Ducati gelang der erste Sieg der Saison, doch alle Aprilia-Racer landeten in Jerez in den Top-6. Der Test endete mit drei Bikes aus Noale in Front. Eine Bestandsaufnahme nach dem MotoGP-Europaauftakt.
Der waschechte Rheinländer Kurt Bosch war Rennleiter beim Eifelrennen und Eifelpokal-Rennen am Nürburgring, dazu Frontmann des ADAC Nordrhein in Köln und Chef der dortigen Sportabteilung. Unter der Woche befehligte er seine Auto-Werkstatt mit Abschleppdienst in Düsseldorf.
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Das Amt des Rennleiters führte Bosch mit lockerer Hand, rheinischem Frohsinn und nach dem Kölner Mundart-Motto „Et hätt noch emmer joot jejange“ (eingedeutscht: es ist noch immer gut gegangen). Mit Sakko oder Anzug, weißem Hemd, Krawatte, oft auch mit Hut, stand er jahrelang seinen Mann an der Start- und Zielfahne. Unaufgeregt traf er seine Entscheidungen, während eines laufenden Rennens war er vorzugsweise im Bewirtungsraum für Ehrengäste im 1. Stock des alten Start/Ziel-Hauses anzutreffen. Gerne greife ich für die Erinnerungen an Kurt Bosch auf jene beiden Geschichten zurück, die ich 1966 und nochmals 1967 für meine damaligen Tageszeitungs-Partner geschrieben habe.
Beim ADAC Nordrhein hatte ich mir die Genehmigung geholt, den populären Rennleiter über jeweils einen Tag bei einem Einsatz am Nürburgring zu begleiten.
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Eifelrennen, 23. April 1967, Südschleife. Bosch sitzt bei einem Kännchen Kaffee und plaudert mit den Ehrengästen. Alle paar Minuten lässt er sich von seinem Assistenten Herbert Runggaldier berichten, was da draußen auf der Piste so vorgeht.
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Eine gute Stunde vorher hat er, wie es sich für einen Rennleiter gehört, die Startfahne für das Formel 2-EM-Rennen gesenkt. Jetzt läuft die Schlussphase, Bosch wartet auf die Zielankunft. Und dazwischen? „Daför han ich ming Lück“, (Dafür habe ich meine Leute), sagt er in breitestem Kölner Dialekt, schiebt seinen Hut nach hinten und lässt sich noch schnell einen weiteren Kaffee kommen.
Grundsätzlich vertritt er die Ansicht, dass man möglichst viel delegieren und alles nicht so eng und verbissen sehen sollte. Das F2-Feld beginnt mit den letzten beiden Runden. Hohe Zeit für Assistent Runggaldier, den Chef kurz an seine Pflichten zu erinnern: „Kurt, du musst jetzt langsam raus zum Abwinken.“ Viel Zeit bleibt nicht mehr, die Südschleife hat nur 7,7 Kilometer und eine Formel 2-Runde dauert im Trockenen nur um die drei Minuten, bei Nässe 30 Sekunden länger.
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Bosch eilt nach draußen, sicherheitshalber steht der Assistent neben ihm und zupft den Chef am Sakko, wenn sich das Siegerauto aus der Rechtskurve hinterm Dunlop-Turm nähert. Rückfrage: „Isser dat?“. „Ja, dat isser.“ Es folgt das übliche Prozedere: Wedeln mit der Zielflagge, zwischendurch lässt er sich noch mal schnell sagen, wer Erster, Zweiter und Dritter ist. Zieleinlauf diesmal: Rindt, Surtees, Ickx. Schließlich will Bosch nicht unvorbereitet zur anschließenden Siegerzeremonie aufs Podium steigen. Dort überreicht er zusammen mit wichtigen Ehrengästen wie Bundesverkehrsminister Georg Leber und ADAC Sport-Präsident Graf Waldburg Kranz und Pokale. Bevor er wieder abtritt, fragt er noch schnell bei seinen Offiziellen nach: „Wat kütt als nächstes?“ (was kommt als nächstes). Je nach Zeitpuffer zwischen Ende des einen und Beginn des nächsten Rennens bleibt er gleich draußen oder marschiert zurück in die Bewirtungsabteilung. Etwaige Diskussionen oder gar Proteste, wie sie schon mal vorkommen, interessieren ihn nicht wirklich. Für solcherlei Reglements-Streitereien fühlt er sich sowieso nicht zuständig und verweist auf seine Regelwächter nach dem Motto „do müsse de Sportkommissare ran“.
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Als Rennleiter ist Kurt Bosch völlig schmerzfrei. Eine echte rheinische Frohnatur, seine Dialoge sind eine Mischung aus Kölner und Düsseldorfer Dialekt. Nichts und niemand vermag ihn aus der Ruhe zu bringen. Wird ihm von der Strecke ein Zwischenfall mit Handlungsbedarf gemeldet, fragt er erstmal gemütlich in die Funktionärsrunde: „Un wat maache mer jetz“? (Und, was machen wir jetzt?) Die Frage muss er bei seinen Rennen am Ring, egal ob Süd- oder Nordschleife, öfter stellen als ihm lieb ist. Mal streiken die Motorrad-Rennfahrer, mal brennt der Wald oder es fängt an zu schneien. Sturzregen, Hitze, Gewitter, Nebel und Orkan fehlen in der Palette der üblichen Eifelwetter-Katastrophen natürlich auch nicht. Um die Kultfigur des ADAC Nordrhein ranken sich unzählige Anekdoten. So komplimentiert er bei einem Motorrad-GP einen Piloten aus der 50 ccm-Klasse eigenhändig vom Siegerpodium, weil er Werbung für die Sex-Postille „St. Pauli Nachrichten“ auf dem Leder-Kombi entdeckt. Als der der St.-Pauli-Botschafter auch noch mit einem Exemplar des schlüpfrigen Bilderblattes wedelt, wird Bosch zum Saubermann: „Su enne Schweinkram jit et bei mir net“ (So einen Schweinkram gibt es bei mir nicht). Die Siegerehrung findet ohne den St. Pauli-Werbeträger statt.
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Natürlich darf hier auch der denkwürdige Disput beim Motorrad-WM-Lauf 1974 zwischen Bosch und Fahrersprecher Giacomo Agostini nicht fehlen – es ging um den Boykottbeschluss der Motorrad-Piloten, die auf mehr Sicherheit und die Trennung von gemeinsamen Motorrad- und Auto-Rennen pochten. Vom Augen- und Ohrenzeugen Herbert Rungaldier ist dazu dies überliefert: „Die Fahrer-Abordnung unter Führung von Giacomo Agostini redete im Verlauf der hitzigen Diskussion in allen möglichen Sprachen auf Bosch ein. Da er keiner Fremdsprache mächtig war, verstand er so gut wie nichts und ich musste Übersetzungsdienste leisten.“ Dann kam der denkwürdige Moment, wo Bosch der Kragen platzte und er seinen Assistenten anwies, Wortführer Agostini folgendes wörtlich zu übersetzen: „Se künne mich jetz ens am Arsch lecke“ (Sie können mich jetzt mal am Arsch lecken). Runggaldier druckste rum, Bosch legte noch mal nach: „Herbert, du übersetz dat jetz, un zwar wörtlich.“ Widerwillig befolgte der arme Kerl den Befehl seines Chefs mit dem erwartbaren Resultat: Agostini & Co verließen empört den Raum. Als Zugabe seines Zorns rief Bosch noch hinterher, dass sie ihren komischen Verein (gemeint war die damalige Motorradfahrer-Gewerkschaft P.R.A. = Professional Riders Association) wohl am Lagerfeuer gegründet hätten. Der Eklat war perfekt.
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Wenn es tatsächlich mal Versuche von Journalisten gab, Kurt Bosch Unwissenheit, fehlendes Fingerspitzengefühl oder gar Inkompetenz zu unterstellen, verteidigte er sich gern mit seinem schon eingangs zitierten rheinischen Standard-Spruch „Wat wollt ehr dann, et hätt noch emmer joot jejange“. Nach diesem Motto behandelte er auch einlaufende Unfallmeldungen von der Piste „Müsse mer do jetz unbedingt rus, kann dat net d'r Posten rejuleere?“ (Müssen wir da jetzt unbedingt raus, kann das nicht der Posten regeln?). Es war die Zeit, in der die Streckenposten am Ring noch am Feldtelefon kurbelten und Sanitäter-Aufgaben gleich mit erledigt haben. Zwar änderte sich im Laufe der Jahres vieles, nicht aber Kurt Bosch. Als ich ein Jahr später bei der gleichen Veranstaltung wieder Mäuschen gespielt habe, gab es die hinreichend bekannten Szenen und Dialoge nahezu unverändert wieder. Und als ich beim Eifelrennen 1983 vor Antritt meines Sprecher-Jobs von ihm wissen wollte, was er für die Streckenreportage an organisatorischen Wünschen hat, antwortete er ungehalten: „Frooch’ mich mich net esu ne Driss - maach’ wat de wills do ove, ävver maach’ wat“ (Frag’ mich nicht so ein Unsinn - mach’ was du willst da oben, aber mach’ was.)
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Und dann war da auch noch Boschs sehr spezielle Art des Start-Prozederes, das dem einen oder anderen aufmerksamen Rennfahrer durchaus einen Vorteil bescheren konnte. Wer oft genug vor seinem eigenen Rennen vorgelagerte Startvorgänge beobachtet hatte, der wusste, wie ein punktgenauer Start funktioniert. Wenn der stets neben ihm stehende Chefzeitnehmer Hans Katscher mit der geeichten Stoppuhr um den Hals an Boschs Sakko zweimal zog, waren es noch zehn Sekunden und sein Arm mit der Fahne ging langsam nach oben. Dort verharrte er, bis der Countdown bei null ankam. Dann zupfte Katscher noch mal und Bosch senkte das schwarz-rot-goldene Tuch zur Startfreigabe. Ich jedenfalls habe nie auf die Fahne geguckt, sondern bin stets beim zweiten Zupfen losgefahren. Das hat eigentlich immer auf den Punkt gepasst, der Vorteil lag in der Mikro-Zeitspanne zwischen beiden Vorgängen, ohne dass es zu einbem Frühstart kommen konnte. Einmal zerrte der Zeitnehmer übrigens derart an Boschs Sakko, dass der arme Kerl auf dem erhöhten Podest fast das Gleichgewicht verloren hätte. In späteren Jahren war der Vorteil leider dahin, weil laut neuen Start-Regeln nach dem 5-Sekunden-Schild kein Countdown auf null mehr abgewartet werden musste und der Rennleiter jederzeit die Fahne senken konnte. Das entscheidende zweite Ziehen am Sakko entfiel somit.
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Übrigens kam Bosch sogar manchmal persönlich während einer Startaufstellung an meinen Formel V-Rennwagen, um mir Glück zu wünschen. „Loß jon, ävver maach nix kapott un m'r kein Arbeid“ (Gib Gas, aber mach‘ nix kaputt und mir keine Arbeit) Es gibt noch unzählige weitere Anekdoten und Geschichten um diesen Mann, der als Rennleiter und Kultfigur bis heute rund um den Ring unvergessen ist. Was Bosch mit rheinischem Frohsinn höchst unkompliziert ausdrückte oder auch handhabte, würde man sich heutzutage bei der Amtsführung des einen oder anderen Sportfunktionärs wenigstens nur ansatzweise wünschen. In Erinnerung an den legendären Rennleiter und seine Verdienste hat ihm der „Düsseldorfer Automobil- und Motorrad Club 05“ (DAMC) zusammen mit der Nürburgring GmbH eine „Kurt Bosch Straße“ im neuen Fahrerlager gewidmet. In seinem Ortsclub DAMC 05 war Kurt Bosch über 30 Jahre lang Mitglied und in seinen letzten Lebensjahren zugleich auch Ehren-Vorsitzender.
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