Stefan Bradl: «Erfolg ist die beste Medizin»

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Im Aprilia Racing Team Gresini kann Stefan Bradl sein Können wieder richtig entfalten. Der Moto2-Weltmeister von 2011 schildert die Vorzüge des Teams mit sichtlicher Begeisterung.

Seit dem ersten Tag bei Aprilia Racing Team Gresini wirkt Stefan Bradl (25) wie verändert. Er strahlt wieder, die Begeisterung ist zurückgekehrt, die Leidenschaft fürs Rennfahren, die frühere Einsatzfreudigkeit ist wieder zu spüren, die Motivation fürs Konditionstraining und die Risikobereitschaft, die ihm wegen der problematischen Einheits-Elektronik im ersten Halbjahr 2015 bei Forward teilweise abhanden gekommen war.

Der Moto2-Weltmeister von 2011 weiss sein professionelles Umfeld zu schätzen.

«Es gibt bei so einem Werksteam so viele Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen», ist Bradl aufgefallen. «Es ist ein himmelweiter Unterschied zu einem kleinen Privatteam.»

Ein kleines Beispiel: Am Donnerstag um 19 Uhr wurde in der Boxengasse ein neues Teamfoto mit Stefan Bradl und Alvaró Bautista und der gesamten Crew gemacht, auch Renndirektor Romano Albesiano und Teambesitzer Fausto Gresini waren dabei.

Beim Mittagessen am Freitag in der Aprilia-Hospitality klebte das freigestellte Bild mit Bradl und Bautista (der Rest der Truppe wurde wegretuschiert) bereits in 3 Meter Grösse an der Wand hinter dem Buffet gegenüber dem Eingang.

Nach dem sauberen 14. Platz in Brünn fasste Stefan Bradl im Gespräch mit SPEEDWEEK.com sein zweites GP-Wochenende mit Aprilia zusammen.

Stefan, zweites Rennen, die ersten zwei Punkte. Du bist von Platz 16 losgefahren, nach sechs Runden warst du 15.

Mein Start war sehr gut, ähnlich gut wie in Indy. Nur habe ich in der ersten Kurve ein bisschen eine blöde Situation gehabt; ich habe keine Chance gehabt, nach innen zu ziehen. Meine Startposition war links aussen. Ich habe nach dem Start nicht nach rechts zur Innenseite ziehen können, bin ein bisschen rausgetragen worden und habe dadurch wieder zwei oder drei Plätze verloren. Trotzdem habe ich ein paar Positionen gut gemacht.
Dann war der Hayden in den ersten zwei Runden sehr aggressiv, er hat mich ganz schön attackiert. Aber ich habe gesehen, dass er einen wilden Vorderradrutscher gehabt hat, er konnte knapp einen Sturz vermeiden. Nach Hayden habe ich mir Barbera geschnappt, danach habe ich meinen Rhythmus gefunden. Das war eigentlich ganz gut.

Auf Barbera hast du zügig aufgeholt. Bist du gut an ihm vorbei gekommen?

​Ja, ich bin ziemlich schnell vorbei. Ich habe etwas Gegenwehr erwartet, aber das war nicht der Fall. Ich habe mir gedacht: «Fahr jetzt einfach weiter, du musst nicht schneller fahren als du kannst, nur das was möglich ist.»
Ich habe dann einen sehr guten Rhythmus zustande gebracht. Trotzdem habe ich ein paar kleine Fehler eingebaut, die nicht hätten sein müssen. Aber ich habe nie ein grosses Drama gehabt.
Mit Fortdauer des Rennens habe ich gemerkt, dass der Reifen hinten auf der rechten Seite extrem viel Spinning hatte. Vielleicht hat sich Bautista den Hinterreifen am Anfang ein bisschen besser eingeteilt. Bei mir war er am Schluss ein bisserl kaputter oder gebrauchter.

Wie hast du den Fight gegen deinen Teamkolegen Alvaró Bautista erlebt? Er hat dich in der vorletzten Runde überholt.

Im zweiten Sektor, die Kurve 9, die war meine Schwachstelle, da habe ich aufs Vorderrad ein bisschen aufpassen müssen. Dort habe ich in der Vergangenheit schon einige Vorderradrutscher gehabt. Bautista hat mich sauber überholt, da hat's nichts gegeben. Ich war dann 0,3 Sekunden hinter ihm. In der letzten Runde bin ich wieder auf ein Zehntel hingekommen. Aufgegeben habe ich nicht, aber in der letzten Runde habe ich schon gar keinen richtigen Plan mehr gehabt, wo ich attackieren sol. ​Es hat dann auch nicht mehr geklappt.

Deine Box hat dich über die Aufholjagd von Bautista gut informiert. Es stand dann zum Beispiel «P14 –1,5 BAU» auf der Tafel zu lesen.

Ja, aber wir müssen da noch was ändern für das nächste Rennen. Die Boxentafel ist schwer zu erkennen, besonders die Zahlen. Die sind in roter Schrift auf schwarzem Grund. Im Gegenlicht von der Sonne waren die roten Zahlen kaum zu lesen. Das hat jetzt am Rennverlauf nichts verändert, aber mental ist es gut, wenn du immer den genauen Abstand weißt.

Du hast 54,6 Sekunden auf den Sieger verloren und 0,1 sec auf Bautista.

Ich glaube, das kann sich sehen lassen. Redding auf der Factory-Honda lag ungefähr vier Sekunden vor uns. Redding und Hernandez habe ich immer vor uns gesehen, ich habe sie im Blickwinkel gehabt, das war zumindest kein schlechtes Gefühl. Sie waren nicht viel schneller. Unter einer Minute hinter dem Sieger, das ist vorläufig auch okay.

Die Elektronik ist wie in den drei Honda-Jahren kein Thema mehr?

Ich habe bei diesem Motorrad von Anfang an ein Vertrauen gehabt. Gleich als ich zum ersten Mal mit der Aprilia gefahren bin, war der Unterschied zu spüren zu dem, was ich vorher gehabt habe. Dadurch kannst du ein ganz anderes Gefühl und Vertrauen aufbauen. Ich brauche jetzt keine Angst mehr zu haben, wenns einmal wegrutscht, weil dann nix Schlimmes passiert. Bei meinem alten Team war es nach einem Rutscher meistens so, dass man in einen Sturz verwickelt wurde.

Wie ging es mit der lädierten rechten Hand?

Deutlich besser als in Indy. Aber ich habe vor dem Rennen drei Schmerztabletten genommen.

Besteht die Chance, dass der Kahnbeinbruch bis Silverstone in zwei Wochen ganz ausgeheilt ist?

Ich denke schon. Es war schon heute so, dass die Nachwirkungen nicht so schlimm waren wie in Indy. Nach dem Rennen in Amerika habe ich zwei Tage lang bei bestimmten Bewegungen Schmerzen gespürt. Heute waren sie schon drei Stunden nach dem Rennen recht erträglich. Es geht deutlich besser. Von der Hand her denke ich, dass es in Silverstone keine grossen Probleme mehr geben wird.

Du fährst hier in Brünn den Montag-Test, erstmals auf Michelin.

Ja, es soll aber laut Wetterbericht regnen. Eine Pause wäre gut für meine Hand, aber es wäre schlecht für die Entwicklung, was den neuen Reifenhersteller betrifft.

War dieses Rennen in Brünn jetzt ein Bewerbungsschreiben für einen Aprilia-Werksvertrag für 2016?

Was soll ich darauf antworten? Ich versuche mein Bestes, ich gebe mein Bestes, das ganze Wochenende hindurch, um die Leute hier bei Aprilia zum Überlegen zu bringen.
Und was ich so mitgekriegt habe, sie sind am Überlegen. Mehr kann ich momentan nicht tun.

Du bist im Aprilia-Werksteam richtig aufgeblüht. Mit so viel Freude und Leidenschaft haben wir dich seit mehr als einem Jahr nicht erlebt.

Ich war noch nie in einem Werksteam. Und man merkt schon, dass das Verständnis und der Informationsfluss rascher funktionieren, auch die Manpower ist nicht vergleichbar mit einem Privatteam. Die Arbeitsweise ist sehr, sehr professionell. Man sieht immer wieder Kleinigkeiten, die nicht sein müssen, aber sie sind halt so ein kleines Zuckerl.

Der Teamkollege ist der erste natürliche Feind, heisst es. Bautista und du, ihr beide beschränkt eure Kommunikation auf das Notwendigste?

Ich habe ihm in der Auslaufrunde die Hand geschüttelt. Nach dem Rennen bin ich auch zu ihm hingegangen, auf seine Seite in der Box. Dass er mit mir keine Freude hat, ist verständlich.

Einer deiner Mechaniker hat gesagt: Stefan hat einen frischen Wind ins Team gebracht.

Ja, sicher ist es für die bisherige Technik-Crew von Marco Melandri auf meiner Seite eine andere Situation als in der ersten Saisonhälfte. Mein Crew-Chief Diego Gubellini hat zu mir gesagt: Danke schön, das sind die ersten Punkte für uns in diesem Jahr.
Klar, das hat auch mit der Motivation jedes einzelnen im Team zu tun. Erfolg ist die beste Medizin. Ich habe schon das Gefühl, dass die Mannschaft sehr erleichtert und dass meine Mechaniker und meine Truppe sehr zufrieden sind.

Du warst jetzt in den zwei Rennen im Qualifying 17 und 16. Von solchen Positionen aus kann man im Rennen immer Punkte anpeilen, auch wenn in Brünn nur zwei Fahrer vor dir gestürzt sind – Crutchlow und Vinales.

Ja, man muss sitzen bleiben. Natürlich müssen wir immer ein bisschen von Ausfällen vor uns profitieren. Aber die kommen hin und wieder vor.
Das Ziel muss jetzt sein, diese Leistung bei den nächsten Rennen zu bestätigen. Wir haben am späten Sonntagnachmittag noch ein Technical Briefing gehabt. Wir werden uns bemühen, auch bei den nächsten Rennen ähnliche Leistungen abrufen zu können.
Danach werden werden wir versuchen, den nächsten Schritt zu machen – bei der Technik und fahrerisch.

Es sind neue Chassis-Teile in Planung, dazu ein Motor-Upgrade. Aprilia strengt sich unermüdlich an. Renndirektor Romano Albesiano hat gesagt: «Wir möchten Stefan ein besseres Motorrad geben.»

Ja, es wird in den nächsten Wochen einiges zu probieren geben. Ich weiss noch nicht alle Einzelheiten.

Irgendwie hast du dich extrem rasch an die Werks-Aprilia gewöhnt. Und du hast jetzt sechs sturzfreie Tage damit hinter dir.

Ja, ​dieses Motorrad verzeiht ein bisschen die Fehler. Auch vom Vorderradgefühl her klappt es ganz gut. Und ich kann das Limit gut fühlen.
​Ich war nach dem Qualifying am Samstag recht stolz, denn diese 1:57,1-min-Runde war schon zufriedenstellend. Da ist es mir perfekt gelungen, den weichen Hinterreifen zu nutzen. Das gibt dir ein gutes Gefühl für das Motorradl, wenn du es richtig ausquetschen kannst.

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