Paddy Lowe (Williams): «Kälte ist keine Katastrophe»

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Williams-Technikchef Paddy Lowe (55) spricht über die schwierigen Verhältnisse bei den Barcelona-Testfahrten, Alternativen, die Rolle von Robert Kubica und eine Denksportaufgabe namens Halo.

Paddy Lowe kennt in der Branche jeden Kniff und hat so gut wie alles gesehen. Aber dass der Formel-1-Tross bei einem Wintertest so vor Kälte schlottert wie an diesem Dienstag, das ist auch für einen langjährigen Techniker wie ihn selten. Der Williams-Technikchef ist aber auch Pragmatiker: «Sollte es anhaltend kalt bleiben, bedeutet das für uns: noch mehr Arbeit für Melbourne. Aber Kälte hält uns nicht vom Fahren ab, das gehört eben zur Herausforderung. Die Aufgabe ist für alle gleich.»

«2014 hatten wir Tests in Jerez und dann zwei in Bahrain, aber damals passte der WM-Kalender zu solch einer Lösung. Heute ist das aus Kostengründen keine Option. Aber ich sehe das ganze Thema eher entspannt. Ich meine, wir fahren hier nur Testfahrten, die Kälte ist keine Katastrophe. Testfahrten in Spanien haben letztlich auch für euch Vorteile – wir haben damals ja gesehen, wie viele Journalisten nach Bahrain geflogen sind.»

Die Kälte wirft eine alte Frage neu auf: Bis zu welchem Punkt lässt sich die Testarbeit simulieren? Der in Kenia geborene Paddy Lowe meint: «Wir simulieren ohnehin sehr viel. Aber wir haben das nie als echten Ersatz für das richtige Fahren betrachtet, eher als Ergänzung der klassischen Testarbeit. Es wäre auch kein Problem, die Testfahrten weiter einzuschränken – was im Laufe der Jahre ohnehin passiert ist – oder sogar ganz darauf zu verzichten und ohne Tests zum ersten Rennen zu fliegen. Nochmals: Die Aufgabe wäre für alle die gleiche.»

«Was die neuen Reifen angeht, so haben wir im November in Abu Dhabi schon einen Vorgeschmack erhalten, was uns mit den 2018er Pirelli erwartet. Selbst wenn hier das Wetter so kühl ist, kann also keiner behaupten, er wisse über die neuen Walzen nichts.»

Die Rückkehr von Robert Kubica ist ein grosses Thema im Fahrerlager, Williams hat den WM-Vierten von 2008 als dritten Mann im Aufgebot. Paddy Lowe meint: «Wir haben ihn engagiert, weil wir ihn in einer sehr aktiven Rolle in die Entwicklung des Fahrzeugs einbinden möchten. Das ist auch der Grund, wieso er bei den Tests hier in Barcelona zum Einsatz kommt. Wir möchten von seiner Erfahrung profitieren. Wir sehen ihn nicht als Ersatzmann, der auf der Bank sitzt und Däumchen dreht. Wir wollen einen Kubica, der sich einbringt.»

«Er hat jetzt ein paar Mal für uns getestet, er sass auch mehrfach im Simulator. Er hat zahlreiche Vorschläge unterbreitet, die sich mehrheitlich um die Abstimmung drehen. Ich möchte hier lieber nicht auf Details eingehen, aber ich kann sagen, dass wir diese Ideen sehr schätzen. Wir sehen Robert auf einem Weg zurück zur Rolle des GP-Stammfahrers. Das muss nicht gezwungenermassen ein Cockpit bei Williams bedeuten, aber wir würden es fabelhaft finden, wenn Kubica eines Tages wieder Grands Prix fährt.»

«Was wir an Robert besonders schätzen: Weil er im Laufe der Jahre viele Runden in ganz verschiedenen Renngeräten zurückgelegt hat, von verschiedenen Reifentypen ganz zu schweigen, mit welchen er unterwegs war, kann er uns eine viel breitere Perspektive bieten als ein junger Fahrer.»

Die Generation Halo ist da, und Paddy Lowe stöhnt: «Am schwierigsten war es, die strukturellen Vorgaben zu erfüllen. Die Anlenkpunkte mussten überaus widerstandsfähig gestaltet werden, um alle Belastungstests zu bestehen. Wir haben zwar verhältnismässig früh gewusst, dass der Halo kommen würde. Aber die exakten Vorgaben, was denn der Kopfschutz alles aushalten muss, die kamen recht spät. Das war eine Knacknuss.»

«Aus aerodynamischer Sicht war der Halo ein weniger grosses Problem. Das Gewicht schon. Der Halo ist sieben Kilo schwer. Die Verstärkung des Chassis nochmals sieben Kilo. Macht vierzehn. Das Gewicht passte schon 2017 nicht. Auch da wurden die Autos schwerer, aber am Ende hat sich erwiesen, dass die breiteren Reifen und die neuen Chassisteile viel mehr wiegen als berechnet worden war. Für den Halo wurden fünf Kilo eingeplant, nun sind wir bei vierzehn.»

Paddy Lowe wird auf die magischen 1000 PS angesprochen, welche der 1,6-Liter-V6-Turbomotor von Mercedes 2018 angeblich leisten soll. Dem Engländer kräuselt ein Lächeln die Lippen: «Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viel der Mercedes-Motor leistet. Das müsst ihr wohl Mercedes-Motorenchef Andy Cowell fragen. Klingt nach einer schönen Zahl!»

Über den jungen Russen Sergey Sirotkin, der in Australien seinen ersten Grand Prix fahren wird, meint Lowe: «Wir sind sehr zufrieden mit seiner Arbeit, ein überaus hingebungsvoller, junger Bursche. Er hat in den unteren Klassen gute Leistungen gezeigt, er ist bereit für den grossen Schritt. Ich bin selber gespannt, was er alles zeigen wird. Wir sind von seinem Speed und seiner Arbeitseinstellung sehr beeindruckt. Er hat eine sehr schnelle Auffassungsgabe, besonders in technischen Belangen. Ein cleverer Fahrer.»

Zum 2018er Williams meint der Technikdirektor: «Das ist ein radikaler Schritt, so wie wir das ganze Paket geschnürt haben, auch in Sachen Motorkühlung. Wir fanden, dass wir mit diesem Auto sehr viel mehr Entwicklungsspielraum und damit mehr Leistungsfähigkeit erhalten, und die ersten Erkenntnisse von der Testbahn bestätigen das. Es ist nicht so, dass wir 2017 ein schlechtes Auto hatten. Wir wollten nur eines, das uns mehr Spielraum schenkt.»

«Ob sich das auszahlt, werde ich am Samstagnachmittag in Melbourne wissen. Dies sind schwierige Wochen für einen Techniker. Du arbeitest sehr hart am neuen Wagen. Du glaubst, du hast dein Bestes getan. Aber um ehrlich zu sein, hast du keine Ahnung, was die Anderen hinbekommen haben, denn auch die haben ihr Bestes gegeben. Quali im Albert-Park von Melbourne bedeutet, dass du endlich weisst, wo du stehst. Wenn du in den Top-Ten zu finden bist, dann kannst du mal durchatmen. Aber selbst wenn das nicht klappen sollte, spürst du eine gewisse Erleichterung – weil du endlich mal weisst, woran du bist. Und so du bei allfälligen Schwierigkeiten den Hebel ansetzen musst.»

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