Ferrari und Kimi Räikkönen: Warnung vor Missbrauch

Von Mathias Brunner
​Rennstrategien, die auf Sebastian Vettel zugeschnitten sind; Kimi Räikkönen nach dem Start zum China-GP brutal zur Seite gedrängt – der Finne spielt bei Ferrari zweite Geige. Und der Unmut darüber wächst.

Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen erhalten bei Ferrari das gleiche Material. Aber darüber hinaus gilt für die Ferrari-Stars, in Anlehnung an George Orwell und «Farm der Tiere»: «Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen.»

Es ist kein Zufall, dass die Strategien von Ferrari in den letzten Jahren Kimi Räikkönen gewiss nicht begünstigt haben. Klar hat Sebastian Vettel in den entscheidenden Phasen von Rennen wie in Monaco 2017 auch genug Gas gegeben, um die Führung zu verdienen. Aber sollte die Ferrari-Führung das Verhalten Kimi gegenüber nicht langsam überdenken?

Fakt ist: Kurz nach dem Start drängte WM-Leader Sebastian Vettel seinen Stallgefährten Räikkönen gnadenlos nach rechts. Seinen Platz mit ausgefahrenen Ellbogen zu verteidigen, das kennen wir seit Jahren, Ayrton Senna und Michael Schumacher haben das nicht anders gemacht. Was Vettel dabei vergass: An die Innenseite von Kurve 1 gequetscht zu werden, das kostete den Finnen Räikkönen zwei Plätze, er fiel hinter Bottas und Verstappen zurück. Vettel war damit sein Schutzschild los.

Für einmal schien das nicht so wichtig zu sein: In der Anfangsphase des China-GP führte Sebastian Vettel souverän. Im späteren Verlauf des Rennesn wurde erneut klar, auf welchen Fahrer Ferrari setzt. Kimi wurde viel zu lange auf der Bahn gelassen. Sky-GP-Experte Martin Brundle: «Hier wurde offensichtlich versucht, Vettel näher an den hinter Kimi liegenden Bottas heranzubringen.»

Auch Räikkönen hat eine Schmerzgrenze: Nach dem Rennen monierte der Weltmeister von 2007 die Aktion kurz nach dem Start, ohne das Wort Vettel in den Mund zu nehmen. «Wenn ich nicht vom Gas gegangen wäre, dann hätte es gekracht.» Und er fügte hinzu: «Ich wurde zu lange auf der Bahn gelassen.»

In Italien regt sich Kritik. Kimi Räikkönen wird von den Fans für seine sperrige Art geliebt. Von den Journalisten erhält er viel Anerkennung für loyale Arbeit und unpolitisches Wesen. «Aber Kimi ist nicht naiv», sagt Andrea Cremonesi von der Gazzetta dello Sport. «Er weiss, dass Ferrari in Sachen Weltmeister ganz auf Vettel setzt. Ich frage mich nur: Wenn mit solchen Aktionen Kimi die Entschlossenheit und der Schneid abgekauft wird, wie lange herrscht im Team dann noch Harmonie?»

Auch die italienische Formel-1-Journalistenlegende Pino Allievi warnt Ferrari vor Missbrauch des Finnen. Der langjährige GP-Berichterstatter der Gazzetta dello Sport sagt: «Die Siege in Australien und Bahrain waren schöne Team-Erfolge, die Niederlage von China hingegen geht auf wirres und gestörtes Denken zurück. Das beginnt beim Start. Vettel hat Kimi die Tür vor der Nase zugeschmissen. Ergebnis: Räikkönen musste eine Kollision verhindern und verlor Plätze. Ein unsympathisches und schädliches Manöver. Mit zwei Ferrari da vorne wäre das Rennen ganz anders verlaufen.»

«Dann sieht sich Kimi, enttäuscht und resigniert, als Bremsklotz für Bottas eingesetzt. Das war hässlich und genau eine jener Aktionen, die Ferrari bei anderen Rennställen oft kritisiert hat.»

«Seit Jahren muss sich Kimi Vorwürfe anhören, er sei apathisch und sein Talent dringe nur noch stossweise durch. Aber 2018 fährt er mit anderem Geist. Er erinnert mich an den früheren Champion. Das muss Ferrari doch nutzen! Stattdessen wurde Räikkönen in Australien von der Strategie bestraft und als Steigbügelhalter Vettels benutzt – das Versuchskaninchen für Experimente und Taktikspielchen. Das ist ein überwältigender Fehler, der sich auf die Moral jedes Piloten schlagen muss. Welchen Willen zu 18 guten Rennen sollte Räikkönen haben, wenn er weiss, dass er ohnehin aussortiert wird?»

«Red Bull Racing ist der beste Beweis dafür, wie ein angeblicher zweiter Fahrer auf einmal die Kohlen aus dem Feuer holt. Solche Fahrer holen die unerwarteten Siege in einer Formel 1, die komplett unberechenbar bleibt. Ferrari sollte sich das gut betrachten. Und dann in aller Ruhe bedenken, ob es sich wirklich lohnt, derart selbstgefällig und zynisch Ergebnisse einzufahren.»

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