Pit Baumgartner/Bridgestone: «Vertrauen unzerstörbar»

Von Günther Wiesinger
MotoGP

Pit Baumgartner arbeitete bei Yamaha sechs Jahre lang als Reifenflüsterer in der Yamaha-Box mit Superstar Valentino Rossi, dazu sieben Jahre bei Yamaha mit Lorenzo. Er gibt tiefe Einblicke hinter die Kulissen.

Peter «Pit» Baumgartner war in der MotoGP-WM als Reifentechniker von Bridgestone sechs Jahre lang in der Yamaha-Box von Valentino Rossi. Von 2008 bis 2010, dann ging der Italiener für zwei Jahre zu Ducati. Von 2013 bis 2015 vertraute er im Yamaha-Werksteam wieder auf seinen «Reifenzauberer» aus Deutschland. Und in den Jahren 2009 bis 2015 war Baumgartner auch für die Reifenwahl bei Jorge Lorenzo zuständig.

Der 45-jährige Pit Baumgartner gewann mit Rossi die MotoGP-WM 2008 und 2009, ab 2009 war er auch für Lorenzo verantwortlich, mit dem Spanier wurde die WM 2010, 2012 und 2015 gewonnen.

Jetzt wird Bridgestone von Michelin als Lieferant der Einheitsreifen abgelöst, die 2009 eingeführt wurden.

Das heisst: Pit Baumgartner wird sein umfangreiches Wissen in der Saison 2016 nicht mehr preisgeben.

SPEEDWEEK.com nahm den Ausstieg von Bridgestone zum Anlass für ein Gespräch mit Pit Baumgartner, das einige Einblicke hinter die MotoGP-Kulissen bietet.

Pit, du warst von 2004 bis 2006 für Bridgestone im Kawasaki-Werksteam, dann ein Jahr 2007 bei Gresini-Honda. Aber die grossen Erfolge für Bridgestone hast du bei Yamaha gefeiert. Wenn du heute zurückblickst. Was waren die schönsten und unvergesslichsten Erfolge?

Speziell der erste Sieg von Rossi 2008 in Shanghai bleibt im Gedächtnis, da haben wir nämlich das ganze Wochenende getestet mit relativ harten Mischungen. Und fünf Minuten vor dem Start fing es leicht zu regnen an.
Dann kam natürlich die Frage: «Welche Mischungen fahren wir jetzt?»
Dann haben die anderen Bridgestone-Fahrer einen Reifentyp mit der Bezeichnung 400 gefahren, damals hatten wir ja zu Zeiten des Reifenwettbewerbs noch mehr Mischungen gehabt.
Ich habe zu Valentino gesagt: «Dieser Reifen, den Casey und die anderen fahren, ist gut, aber ich will eigentlich eine Mischung fahren, die sonst niemand verwendet.» Bei Yamaha war das ganze Team am Grid skeptisch. Und Rossi schaute mich verwundert an. Ich habe zu ihm gesagt: «Wenn wir aufs Podium wollen, dann fahren wir einen anderen Reifen.» Das haben wir auch gemacht, er hat gewonnen.
Seitdem waren unsere Verbindung und unser Vertrauen unzerstörbar.
Das war mein erster Sieg in der MotoGP und Rossis erster Sieg auf Bridgestone. Ein grosser Moment für mich in der Zusammenarbeit mit Yamaha.

Andere Highlights? Vielleicht der erste Titelgewinn mit Rossi 2008?

Ja, genau, denn Michelin in dieser MotoGP-Klasse zu schlagen, gleich im ersten Jahr mit Rossi und Yamaha, das war natürlich ein Riesending für mich. Wir haben im Jahr 2008 neun Siege eingefahren. Die Entwicklung, die Rossi nach drei, vier Siegen bei uns gemacht hat, hat sich auf alle anderen Teams wie Honda, Kawasaki und Suzuki positiv ausgewirkt. Sie haben dann alle meine Spezifikationen gefahren, die ich bei Yamaha empfohlen habe. Dabei weiss ich gar nicht, ob diese Reifen für die anderen Hersteller gut oder schlecht waren... Das war schon ein cooles Jahr.

Hast du es bereut, als dann 2009 die Einheitsreifen kamen? Oder hast du gedacht, das ist gut für Bridgestone?

Nein, ich habe es auf jeden Fall bereut, weil ich wusste, bei Einheitsreifen wird es in Bezug auf Weiterentwicklung und persönliche Betreuung der einzelnen Fahrer insgesamt einen Rückschritt geben.

Du bist dann 2010 und 2012 mit Lorenzo Weltmeister geworden. Wie hat sich deine Aufgabe geändert, als der Reifenwettbewerb wegfiel? Hast du versucht, die Reifenentwicklung für Yamaha masszuschneidern auf Kosten der Konkurrenz? Wie schwierig war es, einen Reifen zu entwickeln, der für die Ansprüche aller Hersteller brauchbar funktionierte?

Bridgestone wollte immer einen Kompromiss-Reifen bauen, das ist aber ganz, ganz schwer. Jeder Reifentechniker von uns hat seine Anfragen gemacht. Ab 2006 war ich Cheftechniker der deutschen Truppe von Bridgestone Motorsport. Ich habe die ganzen Weiterentwicklungen weitergeleitet und auch einiges mitentschieden.
Wir haben immer versucht, einen Kompromiss zu finden. Aber ich habe logischerweise immer darauf geschaut, dass mir die Reifenentwicklung auch bei Yamaha hilft.

Wie schwierig war es für dich, als Bridgestone im Mai 2014 beim Jerez-GP verkündet hat, dass man nach dem Ende der Saison 2015 aussteigen wird?

Das war am Anfang für mich eine Info, die im Raum stand, aber ich habe es nicht realisiert. Ich habe es erst 2015 drei, vier Rennen vor Schluss richtig realisiert.

Du hast 2011 und 2012 bei Yamaha neben Lorenzo mit Ben Spies einen neuen Fahrer gehabt. Rossi war zu Ducati verschwunden. Dieses Manöver wolltest du auch lange nicht wahrhaben?

Ja, das habe ich nicht ganz geglaubt. Du hast mir damals frühzeitig verraten, da läuft was... (Er lacht). Es kam dann auch die Anfrage von Rossi, ob ich mitgehe. Aber Yamaha-Boss Furusawa und das ganze Yamaha-Team haben gepusht, dass ich bei bleibe. Auch Bridgestone war gegen so einen Wechsel. Deshalb bin ich bei Yamaha geblieben. Ich denke, das war auch gut so. Denn bei Ducati, das muss Chaos gewesen sein, was ich von Rossi gehört habe.

Hast du jemals damit gerechnet, dass Rossi wieder zu Yamaha zurückkommt? Anfangs wurde ja die Ehe Rossi/Ducati als himmlisches Bündnis gefeiert.

Ich habe damals 2012 im Paddock wieder von dir gehört, dass etwas läuft... Dass Rossi wieder zu uns kommt. Das wollte ich auch nicht glauben. Nach unserem Dialog habe ich Rossi im Fahrerlager gesehen. Ich habe ihn auf die Seite genommen und angeschaut. Ich fragte ihn, ob wir uns irgendwann wieder einmal in der gleichen Garage sehen. Er entgegnete: «Pit, entspann dich, ich komm zurück.»

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