von russischen Partnern (Investment Corporation International Fund, State Fund of Development of Nortwest Russian Federation sowie National Istitute of Aviation Technologies). Mit deren Hilfe sollte die langfristige Zukunft des einzigen Formel-1-Rennstalls mit Sitz in der Schweiz gesichert werden. Als Gegenzug sollte der junge Russe Sergej Sirotkin aufgebaut werden. Über die wahren Hintergründe zum Scheitern dieses Bündnisses wurde nie gesprochen.

Ins Leere liefen auch Verhandlungen mit dem steinreichen Lawrence Stroll. Der Kanadier wollte seinen Sprössling Lance mittelfristig in der Formel 1 unterbringen, der talentierte Junge wurde Mitglied der Ferrari-Fahrerakademie. Stroll wollte mehr, Ferrari wollte nicht, Stroll suchte neue Partner, Sauber wollte keine Anteile abgeben, daraufhin zogen Papa und Sohn Stroll zu Williams.

Formel-1-Preisgeld: Im gefährlichen Strudel

In der Formel 1 wird Erfolg belohnt und Misserfolg postwendend bestraft: Sauber schloss die Saison 2010 (das Jahr 1 nach BMW) auf Gesamtrang 8 im Markenpokal ab, 2011 steigerten sich die Schweizer auf Platz 7, 2012 dann auf den sechsten Rang (Mercedes als Fünfte wären sogar in Reichweite gewesen).

Gemäss des Preisgeld-Schemas von Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone besteht ein Platz besser oder schlechter aus mindestens zehn Millionen Dollar mehr oder weniger. Es folgten die WM-Platzierungen 7 (2013), 10 (2014, erstmals überhaupt eine Saison ohne Punkte) und 8 (2015).

Gleichzeitig musste Sauber für die neuen Turbo-Motoren ab 2014 rund 15 Mio Dollar im Jahr zahlen, die V8-Sauger kosteten pro Saison rund 9 Millionen. Nicht nur Sauber geriet wegen der sündhaft teuren Antriebseinheiten in Finanznöte: Das ging auch Force India und Lotus so. Caterham hatte zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben, aus Marussia wurde gewissermassen fünf vor zwölf Manor. Lotus wäre Ende 2015 in die Zahlungsunfähigkeit gerutscht – hätte Renault das Team nicht zurückgekauft.

Kalte Schulter aus der Schweiz

Seit Jahren fragen sich nicht nur Schweizer Fans: Wieso zeigen weltweit tätige Schweizer Grossunternehmen dem Sauber-Rennstall mit wenigen Ausnahmen die kalte Schulter? Die Antwort lautet brutal: Weil sie das Sponsoring bei einem Rennstall nicht brauchen.

Das jahrelange Engagement der Credit Suisse ging auf die Freundschaft zwischen Peter Sauber zum Banker Oswald Grübel zurück. Als Grübel von der CS zur UBS wechselte, versuchte er, den Vorstand von einem erneuten Formel-1-Abenteuer zu bewegen – in Form eines UBS-Sauber. Der Vorstand fand die Idee der Formel 1 prachtvoll, stieg jedoch in Form von Bandenwerbung ein.

Hintergrund: Dank Bandenwerbung sind die Logos der Grossbank viel länger im Bild zu sehen als mit dem eigenen Rennwagen.

Viele Fragezeichen bleiben

Die Frage bleibt: Wie geht es weiter? Picci teilt mit: «Demnächst wird bekanntgegeben, wer ihre Funktionen übernehmen wird.»
Was den langjährigen Teamchef Colin Kolles (Midland, Spyker, Force India, HRT) angeht, erhalten wir widersprüchliche Signale. Je nach Informant steht er auf einer Wunschliste oder kommt überhaupt nicht in Frage. Auf unsere Anfrage hat Kolles bislang nicht reagiert.

Im Fahrerlager von Baku ist sogar davon die Rede, dass der frühere Formel-2-Rennfahrer und Ericsson-Manager Eje Elgh (64) den Posten von Kaltenborn übernehme. Oder dass Technikchef Jörg Zander befördert werde.

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