Jacques Villeneuve: «Einige nennen mich Verräter»

Von Mathias Brunner
​Der Kanadier Jacques Villeneuve, Formel-1-Champion des Jahres 1997 mit Williams, spricht über seine Erfahrungen in der Formel E und über die Probleme im modernen Grand-Prix-Sport.

Für Jacques Villeneuve könnten wir festhalten – in Abwandlung von Alter und Eigenschaft: 44 Jahre und kein bisschen leise. Der Franko-Kanadier, Formel-1-Weltmeister des Jahres 1997 mit Williams, ist dem Grand-Prix-Sport als scharfzüngiger Beobachter verbunden geblieben. Auf politische Korrektheit hat der 162fache GP-Teilnehmer noch nie viel gegeben, dafür erhielt er vom Autoverband FIA sogar mal einen Maulkorb verpasst.

Einmal Racer, immer Racer: Selbst wenn der elffache GP-Sieger in der Formel 1 längst ausgemustert ist, so lodert das Rennfeuer noch immer. Vielleicht ist es gar kein Zufall, dass der Indy-500-Sieger und IndyCar-Champion von 1995 inzwischen in der Formel E gelandet ist – als bislang einziger Formel-1-Weltmeister.

Gegenüber den Kollegen von CNN sagt Jacques: «Die Fans reagieren völlig unterschiedlich. Einige finden es fabelhaft, dass ich Formel E fahre. Andere wollen von der ganzen Elektrik nichts hören und sehen mich als Verräter. Aber die Formel E ist nicht da, um die Formel 1 zu rivalisieren und zu ersetzen. Das ist nicht das Ziel, und das sollte es auch nicht sein. Die Formel 1 und die Formel E, das sind zwei verschiedene Welten.»

Es ist wohl auch kein Zufall, dass Freidenker Villeneuve ausgerechnet im Venturi-Rennstall gelandet ist, wo Hollywood-Star Leonardo DiCaprio Mitbesitzer ist, auch der US-Amerikaner ein Mann mit grossem Unabhängigkeitswillen und ab und an gegen den Strom schwimmend (und das ist jetzt nicht als Wortspiel mit der Formel E gemeint).

Villeneuve ist die tollsten Rennwagen der Welt gefahren – IndyCar, Formel 1, NASCAR. Fühlt sich da die Formel E nicht ein wenig seltsam an? «Vielleicht wäre ich enttäuscht, hätte ich den Schritt vom Grand-Prix-Auto direkt in den Formel E gemacht», antwortet Villeneuve. «Aber meine letzte Erfahrung in der Formel 1 geht ja aufs Jahr 2006 zurück, die Kurventempi damals waren eindrucksvoll, die Leistung stattlich. Man sollte keinen elektrischen Wagen mit einem Hochleistungs-Saugmotorrenner vergleichen, darum geht es gar nicht.»

Dennoch waren viele überrascht, dass Jacques Formel E fährt. Villeneuve erklärt: «Ich bin nie zurückgetreten. Ich bin immer Rennen gefahren. In meinem Herzen bleibe ich ein Racer. Ich spiele auch viel Eishockey, ich brauche einfach den Sport, den Wettbewerb.»

Und wie kam er auf die Formel E? «Ich habe mir die Rennen im Fernsehen angeschaut. Ich sass am Rande meines Sessels und dachte: Das schaut wirklich nach Spass aus, dort würde ich gerne mitfahren. Ich nahm dann mit Venturi Kontakt auf, und wir organisierten einen Test in Le Castellet. Ich lieh mir von Patrick Lemarié einen Overall aus. Ich fuhr dreissig Runden im Wagen von Stéphane Sarrazin, mit seinem Sitz. Weder Sitz noch Anzug passten, aber das Ganze machte Spass, zwei Tage später habe ich unterzeichnet.»

Zwischenbilanz: Drei Rennen, null Punkte. Opfer einer Kollision in China. Probleme beim Boxenstopp in Malaysia. Crash im Qualifying in Uruguay, daher kein Rennen in Punta del Este. Villeneuve bleibt gleichmütig: «Ein Teil des Engagements in einer neuen Rennserie besteht darin, dass du sehr viel lernen musst. Zudem mag ich Strassenrennen. Hier hast du – ganz im Gegensatz zu den meisten Formel-1-Strecken – keinen Raum für Fehler.»

Damit sind wir zurück beim Leitthema, und die Formel 1 bekommt noch eins ans Bein: «Die Formel 1 versucht derzeit, alles zu sein, und das kann nicht funktionieren. Die Autos sollen eine Art Hybridrenner sein, aber diese Technik wiegt 100 Kilo, das sind vier Sekunden pro Runde Zeitverlust. Formel 1, das muss unerreichbar sein, an die Grenze getrieben, vielleicht ein wenig verrückt und dumm, so war sie jedenfalls immer – ein Versuchslabor, in dem es fast keine Grenzen gibt. Aber nun ist so vieles getan worden, das den Sport weniger attraktiv macht. Ich denke da nur an diese Überholkrücke namens verstellbarer Heckflügel. Das macht für mich alles keinen Sinn. Der Sport muss zu seinen Wurzeln zurück, nur so wird er wieder Erfolg haben.»

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