MotoGP-WM: Honda und Yamaha liessen sich reinlegen

Von Günther Wiesinger
Livio Suppo (HRC) und Lin Jarvis (Yamaha)

Livio Suppo (HRC) und Lin Jarvis (Yamaha)

Dass ein Werk wie Ducati, das in der Fahrer-WM mit Andrea Dovizioso auf Platz 2 liegt, weiter von technischen Privilegien profitieren darf, versteht niemand. Nicht einmal die einstigen Befürworter dieses Leichtsinns.

Unglaublich, welchen Unterschied ein paar Wochen ausmachen können.

Am 24. März 2015 verteidigte Repsol-Honda-Teamprinzipal Livio Suppo die für die MotoGP-Saison 2015 prolongierten Open-Privilegien für Ducati noch vehement als sinnvoll und gerechtfertigt. Diese Vorteile seien gut für den Sport, bemerkte der italienische Stratege, ?es sei wichtig gewesen, Ducati zu helfen, ergänzte er.

Beim Jerez-GP ziemlich genau fünf Wochen später hatte Suppo seine Meinung gründlich geändert.

Was liegt zwischen diesen beiden Terminen? Was ist seither geschehen? Was mag Suppo zu diesem Meinungsumschwung und zu dieser flinken rhetorischen Kehrtwendung bewogen haben?

Wir können es nur erahnen. Es bestehen gewisse Verdachtsmomente.

Seither hat sich folgendes zugetragen:

– Beim Katar-GP brausten die Ducati-Werksfahrer Andrea Dovizioso und Andrea Iannone mit der neuen GP15 auf die Plätze 2 und 3 hinter Rossi, Weltmeister Marc Márquez wurde nur Fünfter.

– «Dovi» hat bei den ersten drei Rennen 2015 drei zweite Plätze errungen, er ist WM-Zweiter – elf Punkte vor Márquez.

– Weltmeister Marc Márquez hat bei den ersten vier Rennen nur einen Sieg errungen (im Vorjahr dominierte er bei den ersten zehn Grand Prix und gewann sie alle), er liegt in der WM nur an vierter Stelle. Ducati-Star Iannone liegt nur sechs Punkte hinter ihm. Die Roten sind wieder eine Macht geworden. (Das kam nicht aus heiterem Himmel, es hat sich schon im Herbst 2014 abgezeichnet).

– Yamaha hat mit Rossi und Lorenzo drei der ersten vier WM-Läufe 2015 gewonnen.

Jetzt stellen sich auch die HRC-Manager endlich die Frage, warum sie Ducati im Frühjahr 2014 die Open-Privilegien ohne Not auch für 2015 zugebilligt haben, ohne die Erfolge in der Saison 2014 abzuwarten. Klar, es gab Einschränkungen. Bei drei Podestplätzen im Trockenen (saisonübergreifend 2014 und 2015) würde Ducati mit 22 statt 24 Liter fahren müssen.

Aber jeder halbwegs aufgeweckte Techniker hätte schon vor einem Jahr wissen müssen, dass diese Drohung eine leere war. Denn in der Saison 2013 kam Ducati mit 21 Litern über die Distanz. Sie haben deshalb gar nie einen 24-Liter-Tank gebaut!

Und wenn Ducati 2015 noch drei Siege im Trockenen erringt, verlieren sie die um eine Stufe weicheren Hinterreifen. Auch kein Weltuntergang, denn dieser Reifen lässt sich im Rennen in den seltensten Fällen einsetzen. 2014 genau zweimal!

Um denselben Fehler nicht zweimal zu machen, sollen jetzt die Neueinsteiger wie Suzuki und Aprilia für 2016 mit «concession points» bedacht werden, also Zugeständnis-Punkten. Drei für einen Sieg, zwei für Platz 2, einen für Platz 3. Mit dem Erreichen von sechs Punkten sollten dann Privilegien wegfallen – da geht es um die Anzahl der Motoren, um die geringeren Testbeschränkungen und die nicht eingefrorene Motorenentwicklung.

Jetzt will Suppo diese «concession points» schon 2015 zur Anwendung bringen, damit Ducati mit Sicherheit 2016 alle aktuellen Vorteile verliert.

Die Roten sollen dann nächstes Jahr wie Honda und Yamaha nur sieben Motoren kriegen, keine zusätzlichen Tests, die Motorenentwicklung soll ab dem Saisonstart eingefroren werden – wie bei Honda und Yamaha.

Dieses Vorhaben ist gerechtfertigt und einleuchtend.

Die Frage ist nur: Warum wachen die Honda-Verantwortlichen so spät auf?

Es wäre gewiss fairer und weitblickender gewesen, Ducati schon im März 2014 klare gesetzliche Schranken zu setzen als jetzt nach dem ersten Saisonviertel 2015 gültige Gesetze ausser Kraft zu setzen, alles noch komplizierter zu machen und die geplante Zwei-Klassen-Gesellschaft (Open-Class, Factory Status) ?mit unübersichtlichen Nebenvereinbarungen, weiteren Ausnahmen und Zugeständnissen samt «concession points»-Tabellen noch mehr durcheinander zu wirbeln.

Im Grunde sind die Japaner dem schlauen Ducati-Renndirektor Gigi Dall'Igna auf den Leim gegangen.

Als der Italiener im Februar 2014 plötzlich drohte, er werde die vier Ducati von Ducati Corse und Pramac in der neuen Open-Class anmelden, er werde also 2014 die Einheits-ECU in Kauf nehmen, aber dafür von den zahlreichen Open-Vorteilen profitieren, verloren die glorreichen Manager von Honda und Yamaha offenbar die Nerven.

Sie wollten nicht ihren einzigen europäischen Gegner für die Konstrukteurs-WM verlieren – und willigten deshalb leichtfertig in alle Zugeständnisse ein.

Und das – ohne lang genug nachzudenken – gleich für zwei bis drei Jahre.

Weitreichende Sportpolitik und Schlitzohrigkeit war noch nie eine Domäne der Japaner.

Es hätte ja einfache Möglichkeiten gegeben, ?für Ducati den Zeitraum bis zum Wegfall der Privilegien zu begrenzen. «Dovi» war im Vorjahr WM-Fünfter. Spätestens ab diesem Tag waren alle künstlichen Aufstiegshilfen höchst überflüssig.

Und seit Ducati in der Fahrer-WM 2015 mit Dovizioso und Iannone an zweiter und fünfter Stelle liegt, wirken die Open-Vorteile nur noch lächerlich. Man hätte also zum Beispiel den WM-Stand zugrunde legen können statt irgendwelche ominösen Podestplätze. Lächerlich:  Wäre Ducati zum Beispiel durch fünf GP-Siege im Nassen 2014 Weltmeister geworden, wären ihnen alle Vorteile 2015 erhalten geblieben!

Mit solch unüberlegten Vorschriften gibt sich die MotoGP-WM längst der Lächerlichkeit preis.

Wer hilft den benachteiligten Kunden-Teams von LCR-Honda, Tech3 und Marc VDS, die kaum Podestchancen haben, aber keine Open-Vorteile geniessen dürfen?

Haben Honda und Yamaha mit diesen unbedachten Massnahmen vor einem Jahr nicht ihren eigenen zahlenden Kunden ins Knie geschossen?

Als Dorna, FIM und IRTA die Einheits-ECU für die MotoGP-WM propagierten, fühlte sich HRC-Vizepräsident so in die Enge getrieben, dass er mit dem Rückzug aus der Königsklasse drohte.

Schlüssige Argumente gab es nicht, denn in anderen Rennserien akzeptiert Honda die Einheits-Elektronik seit zehn Jahren.

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