Formel 1 in Spielberg: Zahlreiche Hindernisse

Von Günther Wiesinger
Formel 1
​Während alle anderen länderübergreifenden Sportarten vorläufig keine Events planen, will die Formel 1 im Juli wieder auftreten. Aber es türmen sich viele Hürden auf.

Mit einer gewissen Portion Argwohn beobachten die Verantwortlichen der MotoGP-Weltmeisterschaft die Pläne der Formel-1-GP-Promoter-Firma Liberty Media, die mit Unterstützung von FIA-Präsident Jean Todt versucht, am 5. Juli (Sonntag) und 8. Juli (Mittwoch) zwei Formel-1-Rennen auf dem Red Bull Ring in Spielberg/Österreich abzuwickeln. Und dann soll im Juli noch in Silverstone gefahren werden, obwohl England als Corona-Hotspot im Mittelpunkt der Kritik steht.

Momentan kann man sich wegen der Abstandsregeln, wegen des Gesichtsmaskenschutzes, der Reiseverbote, der Versammlungsverbote Quarantänebestimmungen, der Verbote von Risikosportarten und anderer Punkte nur schwer vorstellen, wie dieses Vorhaben in zwei Monaten umgesetzt werden könnte.

Österreich unterhält momentan Reisewarnungen für 36 Ländern, darunter befinden sich Italien und Großbritannien, das ist jenes Land, in dem dank der riskanten Strategie der Herden-Immunität bereits 17.337 Corona-Todesopfer verzeichnet und wo 129.044 Menschen infiziert wurden. Zum Vergleich: In Deutschland starben am SARS-CoV-2-Virus 5033 Personen, auch Österreich ist mit 491 Opfern mäßig betroffen.

Zu den Versammlungsverboten: In den meisten EU-Ländern dürfen sich nicht mehr als 5 oder 10 Personen an einem öffentlichen Ort aufhalten, deshalb sind Theater, Museen, Beherbergungsbetriebe, Flughäfen und so weiter bis auf weiteres geschlossen.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz appellierte gestern eindringlich an die Vernunft und Eigenverantwortung der Österreicher im Zusammenhang mit den Abstandsregeln und den Versammlungsverboten, den strengen Hygienevorschriften und anderen Maßnahmen. Auch von Risikosportarten wie Paragleiten, Klettern, Skitouren und so weiter wird dringend abgeraten.

Vizekanzler Kogler will dem Spielberg-Betreiber in wenigen Tagen einen Maßnahmenkatalog vorlegen, der bei einem Formel-1-GP zu beachten wäre.

Kanzler Kurz hat gestern auch angekündigt, man erwäge eine Grenzöffnung für Juli zu den Nachbarländern Deutschland und Tschechien, andere Länder nannte er nicht, auch die Schweiz (gestern 49 Tote) nicht, Italien schon gar nicht.

Die Formel 1 hat also bis zu einem WM-Lauf in Österreich am 5. Juli noch viele Hürden zu überwinden.

Eine davon ist zum Beispiel die Frage, wie die ca. 2000 bis 3000 Personen, falls diese Anzahl überhaupt im Paddock erlaubt sein wird, aus den Heimatländern der zehn Formel-1-Rennställe in die Steiermark anreisen sollen, aus Italien (dort sind mit Ferrari und AlphaTauri zwei Teams stationiert), Großbritannien (sieben Teams) und der Schweiz (ein Team).

Kein Wunder, wenn AlphaTauri-Teamprinzipal Franz Tost zu Beginn der Woche im SPEEDWEEK.com-Interview erklärte: «Wir haben mehr Fragen als Antworten.»

Red Bull-Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko kann sich vorstellen, das Personal mit Charterflugzeugen auf den Militärflughafen Zeltweg (3 km von der Rennstrecke entfernt) zu bringen. Aber wann die zivile Luftfahrt wieder starten kann, ist fraglich.

Und ob für die 750 Tonnen Material die erforderlichen sieben Boeing-747-Fracht-Jumbos gemietet werden können, weiß auch niemand.

Im Augenblick müssen sogar die medizinischen Hilfsmittel weltweit großteils mit Passagierflugzeugen transportiert werden, wie wir täglich im Fernsehen sehen, weil der Bedarf an Transport-Flugzeugen wegen der Krise zu groß ist.

Der Grund: Wenn die zivile Luftfahrt global wochenlang quasi stillsteht, fehlen die riesigen Fracht-Kapazitäten in den Passagier-Fliegern.

Dazu kommt: Vorläufig muss sich jede Person, die eine EU-Grenze überwindet, 14 Tage in strenge Quarantäne, also in Hausarrest begeben. Oder man weist eine Gesundheitsbestätigung vor, die maximal vier Tage alt ist.

Lässt sich so ein «health certificate» zeitgleich für alle 2000 oder 3000 Teammitglieder bewerkstelligen?

Ein privates Formel-1-Team soll sich für den Rest der Saison 2020 auf 60 bis 65 Mann beschränken. Die Spitzenteams brauchen deutlich mehr Personal, also insgesamt mehr als 1000 Personen.

In der Formel 1 müssten sich also in Spielberg trotz der Abstandsregeln mindestens 60 Menschen in einer der 32 Boxen quetschen, die 7 Meter breit und 17 Meter tief sind, das ergibt eine Fläche von 119 Quadratmeter. In der MotoGP müsste der Platz für 25 bis 40 Personen reichen ...

In der MotoGP-WM beanspruchen die GP-Teams der drei Klassen (Moto3, Moto2 und MotoGP) total 722 der geplanten 1000 Plätze im Fahrerlager.

Dazu ist für die MotoGP-Austragung das Personal der Dorna und der IRTA erforderlich, die die GP-Organisation abwickeln, von der Fahrerlagerparkordnung bis zur Boxenzuteilung und der Verteilung der Paddock-Ausweise, die Streckenposten, die Rennleitung, dazu die TV-Produktion der Dorna samt einzelnen Boxengasse-Reportern, die Dorna-Mitarbeiter, die die Sponsorenflächen rund um die Strecke bepflastern, die Kameras aufbauen und die Mikrophone verstecken, das medizinische Personal der Dorna und der Clinica Mobile, die «service companies» von Öhlins, über Helm- und Lederfirmen bis zu Kalex. Ähnliches Personal ist für die diverses Tätigkeiten auch in der Formel 1 nötig.

In der MotoGP-WM sollen die restlichen Events 2020 ohne Medien, ohne Marketing-Personal und ohne die Kommunikations-Mannschaften ablaufen. Trotzdem rechnet niemand mit einem Re-start vor September.

Das Thema der aufwändigen Team-Hospitalitys ist in der Formel 1 auch noch nicht geklärt. Es wurde sogar die Idee einer einzigen Hospitality für alle Fahrerlager-Besucher gewälzt. Aber da wäre die Infektionsgefahr riesig. «Social distancing» wäre unmöglich, die Teams könnten sich nicht in einzelnen Gruppen abschotten. Aber wenn die Formel 1 ab Sommer ein Rennen nach dem andern durchziehen will, muss irgendein innovatives Bewirtungskonzept überlegt werden. Denn selbst eine bescheidene Bewirtungsburg beschäftigt für den Betrieb in Europa 20 bis 25 Personen.

«Wir brauchen mindestens zwei oder Köche, dazu Küchenhilfen, Abwäscher, jemand an der Bar, dazu Servierkräfte zum Bedienen und Abräumen sowie einige Lkw-Fahrer», erklärte ein Fahrerlager-Gastronom gegenüber SPEEDWEEK.com. «Man könnte 2020 auch mit einer viel kleineren Hospitality als üblich anreisen. Wir dürfen jedoch dann wegen der Abstandsregeln nur zwei Personen an einen Tisch setzen und die Tische im Abstand von zwei Metern aufstellen, denke ich.»

Es bestehen also noch viele Ungereimtheiten. Und die Zeit drängt.

Ob die japanischen Ingenieure von Honda im Juni wieder fliegen dürfen, weiß niemand. Und ob Österreich im Juni die Nachbarn aus Italien (also auch die Techniker von Firmen wie Brembo und Pirelli) einreisen lässt, ist schwer abzuschätzen.

«In Italien werden die Lockerungen der Maßnahmen sehr langsam vor sich gehen», erklärte gestern ein italienischer MotoGP-Teamchef nach den jüngsten Ankündigungen von Regierungschef Giuseppe Conte. «Die Öffnung wird von Provinz zu Provinz unterschiedlich sein. Die Lombardei ist am stärksten vom Virus betroffen und wird zu den letzten Regionen gehören, die die aus der roten Zone herauskommen werden. Im Piemont wird das zum Beispiel viele Wochen früher geschehen.»

Liberty Media hat sich erst am Freitagmorgen des Australien-GP am 13. März die Absage des Melbourne-GP entschieden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte MotoGP-Promoter Dorna, dessen umsichtiger Chef Carmelo Ezpeleta von vielen Formel-1-Managern sehr viel Respekt erfährt, bereits drei Grand Prix abgesagt: Katar (8.3.), Thailand (22.3.) und Texas (5.4.).

Vielleicht sollte sich die Formel 1 beim Comeback-Speed auch eher an anderen Sportarten orientieren.

Im Tennis kann die Tour nicht stattfinden, weil die Spieler auf der ganzen Welt verstreut sind und nicht reisen können.

Und im Fußball werden ab Mai nur nationale Meisterschaften ohne Zuschauer gespielt. Und es werden nur so viele Menschen im Stadion sein, wie ein einzelnes Formel-1-Team mitbringen wird.

«Wir dürfen durch unsere Events keinen einzigen Menschen neu infizieren», stellte Dorna-Chef Ezpeleta fest.

Diese Ansage muss auch für die Formel 1 Gültigkeit haben. Deshalb müssen bei der Rückkehr zur «anderen Normalität» alle Schritte mit viel Bedacht gesetzt werden.

Denn es herrscht nicht nur in Österreich Angst vor einer heftigen zweiten Infektionswelle, wie sie zum Beispiel jetzt in Singapur zu beobachten ist.

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