Editorial

Audi-Chef Rupert Stadler: Bringt er Bradl zu Ducati?

Von - 10.08.2015 13:54

Pramac-Ducati plant die MotoGP-Saison 2016 mit Danilo Petrucci und Stefan Bradl. Ducati-Eigentümer Audi könnte etwas Einfluss geltend gemacht haben.

Stefan Bradl (25) ist bisher der einzige Fahrer seit 2010, der einen WM-Titel von Marc Márquez verhindert hat. Seither ist es keinem Rennfahrer gelungen, den spanischen Überflieger zu stoppen. Keinem Lorenzo, keinem Rossi, keinem Pedrosa. Das lässt sich nicht verleugnen.

Ob es den MotoGP-Gegnern 2015 gelingt, Marc an der erfolgreichen Titelverteidigung zu hindern, ist noch offen.

Stefan Bradl hat 2011 die Moto2-Weltmeisterschaft gewonnen, die mit 600-ccm-Einheitsmotoren gefahren wird und in der das Fahrkönnen eine bedeutende Rolle spielt.

Stefan Bradl wurde 2012 in der MotoGP-WM bei LCR-Honda «Rookie of the Year» und WM-Achter; 2013 startete er beim Laguna-Seca-GP aus der Pole-Position, er landete im Rennen auf Platz 2 und beendete die WM damals an siebter Position. Vor dem Knöchelbruch in Sepang (er verpasste dadurch zwei Rennen) lag er auf dem sechsten WM-Rang.

Trotzdem werden Bradls Erfolge von manchen Gegnern herabgewürdigt, sie verwünschen ihn für 2016 sogar in die Deutsche Meisterschaft oder Superbike-WM.

Doch Stefan Bradl wird auch 2016 in der «Formel 1 auf zwei Rädern» fahren, als einziger Deutscher.

Denn die wahren Experten im Fahrerlager wissen: Der Bayer hat als erster Deutscher seit Mitte der 1950er Jahre (Walter Zeller auf BMW) die Königsklasse dreimal hintereinander in der Gesamtwertung unter den Top-Ten beendet, er hat in 60 Rennen 41 Top-Ten-Plätze erobert und 17 Top-5-Ergebnisse eingefahren.

Dazu kann Bradl zielführende technische Aussagen machen, was ihn von manchen Rennfahrerkollegen unterscheidet. Diese Erkenntnis hat auch Aprilia-Renndirektor Romano Albesiano gleich beim ersten Rennen in Indy gewonnen und mehrmals gelobt.

Aber eines ist unbestritten: Bradl ist 2014 an den Ansprüchen der Honda Racing Corporation zerschellt. Die Japaner erwarteten in seiner dritten MotoGP-Saison konstant Podestplätze, was aber für einen Fahrer aus einem Kundenteams kein realistischer Anspruch ist. Als Honda jedes Wochenende einen anderen Nachfolger für 2015 ins Spiel brachte, geriet Bradl im Vorjahr stark unter Druck, er machte Fehler, seine Leistungen wurden schwankend. Aber: Er eroberte bei den letzten vier Rennen 2014 auf der LCR-Honda noch zwei vierte Plätze.

Cal Crutchlow, Bradls Nachfolger bei LCR-Honda, ist nach zehn Rennen WM-Achter, er hat bisher zwei Top-5-Plätze eingefahren; Bradl hatte zu diesem Zeitpunkt 2014 drei Top-5-Ergebnisse in der Tasche. Und Crutchlow ist vier Jahre älter!

Doch diese Zahlenspielereien sind überflüssig geworden. Für Bradl existiert auch ein MotoGP-Leben abseits von Honda.

Stefan Bradl: Durch Leistung überzeugen

Nach der Verhaftung von Forward-Yamaha-Teambesitzer Giovanni Cuzari wechselte der siebenfache GP-Sieger aus Zahling in der Sommerpause ins Aprilia-Werksteam, wo er bis zum Saisonende den unmotivierten Marco Melandri ersetzt und in Indianapolis die Erwartungen zumindest im Training und Warm-up übertraf.

Jetzt winkt Stefan Bradl für 2016 ein Vertrag im renommierten italienischen Octo Pramac Racing Team von Paolo Campinoti.

Es ist jetzt nebensächlich, ob und wie stark sich der Audi-Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler bei Ducati (die Audi Group hat Ducati im Jahr 2012 gekauft) für den Deutschen eingesetzt hat. Er hat in Italien offenbar ein kleines Machtwort gesprochen und durchblicken lassen, dass Deutschland durchaus einen deutschen Teilnehmer in der Königsklasse haben sollte.

Bei Pramac-Chef Paolo Campinoti stiess er ohnedies auf offene Ohren, denn dieser hatte schon 2010 ein Auge auf Bradl geworfen, als er mit 20 Jahren bei seinem ersten Moto2-GP in Katar eine Trainingsbestzeit nach der anderen aus dem Ärmel schüttelte und den dritten Startplatz ergatterte. Campinoti wollte Bradl schon für 2015 engagieren. «Du hast einen Fehler gemacht», sagte er in Misano 2014 an die Adresse des Bayern, der sich damals frühzeitig für Forward-Yamaha entschieden hatte.

Bradl hat 2015 in der ersten Saisonhälfte den grössten Reinfall seiner GP-Karriere erlebt. Mit dem raschen Wechsel zu Aprilia gelang ihm eine Schadensbegrenzung samt frischer Motivation, denn das Forward-Team blieb dem Indy-GP fern und blickt in eine ungewisse Zukunft voll gesiebter Luft und abgesprungener Sponsoren.

Wenn jetzt der Vertrag mit Pramac und Ducati zustande kommt, gibt es nur Gewinner. Ducati erhält einen Spitzenfahrer, der vier Jahre MotoGP-Erfahrung mit drei Fabrikaten hat und dessen Können unbestritten ist. Der leidenschaftliche Pramac-Chef Paolo Campinoti kann seine tadellosen Deutsch-Kenntnisse vervollständigen und mit einem starken Fahrerduo (Petrucci, Bradl) in die Saison 2016 starten. Stefan Bradl hätte die Chance, die bisher erfolglose und verhexte Saison 2015 auszubügeln, sich für das Vertrauen zu bedanken und an alte Erfolge anzuknüpfen.

Und Audi-Chef Rupert Stadler kann durch eine Mitwirkung am Bradl-Deal ein bisschen vom Spielberg-DTM-Dilemma ablenken.

Dort hatte sich Audi-Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich mit dem unmissverständlichen «Schieb ihn raus, Timo»-Funkspruch an Audi-Werksfahrer Timo Scheider für alle Zeiten lächerlich gemacht. Besonders durch den sparsamen Umgang mit der Wahrheit nach diesem Desaster.

Und wenn alles wunschgemäss klappt, könnte Stefan Bradl, übrigens Lenker eines geleasten Audi SQ5, in der Saison 2016 zeigen, dass er nicht in erster Linie wegen seiner deutschen Herkunft wieder ein Top-Team für die Königsklasse gefunden hat, sondern wegen seiner fahrerischen Leistungen.

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Stefan Bradl fährt einen geleasten Audi SQ5 © Frei Stefan Bradl fährt einen geleasten Audi SQ5
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