Rossi gegen Lorenzo: Kriegsbeil nicht vergraben

Kolumne von Günther Wiesinger
MotoGP
Lorenzo vor Rossi: Bleibt diese Reihenfolge?

Lorenzo vor Rossi: Bleibt diese Reihenfolge?

Jorge Lorenzo und Valentino Rossi tauschen gern verbale Freundlichkeiten aus. Aber ich bin überzeugt: Die Töne werden bald rauer. Auf und neben der Strecke.

Es vergeht seit dem Sommer kein Interview, bei dem Weltmeister Jorge Lorenzo nicht nach seinem Verhältnis zu Valentino Rossi gefragt wird. Alle Fans und Medien erinnern sich an die Jahre 2008, 2009 und 2010, als Rossi 2008 zwischen seiner und der Box von Lorenzo eine Mauer einziehen liess. «Ich fahre Bridgestone, er Michelin», lautete damals die Begründung. «Er darf keine Betriebsgeheimnisse zur Konkurrenz tragen.» Doch als 2009 die Einheitsreifen von Bridgestone eingeführt wurden, blieb der Mauerfall aus.

Lorenzo nahm diese Demütigungen hin, Rossi nützte damals bei Yamaha seine natürliche Macht (Weltmeister 2004, 2005, 2008 und 2009) nach zehn titellosen Jahren mit Biaggi, Checa, Barros und so weiter) aus.

Die Verdienste Rossi für Yamaha bleiben unvergessen. Vor seiner Ankunft landete 2003 Carlos Checa in der MotoGP-WM als bester Yamaha-Pilot auf dem siebten Gesamtrang. Er holte 123 Punkte, Weltmeister Rossi auf der Repsol-Honda 367.

Diese Zahlen veranschaulichen das Wagnis, das Rossi mit dem Wechsel zu Yamaha einging. Dort war seit Wayne Rainey 1992 kein WM-Titel mehr gefeiert worden.

Deshalb geniesst der alternde Rossi noch heute bei Yamaha eine Art Heiligenstatus. Trotzdem waren die Japaner im Frühjahr 2010 weitblickend genug, Lorenzo als Mann mit Zukunft mit einem neuen Zwei-Jahres-Vertrag auszustatten. Rossi hatte im Februar 2010 posaunt: «Yamaha muss sich entscheiden, er oder ich.» Yamaha wollte beide haben, doch Rossi wechselte trotzig zu Ducati, wo er das Yamaha-Wunder wiederholen wollte.

Dieses Manöver ging gründlich schief. Drei Podestplätze in zwei Jahren, zwei davon im Regen – ein trostloses Fazit.

Ohne Rossi fand sich kein Sponsor
Jorge Lorenzo hat zwei Jahre lang erkennen müssen, dass Yamaha ohne Rossi keinen Hauptsponsor findet; Fiat verabschiedete sich am Tag des Weggangs des Italieners. Yamaha verhandelte danach mit Firmen wie AirAsia, Petronas und MoviStar, aber niemand biss an. Lorenzo fehlt das Charisma, Rossi-Nachfolger Ben Spies war auch keine Attraktion.

Viele Yamaha-Importeure und -Händler sehnten sich nach einer Rückkehr von Rossi; der Mega-Star garantiert Umsatz, die Nummer 46 hat mehr Fans als alle seine Gegner zusammen. Sogar Rossis Kumpel und Helmträger Uccio schreibt bei einem Grand Prix mehr Autogramme als der farblose Dani Pedrosa.

Also macht Jorge Lorenzo jetzt gute Miene zur neuen Zweckgemeinschaft. Er hat gesehen, dass ihn ein Teamkollege wie Spies in keiner Form weiterbringt. Rossi bringt Leben in die Bude, der Italiener lässt sich sogar zu Unterwerfungsgesten hinreissen und wird nicht müde, die Darbietungen seines Teamkollegen zu lobpreisen.

Aber Rossis vorrangiges Ziel ist es, in den nächsten zwei Jahren noch einmal Weltmeister zu werden. Lorenzo befindet sich allerdings in beängstigend guter Form. Es wir schwer für Rossi, ein Rezept gegen den Champion zu finden. Vor und nach Lorenzo hatte er meist recht müde Teamkollegen: Ukawa, Hayden, Checa, Edwards – und wieder Hayden.

«Ein erfahrener Pilot wie Valentino, der so ein spezielles Gefühl fürs Rennfahren hat, wird den Ingenieuren bei Yamaha und mir viel helfen», meint Lorenzo. «Er kann zur Entwicklung entscheidend beitragen und mir helfen, wenn er bei neuen Teilen dieselbe Meinung äussert wie ich. In Sepang haben wir den Ingenieuren immer identisches Feedback geliefert. Dadurch liess sich die Maschine rascher verbessern.»

Aber Rossi ist ein alter Fuchs. Er hat zuerst Biaggi zermürbt, dann Gibernau, auch Stoner hat er überlebt und kleingekriegt.

Der Frieden ist trügerisch; Lorenzo muss auf der Hut sein. Jeden Tag, jede Runde, jede Minute. Nicht nur im Kampf gegen die mächtige Honda-Phalanx mit Pedrosa, Márquez, Bradl und Bautista. Einer der stärksten Gegner sitzt in der eigenen Box.

Die Mauer mag gefallen sein. Der Ehrgeiz des neunfachen Weltmeisters und 105-maligen GP-Siegers bleibt fest zementiert. Das Kriegsbeil ist nicht tief begraben; von einem Waffenstillstand kann keine Rede sein. Rossi, Tagesschnellster vor einer Woche in Jerez, wandelt wieder auf Kriegspfad.

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