Sotschi-GP: Hamilton siegt dank Stallorder, Vettel 3.

Von Mathias Brunner
Formel 1
Bottas vor Hamilton, dann drehte Mercedes die Reihenfolge um

Bottas vor Hamilton, dann drehte Mercedes die Reihenfolge um

​Grosser Preis von Russland im Autodrom von Sotschi: Wie befürchtet wandte Mercedes gegen Vettel Stallorder an – Hamilton wurde vor Bottas geholt, Sebastian Vettel (3.) fällt in der WM zurück.

Atemlose Spannung vor dem Start: Was würde in den ersten 1030 Metern nach dem Start passieren? Würde Sebastian Vettel einen Weg vorbei an den beiden Silberpfeilen finden? Wie sehr würde Valtteri Bottas gegen seinen Stallgefährten Lewis Hamilton die Ellbogen ausfahren?

Der Finne sagte vor dem Start: «Natürlich will ich meinen ersten Grand Prix des Jahres gewinnen. Aber ich weiss auch, dass Lewis um den WM-Titel kämpft, ich nicht.»

GP-Sieger Johnny Herbert witterte: «Bottas ist ein Mannschaftsspieler. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er kurz nach dem Start etwas Dummes gegen Hamilton machen wird. Dazu ist er zu klug.»

Die Mercedes-Techniker machten sich Sorgen um den Motor von Lewis Hamilton – das Aggregat verlor auf der Startaufstellung Öl. Am Wagen von Bottas war alles in Ordnung.

Und dann ging’s los: Bottas kam prima weg, Vettel setzte sich neben Hamilton, aber er steuerte dagegen, Vettel musste vom Gas und konnte so nicht vorrücken. Sebastian hatte den besseren Start gehabt als Hamilton, aber der profitierte vom Windschatten hinter Bottas, und das reichte, um seine Position zu verteidigen.

Feuerwerk von Max Verstappen

Bottas kam mit einem Vorsprung von 1,5 Sekunden aus der ersten Runde zurück, Vettel hatte Mühe, Hamilton zu folgen. Bereits auf Rang 13: Max Verstappen. Applaus für Charles Leclerc: Er überholte in der langgezogenen Kurve 3 aussen herum Magnussen und schob sich auf Rang 5 vor. Verstappen hatte inzwischen beiden Renault überholt und war nun Elfter, am Ausgang von Kurve 3 war dann auch Ericsson fällig, damit war Geburtstagskind Verstappen schon Zehnter. Kurz darauf schnappte sich der Niederländer auch Romain Grosjean.

An der Spitze kontrollierte Bottas das Geschehen. In Abständen von je 1,5 Sekunden folgten Hamilton und Vettel.

Aufregung bei Toro Rosso: Dreher von Brendon Hartley in Kurve 2. Dreher von Pierre Gasly in Kurve 4. Beide Autos wurden aus dem Rennen genommen – Bremsdefekt an beiden Autos, fast gleichzeitig.

Max Verstappen war das Leben dieses Rennens: Zunächst strich sich der Red Bull Racing-Fahrer Sergio Pérez aufs Brot, dann war auch dessen Force-India-Stallgefährte Ocon fällig, Verstappen also bereits Siebter. Verstappen fuhr in Runde 6 an Magnussen vorbei, als würde der Däne parken. Am Haas bauten die hyperweichen Pirelli ab, Verstappen war da mit den weichen Reifen prima bedient. Wo war eigentlich Daniel Ricciardo? Der Australier hängte hinter Ericsson auf Rang 12 fest.

Runde 7: Bottas 1,1 Sekunden vor Hamilton, Vettel 2,2 hinter dem Engländer Dritter.

Verstappen hatte vor dem Rennen davon gesprochen, vielleicht unter die ersten Fünf vorzustossen, das hatte Max nach sieben Runden abgehakt – da hatte er sich auch Sauber-Fahrer Leclerc zur Brust genommen. Der nächste Schritt war ein wenig schwieriger: Verstappen lag 13 Sekunden hinter dem viertplatzierten Kimi Räikkönen.

An den Mercedes begannen die Reifen abzubauen: Vettel rückte langsam näher. War der Deutsche mit seinen Pirelli sorgfältiger umgegangen?

Nach zehn Runden holten sich Leclerc und Ocon frische Reifen des Typs weich (gelb) ab, die Frage war: Wann würden das die Spitzenpiloten machen? Der linke Vorderreifen von Lewis Hamilton begann, Blasen zu werfen.

Hamilton gegen Vettel, es wird heiss

Valtteri Bottas kam Ende der 12. Runde an die Box: Wechsel auf die weichen Pirelli. Hamilton, Vettel und Kimi Räikkönen blieben draussen. Bottas kam hinter Max Verstappen auf die Bahn zurück.

Nächster Top-Pilot in der Box: Sebastian Vettel – der Ferrari-Star holte sich ebenfalls weiche Reifen ab. Seb kam hinter Bottas auf die Bahn zurück, aber würde er sich vor Hamilton halten können?

Lewis Hamilton hatte den Williams von Sirotkin vor sich, bevor er in die Box tauchte. Mercedes reagierte. Aber es reichte nicht! Ferrari hatte alles richtiggemacht – Vettel lag vor Hamilton, wenn auch nur ganz knapp.

Hamilton am Funk: «Wie konnte das passieren?» In der Mercedes-Box sah Teamchef Toto Wolff wenig begeistert aus.

Hamilton attackierte vor Kurve 2, Vettel verteidigte sich sehr aggressiv, aber dann quetschte sich Hamilton an seinem Erzvirlane vorbei. DTM-Leader Paul Di Resta: «Das zeigt, wie gut Hamilton ist, aber auch, wie stark der Mercedes ist.»

Hamilton passte das gar nicht: «Seb hat zwei Mal die Linie gewechselt.» Di Resta stellte fest: «Wenn sich Hamilton gegen Vettel verteidigt hätte, so hätte Lewis genau das Gleiche getan.»

Die FIA-Kommissare wollten sich die Szene Vettel gegen Hamilton nochmals genauer ansehen und kündigte eine Untersuchung an. GP-Sieger Johnny Herbert: «Für mich war das ein Richtungswechsel, das ist Racing. Seb fuhr hart, gewiss, aber das ist Formel 1.» Das fanden auch die Rennkommissare: Kein weiteres Handeln notwendig.

Bottas lässt Hamilton vorbei!

Im Grand Prix führte Kimi Räikkönen (der noch nicht angehalten hatte) acht Sekunden vor Max Verstappen (ebenfalls noch kein Stopp), dann Bottas, 1,7 Sekunden vor Hamilton, Vettel in gleichem Abstand dahinter, gefolgt von Ricciardo und Hülkenberg, die ebenfalls noch nicht gestoppt hatten.

Kimi Räikkönen kam Ende der 18. Runde zur Box, holte sich ebenfalls weiche Walzen ab. Wie von Ferrari geplant, kam er vor Ricciardo auf die Bahn zurück, als Fünfter. Damit lag der als 19. gestartete Verstappen nach 19 Runden in Führung!

Heikle Situation bei Force India: Pérez fand sich von Ocon vor sich und Magnussen weiter vorne aufgehalten. «Ich kann schneller fahren, Ocon fährt zu langsam.» Nach der Kollision der beiden pink Panther befand der Kommandostand aber: Positionen halten.

Dann kam die Order: «Esteban, du hast drei Runden, um Magnussen zu schnappen. Sonst musst du Ocon vorbeilassen.» Der Franzose war aber nicht nahe genug für eine Attacke.

Was war an der Spitze los? Hamilton hatte sich inzwischen in den Windschatten von Bottas vorgearbeitet, während der Abstand zu Vettel konstant geblieben war. Bottas war ein wenig vom Verkehr aufgehalten worden. Würde Mercedes nun die Reihenfolge umdrehen?

Verstappen (immer noch kein Stopp) führte in Runde 23 1,5 Sekunden vor Bottas, dann Hamilton eine Sekunde hinter Valtteri, und Vettel war etwas nähergerückt, auf eine Sekunde.

In Runde 24 kam, was viele Fans erwartet hatten: Valtteri Bottas liess Lewis Hamilton vorbei – Stallorder bei Mercedes. Paul Di Resta: «Damit war zu rechnen. Wenn du die Chance hast, den Abstand zu Vettel zu vergrössern, dann musst du die nutzen.»

Am Boxenfunk von Bottas hatte das so geklungen: «Valtteri, du musst Lewis in Kurve 13 passieren lassen.»

Bottas monierte: «Ich hätte schneller fahren können.»

Mercedes-Chefstratege James Vowles meldete sich: «Valtteri, wir mussten das machen, von hinten rückte Vettel immer näher an Hamilton heran, wir mussten Lewis schützen. Ich verstehe dich, aber es tut mir leid.»

Hamilton lag nun auf Rang 2 (hinter Verstappen), Vettel hielt Bottas auf den Zehenspitzen.

Apropos Stallorder: Force India drehte die angekündigt die Reihenfolge Ocon–Pérez um. Dem Mexikaner wurde gleich angekündigt: Wenn er keinen Weg an Magnussen vorbeifindet, dann wird das wieder umgedreht.

In Runde 32 meldete Hamilton über Funk: «Der Motor spricht nicht mehr sauber an. Zudem habe ich Blasen auf den Reifen links hinten.» Paul Di Resta findet: «Wenn du in Führung eines Rennens liegst, dann spürst du kleinste Nuancen und machst dir Sorgen.»

Marathonläufer Verstappen stoppt

Runde 34: Verstappen (noch immer kein Stopp) drei Sekunden vor Hamilton, Bottas zwei Sekunden hinter Hamilton, Vettel zwei Sekunden hinter Bottas. Würde Max so lange auf der Bahn gelassen, um zum Schluss hyperweiche Pirelli auszufassen, um vielleicht Kimi Räikkönen anzugreifen?

Paul Di Resta wunderte sich: «Max hat herzhaft angegriffen, und doch sehen seine weichen Reifen aus wie neu. Besser kann man kein Rennen fahren.»

Force India drehte die Reihenfolge wie angekündigt um: Ocon Neunter, Pérez Zehnter.

Ende der 39. Runde kam Daniel Ricciardo als Sechstplatzierter an die Box: Der Australier erhielt einen neuen Frontflügel – im Getümmel kurz nach dem Start war ein Windabweiser verloren gegangen. Paul Di Resta: «Ich hatte mich noch gewundert, wieso er auf Verstappen so viel Zeit verliert.» Daniel erhielt ultraweiche Reifen.

Vettel hielt sich noch immer 1,6 Sekunden hinter Bottas, der Deutsche lag aber vier Sekunden hinter Hamilton. Der hatte sich inzwischen bis auf eine Sekunde an Verstappen herangearbeitet. Hamilton attackierte in Runde 42, Max hatte keine Lust, Platz zu machen.

Hamilton verlor auf einen Schlag zwei Sekunden, Verstappen funkte zur Box: «Die Reifen sind noch immer gut, ich will draussen bleiben.» Aber dann holte ihn RBR doch herein, in Runde 43: ultraweiche Pirelli für Max im Kampf gegen Kimi Räikkönen.

Damit hatte Hamilton vorne wieder freie Bahn, 1,3 Sekunden vor Bottas, Vettel gleich weit von Valtteri entfernt. Verstappen lag um 14 Sekunden hinter Räikkönen.

Es änderte sich nichts mehr: Vettel liess nicht locker, aber er kam nicht an Bottas vorbei. Mit seinem achten Saisonsieg liegt Lewis Hamilton nun 50 Punkte vor dem Heppenheimer, das entspricht zwei Rennsiegen.

Valtteri Bottas eine Runde vor Schluss: «Wie soll dieses Rennen für uns enden?» Antwort vom Mercedes-Kommandostand: «Die Positionen bleiben, wie sie sind. Wir reden nach dem Rennen.»

Wer soll diesen Hamilton am Titel hindern?

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Lewis Hamilton: Hunger auf mehr als Formel 1

Mathias Brunner
​Lewis Hamilton ist nach 2008, 2014, 2015, 2017, 2018 und 2019 zum siebten Mal Formel-1-Weltmeister. Doch sein Erbe besteht nicht aus Bestmarken, die er reihenweise niederreisst. Sein Erbe reicht erheblich weiter.
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