Phillip Island: Kommt Zeit, kommt der neue Alien

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Phillip Island bot den Fans Spannung pur. Das spektakuläre Rennen kostete nicht nur einer Möwe das Leben, sondern brachte auch einen neuen Anwärter auf den Status eines MotoGP-«Aliens» hervor.

Wenn ich mich recht erinnere, war es Loris Capirossi, der nun lange im Ruhestand ist, der den Namen «Alien» aufbrachte, um Typen wie Rossi und Lorenzo zu beschreiben. Diese Bezeichnung ist geblieben. Und die Zahl der Fahrer, die man mit diesem Namen in Verbindung bringen kann, ist angestiegen. Pedrosa war immer an der Grenze zum Alien – und ist es jetzt noch, an einem guten Tag; Marc Márquez kam und war einem Alien von Anfang an entwachsen – so weit es wohl geht.

Es ist die Natur des Fortschritts im Sport, dass diese Standards besser werden. Die Latte wird immer höher gelegt. Die Jungs lernen voneinander und sie werden alle besser.

Das bedeutet, dass es immer mehr Platz für Aliens gibt. Und ein absolut grossartiges Rennen in Australien hat ein paar weitere Kandidaten gezeigt, von denen jeder mit mindestens einem Fuss in (oder sollte man sagen ausserhalb) der Tür steht.

Nur um eines zu versichern, kein Tier von messbarer Wichtigkeit wurde während des Schreibens dieses Artikels verletzt. Wenn man die paar Millionen üblichen Mikroben nicht bedenkt.

Eine Möwe wurde jedoch stark verletzt, während des Entstehens des Fast-Aliens Nummer 1. Andrea Iannones Ducati kam ein wenig schneller in die letzte enge Kurve, als Jonathan Livingston erwartet hatte. Eine geflügelte Kreatur kollidierte mit einer anderen. Diejenige, die mit 260 PS fuhr, hat den entscheidenden Sieg davon getragen.

Als Randbemerkung: Als die Möwe einen Splitter von der äusseren Kante der Verkleidung brach, auf Handhöhe, hat sie die Weite der Verkleidung reduziert und die Flügel ragten hinter die Karosserie weiter hervor. Das Motorrad war also technisch illegal, falls Yamaha sich beschweren möchte.

Der drittplatzierte Iannone witzelte: «Der Vogel wartete darauf, mir einen Kuss zu geben.» Dieser nützliche O-Ton ist ein wichtiges Beispiel seines wachsenden Meisterns der Alien-Sprache, eine Sprache, die Rossi fliessend beherrscht. Wichtiger war, dass Iannone Rossi gerade in einem spannenden Kampf um den dritten Platz besiegt hatte. Furchtlos wie immer, holte er sich diese Position beim Ausgang aus derselben engen Kurve. Es war ein bedeutender Moment seiner Karriere. Ein grosser Schritt auf einer beeindruckenden Reise.

Iannones bisheriger Ruf war nicht so gut. Schnell, sehr aggressiv und ein bisschen unfallfreudig. Er hat aber auch nichts dagegen getan, ein netteres Bild von sich selbst zu malen. Vor allem, mit dem selbstbestimmten Spitznamen: The Maniac Joe (der verrückte Joe).

Andreas Leistungen dieses Jahr waren aber anders. Bestimmt nicht weniger aggressiv (das zeigt das Doppel-Überholmanöver vorbei an Rossi und Márquez beim australischen GP), aber in unerwarteter Weise zuverlässiger.

Iannone hat in dieser Saison bis auf ein Rennen immer Punkte geholt... In Japan. Und das war nicht seine Schuld, das Motorrad ging kaputt. Bis dahin hat er seine Bilanz nur mit dem einzigartigen und aussergewöhnlichen Rossi geteilt und mit dem Noch-nicht-ganz-Alien Bradley Smith, ein weiterer Fahrer, der sich in diesem Jahr stark verbessert hat.

Ein paar Kästchen muss Iannone noch abhaken, bevor er komplett die Verbindungen Planeten Erde kappen kann. Er hat noch kein MotoGP-Rennen gewonnen. Aber es gibt einen anderen wichtigen Massstab: Er wird mit dem einzigen anderen Fahrer gemessen, der genau dasselbe Motorrad fährt. Andrea Dovizioso ist ein ernstzunehmender ehemaliger 125-ccm-Weltmeister, aber in der dieser Saison wurde er von «Maniac Joe» überstrahlt, und das nicht nur wegen Unglücksfällen.

Gute Rennstrecken erlauben guten Fahrern, ihr Durchhaltevermögen zu beweisen. Und kein Fahrer war in Philip Island eiserner unterwegs als der neue Kandidat für den Weltraum.

Maverick Viñales ist ein Rookie in der Klasse, genau wie letztes Jahr in der Moto2, in der er auf Anhieb vier Rennen gewonnen hat. Obwohl er mit der immer noch neuen und immer noch langsamen Suzuki fährt, ist er von Anfang an hervorgestochen und wurde immer besser.

Er hält dem Teamkollegen-Kriterium stand. Der andere Suzuki-Fahrer, der feurige Aleix Espargaró, ist keine Niete, wie er bewiesen hat, als er die «Slowzuki» in Katalonien auf die Pole gebracht hat – trotz der langen Geraden der Strecke. Und der neue, junge Viñales? Er war Zweitschnellster, gleich daneben.

All das ist ein Tribut an die Gesamt-Integrität des leicht handzuhabenden Suzuki-Packages. Ich hoffe, dass es nicht aus der Balance gebracht wird, wenn das neue Bike mehr PS hat.
Noch mehr aber ist es ein Tribut an das rohe Talent des jungen Spaniers, das er während einer Vielzahl von Runden auf der flüssigen Strecke in Australien unter Beweis gestellt hat. Er wurde Sechster, wobei er das Battle gegen Cal Crutchlow hinter dem Fünftplatzierten Dani Pedrosa gewann. Ein echter Maverick, wie der Name schon sagt.

Aber wird das Alien-Raumschiff nicht ein wenig voll, mit all diesen Neuankömmlingen? Wohl eher nicht, weil hier ein unvermeidlicher Umschwung stattfindet. Neue Aliens kommen hinein, alte gehen hinaus. Im Fall von Rossis Spezies von Alien müssen wir noch warten, um herauszufinden, wie alt genau. Vielleicht 100.

Mit 26 ist Iannone auch nicht mehr der Jüngste. Aber Vinales ist erst 20, sechs Tage älter als der jüngste MotoGP-Fahrer, ebenfalls Klassen-Rookie Jack Miller (eine weitere interessante Aussicht).

Marc Márquez war 2013 der jüngste MotoGP-Weltmeister aller Zeiten. Ist es für ihn schon Zeit, über die Schulter nach hinten zu schauen?

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