Stefan Johansson packt aus: «Hybrid ist scheinheilig»

Von Rob La Salle
Formel 1
​Der langjährige Grand-Prix-Fahrer Stefan Johansson ist davon überzeugt, dass sich der Rennsport in die falsche Richtung bewegt. «Ein Rennwagen muss nicht gezwungenermassen serienrelevant sein.»

Stefan Johansson (60) ist kein Freund von politischer Korrektheit. Der 79fache GP-Teilnehmer (1985 und 1986 bei Ferrari, 1987 bei McLaren) findet in seinem Rennblog: «Dieses Verhalten durchdringt jeden Aspekt unseres Lebens, also logischerweise auch den Rennsport. Aber ich glaube, wir sind nun an einem Punkt angelangt, an dem wir den Standpunkt nicht mehr länger verteidigen können, wonach der Rennsport technischer Vorreiter für den Automobilbau sein soll. Um genau zu sein, ist es umgekehrt. Der Serienbau ist dem Rennwagenbau in vielen Bereichen längst enteilt, besonders auf Gebieten wie Elektronik oder Antriebstechnik.»

«Rennwagen sind dazu da, so schnell als möglich von Punkt A nach Punkt B zu gelangen. Bei Serienfahrzeugen hingegen wird uns vorgekaukelt, sie sollen dazu beitragen, den Planeten zu retten. Rennautos und Serienwagen sollten sich in verschiedene Richtungen entwickeln dürfen. Wenn wir aus dem Sport etwas für die Serie lernen können, schön, aber ich finde nicht, dass hier der Schwerpunkt gelegt werden sollte.»

«Ich halte Hybridtechnik jetzt nicht gezwungenermassen für etwas Gutes für einen Rennwagen. Jene Rennwagen oder –serien, wo solche Technik zum Einsatz kommt, erfinden nichts neu. Die Rennställe werden vielmehr durch das Reglement zu solcher Technik gezwungen. Selbst wenn ein Team ein anders Konzept oder einen frischen technischen Ansatz versuchen möchte, dürften sie es nicht. Also wird Technik aus der Serie entlehnt und für den Rennsport angepasst.»

«Ich finde, wir haben uns in Rennserien wie mit der Formel 1 auf einen Holzweg begeben, was ein sinnvolles Konzept angeht. Das ist nicht mehr, was ein Rennwagen sein sollte. Niemand im Sport hat etwas von dieser wahnsinnig komplexen und teuren Hybridtechnik. Die Technik im Serienauto ist weiterentwickelt als in jedem Formel-1- oder LMP1-Renner. Und wenn wir uns die aerodynamische Seite betrachten: Die ist für den Serienbau nun wirklich nicht von Belang.»

«Ein Teil des Problems wittere ich bei den Werbeabteilungen der Autohersteller. Gewiss ist es eindrucksvoll, wenn Marketing-Spezialisten von diesen tollen Antriebseinheiten schwärmen, wie effizient diese Motoren arbeiten und das alles. Aber unter dem Strich ist das alles nur PR, nichts Anderes.»

«Ich meine, wenn wir von der ach so tollen Effizienz der Formel-1-Motoren sprechen, dann spazieren wir doch beim britischen Grand Prix mal vom Fahrerlager hinüber zum Parkplatz, wo 350 Lastwagen stehen, die den ganzen Formel-1-Tross kreuz und quer durch Europa karren. Top-Teams verwenden ein Dutzend Laster nur für ihre gewaltigen Gastbereiche. Ich weiss, diese Argumentation hinkt, aber ich will nur zeigen, wie scheinheilig das Öko- und Hybridthema in Wahrheit ist.»

«Fakt ist: Es wird so viel Geld ausgegeben, dass das auf die Länge einfach nicht haltbar ist. Bei den Langstreckenautos finde ich das noch schlimmer als bei Werksrennern in der Formel 1. Ich habe mir in England beim Langstrecken-WM-Lauf erlaubt, mich mit einigen Piloten zu unterhalten. Frei heraus – sie können diese Autos nicht ausstehen. Sie sehen sie als Fingerübung für die Ingenieure. Du musst dich als Fahrer mit der ganzen Hybridtechnik befassen, statt dich darauf zu konzentrieren, einen Rennwagen hart und schnell zu fahren. Sie fühlen sich eher wie Linienpiloten, die auch ständig Checklisten durchgehen.»

«In der Formel 1 beschäftigen die Top-Teams 250 Designer und Ingenieure, und wir reden hier nur vom Chassis. Dabei finden wir im GP-Sport keine echte Innovation mehr. Nicht, weil diese Fachkräfte das nicht können, sondern weil das Reglement ihnen dazu keine Möglichkeit schenkt. Es geht nur noch darum, an Details zu feilen. Die hellsten Köpfe der Branche werden in Schubladen gesteckt. Das finde ich sehr bedauerlich.»

«Es geht heute darum, irgendwo ein halbes Prozent Optimierung zu finden. Ich sähe es lieber, wenn ein Techniker die Freiheit hätte, eine komplett neue Idee umzusetzen. Das würde wieder dem Pioniergeist der Formel 1 entsprechen. Colin Chapman verfeinerte die Idee eines Autos, das durch umgedrehte Flügelprofile in den Seitenkästen Abtrieb erzeugt. Ken Tyrrell baute einen Sechsradrenner. DAS waren Ideen!»

«Wir sollten den Ingenieuren wieder mehr Freiheiten geben. Und wir sollten uns daran erinnern, was Rennsport wirklich sein sollte – aussergewöhnlich begabte junge Menschen balancieren die schnellsten Autos der Welt auf der Rasierklinge. Dies, gepaart mit mehr technischer Freiheit für die Designer, ist Faszination genug. Wir sollten Autos haben, deren Technik den Fans einleuchtet. Heute brauchen wir endlose Erklärungen, was wir hier überhaupt sehen. Wir brauchen keine künstlichen Überholhilfen wie den verstellbaren Heckflügel, wir brauchen auch keine FIA-Blauhemden in der Rennleitung, die entscheiden, ob ein Pilot nun ein wenig zu weit von der Ideallinie weg war. Wir bräuchten vielmehr Pisten, auf welchen das Ausloten der Pistengrenzen dazu führt, von der Bahn zu fliegen und aufgeben zu müssen.»

«Ich bin sicher, jeder Fan weiss die Leistung der Grand-Prix-Piloten zu würdigen. Aber heute haben wir Autos, die für den Fahrer zu viel übernehmen. Wir haben Strecken, auf welchen Fahrfehler nicht bestraft werden. Die Rennwagen sind zu leicht zu fahren. Wenn ein Jungspund in einen Formel-1-Renner hüpfen kann und nur eine halbe Sekunde langsamer ist als ein dreifacher Weltmeister, dann finde ich das einfach nicht anziehend.»

«Wir sollten den Schwerpunkt nicht auf die Aerodynamik legen, sondern auf Reifen, bessere Aufhängungen, den Motor. Ich würde gerne mehr Rennstrecken sehen mit schnellen Kurven, wo du richtige Eier in der Hose haben musst, um schnell zu sein. Von mir aus können die Kurventempi sinken, aber gebt den Piloten 1200 PS, die sie bändigen müssen, dann werden wir schon sehen, wer wirklich autofahren kann. In einem Auto mit guter Aerodynamik kann jeder schnell fahren. In einem Renner mit unbändig viel Leistung können das nur die Besten.»

«Ich habe natürlich auch nicht die Ideallösung für alles. Das ist ein hochkomplexes Thema, und jeder hat seine eigene Ansicht, in welche Richtung wir gehen sollten. Ich will auch nicht als Ewiggestriger rüberkommen, denn die guten alten Tage waren gar nicht immer so gut. Aber ich bin der Überzeugung, wir sollten den Schwerpunkt anders legen. Aerodynamik ist eine feine Sache, aber sie ist sündhaft teuer und sie hat den Rennsport auf jeder Ebene gründlich ruiniert. Wir müssen eine bessere Alternative finden.»

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