Deutsche Rennstrecken: Die Lage ist kritisch

Von Maximilian Wendl
Formel 1
​ Auch die Betreiber der deutschen Rennstrecken kämpfen mit dem Problem, dass in der Coronakrise praktisch alle Einnahmequellen versiegt sind. Erst am 20. April zeichnet sich ab, wie es weitergeht.

Die Fußgängerzonen sind fast menschenleer, die Anzahl der fahrenden Autos hat sich deutlich verringert. Obwohl es in Deutschland keine strikte Ausgangssperre gibt, ist auf den Straßen deutlich weniger los. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben sich die meisten Bürger – Ausnahmen gibt es leider immer wieder – mit den Umständen arrangiert. Die Situation bedeutet aber gleichzeitig, dass auf den Rennstrecken im Land derzeit keine Motoren röhren. Hier ein Überblick, wie sich die Lage auf den bekanntesten Kursen in der Coronakrise darstellt.

Hockenheimring

Das altehrwürdige Motodrom könnte derzeit jeden Besucher, jede Streckenvermietung gut gebrauchen. Jorn Teske, der Georg Seiler als Geschäftsführer der Ring-GmbH abgelöst hat, sagt: «Das ist unser Brot- und Buttergeschäft. Wir sind keine Träumer, aber wir hoffen, dass die Restriktionen, die nach und nach eingeführt wurden, vielleicht bald wieder in die andere Richtung gehen.»

Der Ring ist hoch verschuldet, kann derzeit auch keine Einnahmen aus dem Museums- und Hotelbetrieb generieren und steht somit mit dem Rücken zur Wand. Glücklicherweise steht die Formel 1 in diesem Jahr nicht im Rennkalender, sodass zumindest diese risikobehaftete Veranstaltung wegfällt.

In Baden-Württemberg sind mindestens bis zum 15. Juni Großveranstaltungen mit Publikum untersagt. Dadurch fällt dem Hockenheimring die komplette erste Saisonhälfte weg. «Wir zehren von unserer Liquidität. Die Maßnahmen, die wir eingeleitet haben, beginnen jetzt zu greifen. Darlehns-Tilgungen konnten wir gemeinsam mit unseren Banken verschieben. Aber uns sind sämtliche Einnahmequellen weggebrochen», erklärt Teske. In Baden-Württemberg gibt es momentan knapp 22.000 Erkrankungen an Covid-19, davon 25 in Hockenheim.

Norisring

Die Franken zittern um ihren DTM-Lauf. Eigentlich hätte am 1. April eine Entscheidung gefällt werden sollen, diese wurde jedoch vertagt. In Bayern gibt es mit 28.827 Fällen die meisten in Deutschland. Das liegt unter anderem an Bayerns Nähe zu betroffenen Österreich und Südtirol in Italien.

Eine Verlegung des Rennens auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr ist auf dem Stadtkurs fast unmöglich. Der Grund: In der Fußball-Bundesliga rollt im August wieder der Ball und die Veranstalter benötigen das Stadion als Pressezentrum. Außerdem dient das benachbarte Messegelände als Parkplatz. Die bislang abgesagten Messen und Konzerte sollen ebenfalls nachgeholt werden.

Die wirtschaftlichen Folgen einer Absage wären gravierend. Die Veranstalter sprechen von einem Scherbenhaufen und rechnen mit einem Totalverlust, der sogar zur Insolvenz des veranstaltenden Vereins führen könnte. Auf dem Norisring sei man in einer schwierigeren Situation, da man keine permanente Rennstrecke bieten könne, heißt es.

Sachsenring

Im vergangenen Jahr besuchten 201.300 Zuschauer das MotoGP-Rennwochenende auf dem Sachsenring. Auch für die diesjährige Ausgabe wurden bereits 70.000 Tickets verkauft. Der veranstaltende ADAC kämpft verbissen um die Austragung und erklärt, man sei zeitlich noch nicht im kritischen Bereich. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass das Rennen erstmalig im Juni ausgetragen werden soll. «Die Lage ist eigentlich seit Wochen unverändert», teilte ein ADAC-Sprecher gegenüber SPEEDWEEK.com mit. «Am Sachsenring geht die Planung für den Grand Prix weiter voran.»

Positiver Aspekt: In Sachsen sind bisher lediglich 3261 Menschen von Covid-19 betroffen. «Solange es keinen neuen Sachstand gibt, können wir die Hände nicht in den Schoß legen und müssen vorbereitet sein, was auch immer in den kommenden Wochen passieren wird.»

Von behördlicher Seite ist die Situation in Sachsen beziehungsweise in Deutschland seit Beginn der Restriktionen unverändert. Ein Update ist frühestens in der kommenden Woche zu erwarten. «Als GP-Veranstalter hat man wenig Handlungsspielraum. Man muss schauen, wie sich die Lage entwickelt, was sagen die Behörden, was plant die Dorna», erklärt der ADAC. Die Bauarbeiten gehen auf dem Sachsenring ebenfalls in die Endphase.

Oschersleben

Im Endurance-Rennkalender war die Veranstaltung in Oschersleben ein Fixpunkt. Allerdings wurde die für 6. Juni geplante Austragung abgesagt. Die Superbike-Weltmeisterschaft soll dagegen vom 31. Juli bis 2. August starten können – Stand jetzt. Die Festangestellten bauten hingegen zunächst Überstunden ab.

Inzwischen gibt es auch Kurzarbeit. «Es bleibt einem ja nichts anderes übrig», betont Geschäftsleiter Ralph Bohnhorst. «Wir arbeiten aber weiter und machen Instandsetzungsarbeiten. Du kannst so eine Anlage ja nicht einfach abschließen und stehen lassen. Wir nutzen die Zeit, um Sachen zu machen, die wir sonst erst nächsten Winter erledigt hätten. Dinge, wo nicht viele Leute nebeneinander arbeiten müssen. Dass die Situation schlecht ist weiß jeder, aber ich glaube, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen.» Sachsen-Anhalt ist nach Mecklenburg-Vorpommern momentan am wenigsten von SARS-CoV-2 betroffen.

Nürburgring

Auch der Nürburgring bleibt von Verschiebungen nicht verschont: Es trifft die 48. Ausgabe der 24 Stunden. Das Rennen war ursprünglich für 21. bis 24. Mai geplant gewesen. Als neuer Termin wurde nach jetzigem Planungsstand der 24. bis 27. September 2020 auserkoren. «Wir haben uns diesen Entschluss nicht leicht gemacht und schließlich die nun verabschiedete Variante als besten Kompromiss angesehen. Derzeit sind wir optimistisch, das Rennen dann durchführen zu können, aber natürlich gibt es zahlreiche Faktoren, die einen Einfluss darauf haben werden», erklärt Peter Meyer, der Vorsitzende des veranstaltenden ADAC Nordrhein.

Das Qualifikationsrennen musste komplett abgesagt werden. Die Langstrecken-Serie VLN hat ebenfalls reagiert: Die ersten beiden Rennen wurden bereits abgesagt, nun wird es dafür ein weiteres Rennen am 7. November auf dem Nürburgring geben. Noch besteht Hoffnung, dass sich der finanzielle Schaden in Grenzen hält.

Lausitzring

Der verspätete Saisonstart hätte zunächst ursprünglich auf dem Lausitzring stattfinden sollen. Dieser Termin wird nicht eingehalten werden können, sodass ein neuer Termin im Herbst gefunden wurde. Als Ausweichtermin haben die Veranstalter den 16. bis 18. Oktober auserkoren. Möglicherweise sind die Tage der großen Motorsport-Veranstaltungen auf dem Lausitzring ohnehin gezählt. Durch die Übernahme der Dekra könnte sich die Strecke zum größten Testzentrum Europas für autonomes Fahren wandeln. Das ist aber alles noch Zukunftsmusik.

Die Gegenwart heißt «Bekämpfung des Coronavirus». Die relativ früh getroffenen Maßnahmen in Deutschland scheinen zu fruchten, bestätigt Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut: «Es ist auf jeden Fall ein positiver Trend. Die Maßnahmen, die von den politischen Entscheidern ergriffen wurden, sind Maßnahmen die helfen.»

Nun werden schon relativ zeitig nach den Einschränkungen Auflockerungen gefordert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagt: «Der positive Trend muss sich verstetigen.»

Weder Volksfeste noch touristische Ausflüge sind derzeit ein Thema. Die deutsche Wirtschaft – darunter der Daimler-Konzern – hat bereits kleine Schritte nach vorn gemacht und die Produktion wieder hochgefahren. Spätestens vier Wochen nach dem Shutdown, also zum 19. April, sollen zukunftsweisende Entscheidungen besonders im Wirtschaftssektor getroffen werden.

Im sportlichen Bereich wird sich frühestens an den ersten Mai-Wochenenden wieder etwas tun: Die Bundesliga-Fußballer wollen in leeren Stadien spielen, da ein Abbruch bis zu 750 Millionen Euro kosten könnte. RB Leipzig hatte als eine der wenigen Mannschaften kurz vor der Unterbrechung noch vor vollen Rängen in der Champions League gespielt.

Fakt ist: Das Thema bleibt sensibel, solange die Forschung hinsichtlich eines möglichen Impfstoffs keine Fortschritte macht. Über die Osterfeiertage werden die ersten Lockerungen stattfinden, sollten danach die Zahlen exponenziell in die Höhe steigen, wird die Politik zurückrudern.

Sollte sich der Trend der vergangenen Tage bestätigen, dann könnten die deutschen Bürger, aber auch die Rennstrecken-Betreiber den kommenden Wochen und Monaten wieder gelassener entgegenblicken.

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