Jo Gartner und das abrupte Ende bei 320 km/h
Le Mans, 1. Juni 1986 – der Todestag von Jo Gartner vor 40 Jahren. «Er hätte Sportwagen-Weltmeister werden können», meint sein damaliger Berater David Gulda.
Wer an jenem Sonntag, 1. Juni, vor 40 Jahren ab fünf Uhr früh die Nachrichten im ORF-Radio hörte, war geschockt: «Frankreich. Bei einem schweren Unfall am frühen Morgen, während des 24-Stunden-Automobilrennens von Le Mans, verunglückte der österreichische Rennfahrer Jo Gartner tödlich. Vermutlich als Folge eines Materialdefekts …»
Der Wiener Jo Gartner war gleichermaßen von der Automobiltechnik und vom Rennfahren fasziniert. Über Nachwuchsformeln schaffte er es in die Formel 2, gewann 1983 den EM-Lauf in Pau und brachte 1984 so viel Sponsorengeld zusammen, dass er in der «Krücke» von Osella-Alfa im San-Marino-GP in Imola sein Formel-1-Debüt geben konnte.
Als Nummer 2 überzeugte er in acht Einsätzen mehr als Stammfahrer Pier-Carlo Ghinzani, der im Gegensatz zum beim Debüt schon 30-Jährigen früher mit dem neuen Alfa-Turbo-Motor fahren konnte.
Gartners Sternstunde: Rang 5 in Monza, einen Platz vor Gerhard Berger im ATS-BMW beim Sieg von Niki Lauda im McLaren-Porsche. Nicht nur Gartners Sternstunde, sondern eine für den österreichischen Motorsport.
Das «Rennen» um das zweite Cockpit bei Arrows für 1985 verlor Gartner gegen Berger mit dessen BMW-Motorenmitgift.
Alternative Sportwagen-WM
Die Sportwagen-WM war die Alternative, dazu Rennen in Nordamerika. Vierter in Le Mans 1985 im Porsche 956 von John Fitzpatrick, danach der Wechsel zu den Kremer-Brüdern mit Rang 3 in Silverstone 1986 im Porsche 962.
Das Highlight wurde der Klassiker in Sebring im Frühjahr, als Gartner mit Hans-Joachim Stuck und Teameigner Bob Akin im Porsche 962 im Zwölfstundenrennen siegte – und dabei nach einer Panne auf drei Rädern ins Ziel fuhr, bejubelt von Tausenden Zuschauern.
Einige Wochen vor Le Mans sagte Gartner: «Auf der Hunaudières-Geraden darf dir nichts, schon gar nichts passieren. Dort hast du so viel Zeit zum Nachdenken, was passiert, wenn dir bei 350 km/h am Auto etwas bricht.»
Vom Rennen in Lime Rock (Connecticut) kam Gartner direkt nach Le Mans. Vor dem Start hatte er Gespräche mit Porsche-Rennleiter Manfred Jantke über einen Werkvertrag ab 1987.
Stuck, der mit Gartner nicht nur befreundet war, sondern auch seine Fähigkeiten schätzte, hatte Jantke empfohlen: «Krallt euch den Jo!»
Am Samstag erfuhr auch Gartner vom schweren Unfall von Ex-F1-Kollegen Marc Surer bei der Hessen-Rallye, bei dem Beifahrer Michel Wyder ums Leben kam. Er war entsetzt.
Schicksalstag in Le Mans
Das Rennen verlief nicht ohne Probleme für den Kremer-Porsche mit Nummer 10. Es gab mehrere kleine Reparaturen.
Kurz nach drei Uhr früh passierte es. Die Hunaudières-Gerade, fünf Kilometer durch den Wald auf der sonst als D338 genutzten Straße (noch ohne die später errichteten zwei Schikanen), wurde mit bis zu 350 km/h durchrast. Im Porsche musste etwas gebrochen sein.
Der Wagen bog im rechten Winkel nach links ab, prallte mit 300 km/h in die Leitschienen und durchbrach sie, flog auf einen Telefonmasten und auf einen Baum und wieder zurück auf die Strecke. Nach 200 Metern kam das Wrack kopfüber und brennend zum Stillstand. Gartner, erst 32 Jahre alt, hatte keine Überlebenschance.
Doris Szlezak war Jos Lebensgefährtin. Sie erinnert sich: «Am Wochenende, als Jo in Lime Rock fuhr, heiratete sein Bruder Fritz. In großem Rahmen, was Jo nicht gefiel. Aber er wollte, dass ich nach Le Mans komme. Dort sprach er vom Heiraten. Am besten in Las Vegas, wenn er im Herbst wieder in den USA sein würde, meinte er. Und in sehr kleinem Rahmen. Jo war da sehr pragmatisch, ohne jede Romantik.»
Doris bekam kurzfristig nur einen Flug von München nach Paris, dort trafen sie und Fotograf und Freund Michael Glöckner. Jo und fuhren mit einem Leihwagen nach Le Mans.
David Gulda, Sohn des Pianisten und Komponisten Friedrich Gulda, war seit der Zusammenarbeit bei der Rennsportausstellung «Motodrom» im Wiener Messepalast 1983 mit Gartner freundschaftlich verbunden.
Der Jurist und Finanzberater, seit Kurzem auch Buchautor («Loew – Lebenswege einer jüdischen Familie», Böhlau-Verlag), erinnert sich: «Ich schlief in meiner Wohnung im 3. Bezirk, als mitten in der Nacht das Telefon klingelte und Doris sich meldete. Sie sagte, ich könne ja Französisch und ob ich nicht im Spital anrufen könnte. Der Jo hatte einen Unfall. Ich rief dort an und fragte nach Jo und wie es ihm ginge und ob man ihn besuchen könne. Die Dame antwortete, Sie können ihn schon besuchen, aber er ist tot. Ich glaubte es einfach nicht, weil ich dachte, er sei nur verletzt. Dann rief ich Doris zurück und sagte, es sehe schlecht aus. Offenbar wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er verstorben war.»
Doris war auch in den Nachtstunden in der Kremer-Box. «Jo kam nach dem ersten Teil seines Doppelturns herein, es wurde am Auto repariert. Dann gab er mir seine Uhr, ich wusste nicht, warum, und sagte: ‚Nach meinem Turn möchte ich ein Erdbeerjogurt.‘ Und er meinte auch: ‚Hoffentlich bricht nicht noch mal was.‘»
Als plötzlich Ruhe einkehrte, wusste auch Doris, dass das Rennen unterbrochen war. «Mir fielen plötzlich die Boxenmarshalls auf, die mich anstarrten. Später wurde Teamchef Erwin Kremer zur Rennleitung gerufen. Ich eilte mit. Dann wurde uns mitgeteilt, dass Jo tot sei. Ich wollte ihn natürlich nochmals sehen und fuhr mit Kremer ins Spital.»
Glöckner hatte sich im Leihauto kurz hingelegt, weil Jo ja mit einem Doppelturn unterwegs war. «Dann kam die Meldung Unfall, Safety-Car und so weiter. Ich ging zu Kremer ins Motorhome. Später wurde die schlimmste Befürchtung Realität.»
Auch Gulda kann zur exakten Unfallursache nur spekulieren: «Rechtwinkelig abzubiegen bei 300 km/h spricht für einen Aufhängungsbruch. Aber es gab auch Probleme mit dem Unterboden. Die zwei Kremer-Autos waren mit unterschiedlichen Unterböden unterwegs. Jo hatte im Training beklagt, das Auto liege nicht gut.»
Andere vermuteten einen Getriebeschaden. Glöckner beobachtete die Rundenzeiten: «Jo war einer der Schnellsten im gesamten Feld, in der Nacht fuhren nur er und Sarel van der Merwe. Der Japaner Kunimitsu Takahashi war zu langsam. Jo hingegen war richtig schnell in der Nacht.»
Das Rennen ging nach zweieinhalb Stunden hinter dem Safety-Car und nach Reparatur der Leitplanken weiter, ohne den zurückgezogenen zweiten Kremer-Porsche.
Stuck siegte mit Derek Bell und Al Holbert im Werks-Porsche 962 mit acht Runden Vorsprung. Ohne Freude.
Wie wäre die Karriere Gartners ohne Unfall in Le Mans weitergegangen?
Gulda meint: «Jo hätte als Porsche-Werkfahrer Weltmeister werden können. Er wäre später im Motorsport geblieben, vermutlich in einer technischen Rolle. Auf keinen Fall wollte er die väterliche Werkstatt in Wien übernehmen, das tat sein Bruder.»
Für Bruder Fritz, Schwester Helga, die nunmehr pensionierte Ärztin Doris und viele Freunde ist Jo unvergessen. In Wien-Leopoldstadt gibt es am 13. Juni einen Gedenkgottesdienst. Am Le-Mans-Wochenende.
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