Lorenzo in Assen war heldenhaft, aber ein Risiko

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Jorge Lorenzo: Zwei Tage nach der OP auf Rang 5 gefahren

Jorge Lorenzo: Zwei Tage nach der OP auf Rang 5 gefahren

In Sportarten wie Rugby gibt es strenge Vorschriften für die Rückkehr eines verletzt gewesenen Athleten. Auch wenn ich riesigen Respekt für Jorge Lorenzo habe, so etwas sollte nicht zugelassen werden.

Jorge Lorenzo hat vor acht Tagen beim MotoGP-Rennen in Assen eine Heldentat vollbracht. Seinem ohnehin übernatürlichen Ruf hat dies eine andere Dimension verliehen. Von einem normalen Mann zu Superman, in nur drei Tagen.

Jeder, der nach Sportidolen für die nächste Generation sucht: Gut, begrüssen wir den neuen Leitstern für Kraft, Mut und Engagement. Ich habe nichts als Respekt für diesen Kerl.

Wenn man sich die Ereignisse anschaut, die in Assen passiert sind, haben sie ein Gefühl von Unruhe hinterlassen, das im ganzen Fahrerlager zu spüren war. Die Anspannung wuchs der Erleichterung, nachdem Lorenzo nach Platz 5 sicher in seine Box zurückgekehrt war, aufgelöst in Tränen vor lauter Schmerz als auch vor Triumph und Genugtuung. Puh, wir sind nochmal damit weggekommen.

Heldenhafte Rennen wie dieses würzen die Geschichte des Rennsports und rufen dieselben gemischten Erinnerungen hervor. Man denke an Barry Sheene, Kevin Schwantz und natürlich Lorenzo, nachdem er 2008 in China seinen Knöchel gebrochen hatte.

Und andere verletzte Fahrer, die einen anderen Weg gegangen sind. Ihre Rennen endeten in Unfällen, einer davon war fatal. Sie allen hatten etwas gemeinsam: Die Fahrer fühlten sich fit genug, um zu fahren. Lorenzo hat es auch gesagt: «Der Fahrer weiss am besten, ob er fit ist zu fahren oder nicht.» Andere Fahrer stimmten ihm zu. Als Pole-Setter Cal Crutchlow gefragt wurde, welchen medizinischen Tests Jorge sich unterziehen sollte, damit er sich sicher fühlte, antwortete Crutchlow brüsk: «Mir ist es egal. Wenn er das Rennen fährt, ist er mein Held.»

Ganz genau. Es braucht Geschick, einen MotoGP-Prototyp mit über 250 PS bis zum schwindelerregenden Limit zu fahren. Gegen die Besten der Welt zu fahren, von Woche zu Woche – das benötigt Mut. Wenn sie nicht so denken würden, wären sie nicht hier.

Gleichzeitig nehmen die Asse ein grosses Risiko auf sich. Wenn sie einen Fehler machen, ist es selten der Vorsicht wegen. Das ist der Grund, warum wir sie bewundern. Aber eine wichtige Frage, die man sich stellen muss: Weiss es der Fahrer wirklich am besten?

Da gibt es zwei Seiten: die physische und die mentale. Die erste kann mit Mut und Überzeugung besiegt werden. Die zweite ist schwieriger einzuschätzen, aber trotzdem wichtig zu beachten im Fall einer möglichen Gehirnerschütterung und natürlich auch nach einer allgemeinen Anästhesie, also einer Narkose wegen einer Operation.

Viele andere Sportarten haben strikte Regeln, die aufgestellt wurden, um Unfallopfer von – naja, im Wesentlichen vor sich selbst zu beschützen.

Die Basis dafür: Sportler bestreiten Tests vor der Saison, um verschiedene Gehirnfunktionen zu testen, welche die Konzentration und die Geschwindigkeit des Problemelösens einschätzen zu können. Wenn du einen Schlag an den Kopf kriegst, müssen diese Tests wiederholt und die Resultate angepasst werden.

Das Internationale Rugby Board kennt ein «graduated return to play protocol», das fast ausnahmslos eine Zwangspause für sieben Tage oder mehr beinhaltet. Übrigens: Rugby erlaubt keine Schmerzmittel an einem Spieltag, etwas, ohne das all die oberen Renn-Wunder nicht möglich gewesen wären.

Die meisten Sportarten haben etwas gemeinsam: Allein das Opfer trägt das Risiko. Im Motorradrennsport ist es anders: Dort muss man die möglichen Opfer der Opfer beachten. Kurve 1 in Assen nach dem Start ist kein besonders sicherer Platz, wenn etwas schief geht.

In Assen habe ich einen erfahrenen Funktionär gefunden, der mir vor dem Rennen im Privaten anvertraut hat: «Ich wünsche mir, dass Lorenzo in ein Flugzeug steigt und nach Hause fliegt.» Aber da führte kein Weg hin. Stattdessen überholte Lorenzo wie ein Grosser, nachdem er den ganzen Weg vom Renndirektor zum Medical Director auf sich genommen hatte, um am Ende vor der Tür des Circuit Doctors zu landen. Das ist ein anderer Arzt an jeder Rennstrecke und es gibt keine Vorhersehbarkeit, was seine Entscheidung betrifft.

Die Schätzung des Doktors von Assen stellte sich als richtig heraus, genauso wie Lorenzos. Man stelle sich nur vor, wenn einer von beiden falsch gelegen hätte. Wenn Jorge es nicht geschafft hätte und andere Fahrer vom Bike gerissen hätte, wenn es schwere Verletzungen gegeben hätte...

MotoGP würde nicht so heldenhaft aussehen. Es würde gefühllos, verantwortungslos und leicht makaber aussehen. Genau wie wir alle. Es ist Zeit, für die Dorna, die Kontrolle zu übernehmen, strengere Tests einzuführen und sichere Regeln festzulegen. Eine davon, sorry, dass ich es sage, sollte sein, dass Fahrer nicht einfach vom OP-Tisch aufspringen und geradewegs auf ihre Bikes zurückklettern dürfen, egal für wie fit sie sich halten.

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