Ferrari-Star Stefan Johansson: Funk und andere Witze

Kolumne von Mathias Brunner
Formel 1
​Ex-Ferrari- und McLaren-Werkspilot Stefan Johansson (59) lässt kein gutes Haar am modernen Funkreglement: «Da ist keine Logik dahinter, das Reglement ist ein Witz. Und es ist nicht der einzige.»

Noch immer geben die Funkregeln der Formel 1 nicht nur Fans, sondern auch Fachleuten Rätsel auf: Wieso ist Lewis Hamilton im Grand Prix von Baku auf sich allein gestellt, wenn er nach anderen Motoreinstellungen suchen muss – aber Nico Rosberg wird in England gesagt, er solle den siebten Gang überspringen? Das eine lag im Rahmen des komplexen Funkreglements, das andere ist verboten. Daher erhielt Rosberg in Silverstone eine Strafe (Rang 2 futsch). Mercedes argumentiert, sie hätten keine andere Wahl gehabt, weil Nico sonst ausgefallen wäre. Lieber eine Strafe und daher nur Platz 3 als gar keine Punkte. Der frühere Ferrari- und McLaren-Fahrer Stefan Johansson findet das alles Firlefanz im Quadrat.

Der 59jährige Schwede sagt in seinem Rennblog: «Diese ganzen Funkeinschränkungen sind meiner Meinung nach ein einziger Witz. Ich will ja nicht immer den grossen Jammerlappen raushängen lassen, aber wenn im IndyCar- oder NASCAR-Sport etwas nicht stimmt, dann wird das im Keim erstickt und basta. In der Formel 1 läuft das anders. Da werden diese monströs komplexen Rennwagen erlaubt, und erst wenn es viel zu spät ist, merkt jemand, dass man sich da jede Menge Probleme aufgehalst hat.»

«Ich wettere nun schon drei Jahre darüber: Diese ganzen überaus komplizierten Einstellungen des Rennwagens über Gott weiss wieviele Knopfbelegungen am Lenkrad, das hätte alles gar nie erlaubt werden dürfen, Motor, Getriebe, Differenzial und so fort.»

«Dabei ist es doch ganz simpel: Entweder wir haben Sprechfunk oder eben nicht. Die Autos sind so vielschichtig geworden, dass die Ingenieure den Piloten vor jeder Kurve heruntergebetet haben, was alles einzustellen sei. Das ist natürlich komplett lächerlich. Also wurden diese Funkeinschränkungen eingeführt. Was zur Folge hat, dass die Techniker ihren Fahrern nicht mal sagen dürfen, wenn es ein Problem mit den Wagen gibt.»

Der 79fache GP-Fahrer regt sich auf: «Was bitteschön haben Funkeinschränkungen damit zu tun, einen Mangel zu beheben? Ist Rosberg nachher vielleicht schneller geworden? Das Team wollte doch nur sicherstellen, dass Nico ins Ziel kommt.»

«Im Falle von Sergio Pérez in Österreich war es unfassbar, dass Force India seinem Piloten nicht mal sagen durfte, dass seine Bremsen bald versagen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wenn das in Monte Carlo ausgangs Tunnel Richtung Hafenschikane passiert. Da ist doch keine Logik dahinter!»

«Ich habe den Begriff schon einmal und bewusst gewählt: Wir sind im Bereich des Ingenieurs-Porno. Nicht mal die Fahrer verstehen im Detail, was mit ihren Autos passiert, wie sollen es dann die Fans begreifen?»

Der WM-Fünfte von 1986 spricht gewiss so manchem Formel-1-Freund aus der Seele, wenn er sagt: «Ich stehe an einem Sonntagmorgen um fünf Uhr früh in Kalifornien auf, um das Rennen zu sehen, ich freue mich auf den Grand Prix, ich lass mir einen Kaffee raus, dann beginnt das Rennen, wir haben solche Situationen wie in Baku, am Red Bull Ring oder in Silverstone und ich denke mir – wieso tue ich mir das an? Warum stehe ich überhaupt auf? Ich sitze dort und bin wütend. Das ist doch verrückt.»

«Ich bin wirklich ein grosser Fan. Ich liebe Racing. Ich liebe die Formel 1. Das ist meine Leidenschaft, und ich würde um nichts in der Welt ein Rennen verpassen wollen. Aber ein ums andere Mal fühle ich mich vor dem Fernseher frustriert über diese Absurditäten. Und wenn es mir so geht, wie muss es dann dem normalen Fan gehen? Das sollte den Entscheiungsträgern doch zu denken geben!»

«Der gleiche Blödsinn sind diese Anweisungen in Sachen Randsteine, Pistenbegrenzungen und weisser Linien. In Silverstone darf man also in drei Kurven nicht mit allen vier Rädern neben der Bahn sein. Aber in den anderen Kurven ist es okay? Was soll das? Da darf es doch nur eine Regel geben – keiner fährt jenseits der weissen Linie und Schluss. Das ist ja so, wie wenn wir in Wimbledon sagen würden – in dieser Ecke darf der Ball auch mal hinter der Linie aufschlagen, kein Problem. Nein, sage ich! Raus ist eben raus!»

«Wieso müssen wir in der Formel 1 ständig diese subjektiven Richtlinien haben? Wieso kann es nicht einfach und für die Zuschauer nachvollziehbar sein? Stattdessen haben wir alle diese Grauzonen. Den Fahrern gebe ich keine Schuld. Ein Racer sucht immer nach einem Vorteil, egal wie klein der sein mag. Aber ich behaupte: Wenn es nun bei jedem Fehltritt über die weisse Linien Strafen hagelt, dann geht das zwei Rennen und keiner fährt mehr über die Linie hinaus. Und die Strafen müssten sofort kommen, nicht erst Stunden nach dem Anlass. Im Training wird die betreffende Runde gestrichen, im Rennen gibt es eben eine Stop-and-go-Strafe. Wofür haben wir denn Dutzende Kameras rund um die Rennstrecken? Das wäre auch für die Fahrer besser, dann gibt es keine Diskussionen. Wenn ein Pilot beim Rausfahren aus der Boxengasse über die weisse Linie fährt, dann weiss er genau – es setzt eine Strafe. Wieso ist das auf der Rennstrecke anders? Wir sollten bei den Regeln viel mehr Folgerichtigkeit haben.»

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Mathias Brunner
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