Grand-Prix-Fahrer: Jammern gehört zum Rüstzeug

Von Mathias Brunner
Editorial
Fernando Alonso und Sebastian Vettel treffen sich des öfteren

Fernando Alonso und Sebastian Vettel treffen sich des öfteren

Nach dem Britischen Grand Prix geben die hitzigen Funksprüche der Champions Sebastian Vettel und Fernando Alonso zu reden. Sind die modernen Piloten Jammerlappen?

Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone hat vor kurzem gesagt: «Die Formel 1 ist doch ein Wettkampf zwischen Männern, Helden am Lenkrad, die mehr Aufmerksamkeit erregen als pure Technik. Aber die Fahrer müssten mehr machen. Sie sind gezwungen, Verträge zu unterzeichnen, in welchen jeder Moment ihres Tages definiert und kontrolliert wird. Die Piloten verlieren Spontanität und Frische, sie dürfen nicht mehr frei von der Leber weg reden, nicht mit der Presse und nicht mit den Fans.»

«Nehmen wir Kimi Räikkönen – eine wunderbare Persönlichkeit, unberechenbar, da kommt immer eine originelle Antwort. Aber er wird dazu unterworfen, vorhersehbare Aussagen zu machen. Alonso? Der redet wie ein Politiker. Er müsste ohne Blatt vor dem Mund sprechen dürfen. Wer weiss, welche unterhaltsamen und interessanten Dinge wir erfahren würden! Ich hatte bei Brabham Fahrer wie Lauda oder Piquet, und es wäre mir im Leben nie eingefallen, ihnen einen Maulkorb umzuhängen.»

Im Britischen Grand Prix war von Maulkorb wenig zu erkennen – vielmehr schimpften Sebastian Vettel und Fernando Alonso da wie ein Rohrspatz über die Fahrweise des Anderen, was durchaus einen hohen Unterhaltungsfaktor hatte.

Was steckt hinter den Funksprüchen?

Um die hitzigen Funksprüche richtig einzuordnen, muss der geneigte Formel-1-Fan Einiges wissen.

Zunächst mal: Was die Fans da in homöopatischen Dosen verabreicht erhalten, ist nicht das akustisch komplette Bild. Nicht nur, dass die Sprüche (um allfällige Verbalunziemlichkeiten geschwind zu löschen) zeitversetzt gesendet werden, es wird auch nicht alles gesendet. Die Momentaufnahmen sind daher mit Vorsicht zu geniessen.

Was mich zur alten Forderung zurückbringt, dass man den ganzen Funk freigeben sollte – damit die Fans auf den Tribünen mit einem Scanner alles mithören können. Die Rennställe verhindern das seit Jahren.

Gleichzeitig darf der Fan jetzt nicht denken, dass Ausnahmekönner wie Vettel oder Alonso im Rennen mehr jammern als rennfahren: vielmehr gehört das gezielte Absetzen von Funksprüchen zur psychologischen Kriegsführung.

Denn jeder Rennstall weiss, dass nicht nur die ganze Welt zuhört, sondern auch der Sicherheitsdelegierte der Formel 1, Charlie Whiting. Wenn da also das Kampfverhalten des Gegners moniert wurde, dann bedeutet das übersetzt auch – hey, Charlie, kannst du dir bitte mal angucken, ob das so okay war?

Emotionen pur, aber längere Leine

Das alles ist für die Fans hervorragend. Die Fans wollen doch zuhause den Pulverdampf förmlich riechen können, und was gibt es Emotionaleres als einen Rennfahrer, der bei Tempo 300 in den Funk krächzt: «Er lässt mir nicht genügend Raum! Ich hätte ihm leicht den Reifen aufschlitzen können ...»

Der heftige Funkverkehr in England hatte noch eine andere Dimension.

Im Training wurden zahlreiche Fahrer streng bestraft, weil sie mit allen vier Rädern die Bahn verlassen hatten. Den Sündern – welche die Ideallinie in Copse oder in der Zielkurve etwas grosszügig ausgelegt hatten – wurde schlicht die schnellste Runde gestrichen.
Im Rennen jedoch zeigte sich die Rennleitung grossmütiger. Wieso?

Der Grund liegt im ersten Saisondrittel: Da wurde den Rennkommissaren vorgeworfen, etwas gar kleinlich zu urteilen. Oft hatten wir den Eindruck: Wenn nur das kleine Fitzelchen Karbon fliegt, dann setzt es schon eine Strafe. Die Idee besteht ja nicht darin, dass den Fahrern die Angriffslust gestutzt wird.

In England erhielten die Fahrer eine etwas längere Leine, daher setzte es weder für Vettel noch Alonso Strafen wegen des Streckenlimits. Wohl aber für Fernando, also er seinen Ferrari beim Start eine halben Wagenlänge vor die eigentliche Startposition pflanzte.

So blind kann, darf und soll dann doch kein Rennkommissar sein.

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