Lewis Hamilton zu Auszeit 2017: «Seltsame Überlegung»

Von Mathias Brunner
Formel 1
Tolle Bestzeit von Lewis Hamilton

Tolle Bestzeit von Lewis Hamilton

​Formel-1-Champion Lewis Hamilton über die Trainings-Achterbahnfahrt von Spanien, über die Siegesserie von Nico Rosberg und über die Unterstellung, er denke hinsichtlich 2017 an eine Auszeit.

Lewis Hamilton hat die ganzen Höhen und Tiefen für einen Rennfahrer in 24 Stunden hineingepackt: Nach den ersten beiden Trainings war er ernüchtert, sein Silberpfeil hatte die übliche Schärfe verloren. Einen Tag später steht der dreifache Weltmeister auf der Pole-Position zum Spanien-GP. Wie kommt das?

Der Engländer schmunzelt: «Im Qualifying hast du die Möglichkeit, nochmals alles auf den Punkt zu bringen. Üblicherweise machst du das mit Hilfe eines Fundaments, das du am Freitag gegossen hast. Ich hatte hier vom Freitag gar nichts als Basis, mein Fundament musste am Samstagmorgen gelegt werden. Das habe ich geschafft. Dann ging es nur noch darum, mich voll reinzuhängen.»

«Meine Zeit im zweiten Quali-Segment gab mir ein gutes Gefühl. Da wusste ich, dass ich die Probleme vom Freitag hinter mir gelassen hatte. Und dass ich eine gute Chance auf die Pole habe.»

Gleichwohl schien Hamilton glücklicher als üblich zu sein über die Bestzeit. «Das stimmt so nicht ganz», findet der Weltmeister von 2008, 2014 und 2015. «Ihr seht und hört ja nicht immer alles, was so im Cockpit abgeht. Ich freue mich immer. Aber eines stimmt schon – wenn der Wagen von Anfang an perfekt ist und du scheinbar leicht zur Pole fährst, dann ist das schön. Aber wenn du einen verpatzten Freitag hast, wenn du überdies deinen ersten schnellen Versuch verhaust und dann genau weisst – du hast nur noch eine Chance, wenn du diese eine Chance dann in die Pole umsetzt, dann ist das schon ein sehr tolles Gefühl.»

«Wenn du am Freitag einen verlorenen Tag hast, dann ist es nicht ganz einfach, wieder Schritt zu fassen. Ich vergleiche die Arbeit an einem GP-Wochenende immer mit dem Aufbau eines Hauses – du musst Stein auf Stein ans richtige Ort legen. Im ersten Training bist du mit Einstellungen am Wagen vorsichtig, weil sich die Strecke noch stark entwickelt. Gleichwohl musst du ja mit der Abstimmung des Fahrzeugs auf die Bahn beginnen. Du darfst dabei aber nicht übertreiben. Du musst erahnen, wie sich die Strecke ungefähr entwickelt, sonst drehst du dich im Kreis. Es kann dann passieren, dass du dich komplett verrennst und ein wenig verloren bist. Ich ging heute morgen ins Auto, und auf einmal spürte ich den Wagen so wie ich es von ihm gewohnt bin. Wäre das Handling so gewesen wie am Freitagnachmittag, dann hätte ich es nicht mal in die ersten zwei Startreihen geschafft.»

Wie wichtig ist es mental fürs Rennen, ein sauberes Qualifying gehabt zu haben? Lewis überlegt kurz und antwortet dann: «Darüber habe ich nicht nachgedacht. Jeder weiss, wie schwierig es auf dieser Strecke ist, jemanden zu überholen. Also war die Pole für mich von Anfang an die einzige Option.»

«Aber was die Qualifyings angeht, so sehe ich meine Statistik sowieso nicht in Form von fünf Abschlusstrainings. Ich hatte drei halbwegs normale Qualifyings, und daraus habe ich drei Mal die Pole gemacht. Das ist es, was für mich zählt. Bei den Rennen bin ich noch hinten, aber das wird schon. Auch hier hatte ich ja vorwiegend Schwierigkeiten. Insofern schaut meine Zwischenbilanz gar nicht so übel aus.»

«Das Rennen morgen lasse ich einfach auf mich zukommen. Ich denke nicht daran, dass ich die Siegesserie von Nico brechen werde. Ich will einfach gut starten, ich will in Sachen Reifen-Management alles richtig machen, ich will den Nachmittag geniessen. Alles weitere liegt nicht in meiner Hand. So lange ich alles richtig mache, kann ich mit jedem Ergebnis leben.»

Ein Kollege will wissen, ob das Indy 500 für Lewis Hamilton einen Reiz darstelle. Lewis meint: «Ich habe zufälligerweise vor kurzem ein Bild von Nigel Mansell gesehen, als er IndyCar fuhr. Damals schauten die Indy-Renner wirklich saucool aus. Heute übt das Rennen mit diesen Autos keine Anziehungskraft auf mich aus. Nein, das Indy 500 steht nicht auf meiner Wunschliste. Dann noch lieber ein NASCAR-Rennen.»

Auf die Frage, ob es ihn überrasche, die Autos von Red Bull Racing im Rückspiegel zu haben und nicht die Ferrari, antwortet der 43fache GP-Sieger: «Nein, weil ich mich nicht um solche Gedanken kümmere. Ich denke nicht daran, wer hinter mir liegt. Ich schaue nach vorne. Und da will ich sicherstellen, niemanden sehen zu müssen.»

«Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Red Bull da vorne mitmischen kann, weil es ein fabelhaftes Team mit zwei sehr guten Piloten ist. Ferrari hat geschwächelt, und ich kann mir nur vorstellen, dass das etwas mit den Reifen zu tun hat. Weil Ferrari den Grund-Speed des Autos ja nicht von heute auf morgen verloren hat.»

Klar muss der Champion Stellung zu den jüngsten Geschichten in der englischen Boulevardpresse nehmen, wonach er die Konzentration aufs Titelrennen verloren habe, wonach das Jetset-Leben eben seinen Preis habe, wonach er an eine Auszeit denke.

Hamilton kann nur müde lächeln: «Normalerweise lasse ich meine Leistungen sprechen. Wenn wir uns den bisherigen Saisonverlauf anschauen, dann ist es für mich rätselhaft, wie ein erwachsener Mensch zum Schluss kommen kann, ich hätte meinen Fokus verloren. Ich hatte viel Pech, aber ich habe jedes Mal meine Leistung gebracht. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.»

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Mathias Brunner
​Lewis Hamilton ist nach 2008, 2014, 2015, 2017, 2018 und 2019 zum siebten Mal Formel-1-Weltmeister. Doch sein Erbe besteht nicht aus Bestmarken, die er reihenweise niederreisst. Sein Erbe reicht erheblich weiter.
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