Motocross-WM MX2

FIM: Kehrtwende gegenüber Gewalt

Von - 17.07.2019 23:41

Während noch vor wenigen Jahren im Motocross Gewalttätigkeiten bestraft wurden, übt sich die FIM heute in Toleranz und schafft mit ihrem Schweigen einen unbeabsichtigten Präzedenzfall durch Nachlässigkeit.

Der Kinnhaken, den Henry Jacobi (Kawasaki) nach der Zieleinfahrt des zweiten Laufs beim Grand-Prix of Germany im Talkessel seinem Teamkollegen Adam Sterry verpasste, blieb ungeahndet. Damit vollzieht die FIM einen Kurswechsel in Sachen Toleranz gegenüber Gewalt.

Henry Jacobi hatte sich nach seiner Entgleisung entschuldigt. Das macht den Zwischenfall jedoch nicht ungeschehen.

Jacobi erhielt, obwohl die Faktenlage durch TV-Bilder klar war, keine Verwarnung.

Zur Erinnerung: In Teutschenthal holte Jacobi seinen Teamkollegen Sterry im zweiten MX2-Lauf vom Bike und verpasste ihm danach einen Schlag gegen den Helm, nachdem sich der Brite bei ihm verbal über sein aggressives Überholmanöver beschweren wollte.

Pikant an der Geschichte: Der Deutsche attackierte seinen eigenen Teamkollegen. Das betroffene F&H-Kawasaki-Team hat deshalb keinerlei Interesse an einer Aufarbeitung oder gar Bestrafung. Das Team bemühte sich um Schadensbegrenzung und kehrte die Sache so gut wie möglich unter den Teppich. In den sozialen Medien wurden emsig Bilder von Jacobi und Sterry in harmonischem Teamspirit gepostet. Es soll eine Aussprache gegeben haben.

Noch vor wenigen Jahren verhängte die FIM für viel harmlosere Zwischenfällen teils drakonische Strafen. Mickaël Pichon kostete eine Strafe im Jahre 2000 sogar den WM-Titel, weil sein Vater (!) am Rande des Grand-Prix in Grobbendonk handgreiflich geworden sein soll.

Kinnhaken von WM-Fahrern gegen Mitbewerber dürften in der Motocross-WM einzigartig sein.

In den USA gab es 2017 im Rahmen der Supercross-WM einen Zwischenfall zwischen Jason Anderson und Vincent Friese. Friese holte Anderson im Rennen beim Überholversuch vom Bike, dieser revanchierte sich nach der Zieleinfahrt mit einem missglückten Faustschlag. Anderson kam durch seinen Schlagversuch sogar selbst zu Sturz, was der Situation eine etwas komisch-lächerliche Komponente gab. Anderson wurde trotzdem umgehend disqualifiziert.

Auch Jordi Tixier soll 2015 handgreiflich geworden sein. Die Fälle Tixier und Pichon sollten seitens der FIM eine klare Demarkationslinie festlegen: Es gab null Toleranz gegenüber Gewalttaten auf und neben der Strecke.

Das ist heute anders. Um sich den Unterschied zwischen damals und heute klarzumachen, muss man die Fälle aus der Vergangenheit näher beleuchten.

Jordi Tixier 2015
Am Ende des MX2-Laufs in Thailand 2015 kollabierten wegen der Hitze mehrere Fahrer. Neben weiteren Piloten wurde auch Jordi Tixier völlig dehydriert ins 'medical center' gebracht. Er befürchtete, für den zweiten Lauf für 'unfit' erklärt zu werden und wollte das 'medical center' auf schnellstem Wege wieder verlassen, woran ihn das Personal hinderte. Das wiederum wollte Tixier nicht akzeptieren. Es soll zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Tixier wurde mit einer Geldstrafe von 5.000 € belegt und für 4 Wochen vom Wettkampf ausgeschlossen.

Mickaël Pichon 2000
Mickaël Pichon (Suzuki) war der überragende Fahrer der Saison 2000 und auf dem Wege zu seiner ersten 250ccm Weltmeisterschaft, als er im zweiten Lauf des 12. GPs in Grobbendonk stürzte und mit dem Verdacht einer Schulterverletzung neben der Strecke behandelt wurde. Mickaëls Vater Alain war aus nachvollziehbaren Gründen besorgt und wollte dem verunglückten Sohn zu Hilfe eilen. Die Sanitäter verweigerten ihm - möglicherweise auch wegen Verständigungsproblemen - den Zugang. Alain Pichon soll Gewalt gegenüber den Sanitätern angewendet haben, um sich Zugang zum Krankenwagen zu verschaffen.

Die FIM sperrte Mickaël Pichon für 4 Wochen und brachte ihn damit um seine Titelchancen. Die FIM berief sich auf den Artikel 032.5.4 des FIM Sportgesetztes.

Bis heute ist nicht aufgearbeitet, was eigentlich genau unter einem 'Teammitglied' zu verstehen ist. Nach Ansicht des damals betroffenen Suzuki-Werksteams unter der Leitung von Sylvain Geboers ist der Vater eines Grand-Prix-Piloten nicht 'automatisch' Team-Mitglied. Geboers argumentierte, dass im Motocross überhaupt nur eine Sidecarbesatzung ein Team bilden könne, nicht aber eine Crew aus Mechanikern, Helfern, Presseleuten, LKW-Fahrern, Caterern usw..

Mag diese Interpretation auch als juristische Spitzfindigkeit gewertet werden: Geboers kam damit nicht durch. Die Strafe blieb bestehen, Fredrik Bolley wurde Weltmeister des Jahres 2000. Seitens der FIM sollte jede Form von Gewalt mit diesen strengen Maßnahmen vermieden werden.

Heute wird ein Faustschlag gegen einen Mitbewerber toleriert. Wenn dieses Beispiel Schule macht, könnte es nicht bei diesem Einzelfall bleiben.

Denn künftige Gewalttaten können ab jetzt nicht mehr geahndet werden. Jeder zukünftige Fall wird mit dem Verweis auf den Fall Jacobi vom Tisch gefegt.

Das Image des Motocross-Sports, der es angesichts vieler Probleme in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin schon schwer hat, wird durch diese Nachlässigkeit der FIM weiter geschwächt. Der Sport wird in eine Schmuddelecke gestellt, in die er nicht hingehört.

Jacobis ausgezeichnete sportliche Leistung beim Grand-Prix of Germany würde eine Verwarnung nicht schmälern. Er hat sich zu seinem Fehlverhalten bekannt und alles getan, was er tun konnte, indem er sich öffentlich entschuldigte. Auch das verlangt Respekt ab. Aber die FIM hat in dieser Sache wahrlich keine gute Figur abgegeben. Es wäre ihr Job gewesen, ein klares Zeichen zu setzen. Das hat sie versäumt.

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Henry Jacobi wurde im Talkessel handgreiflich und entschuldigte sich später dafür © Thoralf Abgarjan Henry Jacobi wurde im Talkessel handgreiflich und entschuldigte sich später dafür
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