David Coulthard: «Alonso kann Top-Leistungen liefern»

Von Gerhard Kuntschik
Formel 1
David Coulthard 2019 in Monaco

David Coulthard 2019 in Monaco

​Der Schotte David Coulthard (49) spricht über die Rückkehr von Superstar Fernando Alonso, über Geisterrennen, über eine neue Form der Diskriminierung und über den ersten WM-Lauf der Saison.

Wie viele andere ehemalige Formel-1-Piloten wurde auch David Coulthard nach Abschluss seiner Grand-Prix-Karriere TV-Kommentator, bei Channel in Grossbritannien. Der WM-Zweite von 2001 und 13fache GP-Sieger versteht viele der aktuellen Corona-SPEEDWEEK.com vor dem Abschlusstraining zum Grand Prix der Steiermark an jenem Spielberg, wo er 2001 das Rennen gewann.

David, was sagst du zum ersten Geisterrennen der Formel 1 und der Umsetzung des Corona-Protokolls?

Ich war nicht in Spielberg, aber – pardon – der ganze Auftritt erschien mir aus der Perspektive des TV-Kommentators doch ein wenig merkwürdig. Distanzhalten ist gewiss gut, aber die Fahrer mit Masken im Freien zu interviewen, wenn der Fragende ohnedies genügend Abstand von mehr als zwei Metern hält, das fand ich übertrieben. Aber ich will die Maßnahme nicht kritisieren, die Entscheidung trafen die Behörden, die FIA und das Formel-1-Management. Wenn jedermann in der Öffentlichkeit sich ohne Maske näher an den Mitmenschen bewegen kann, dann wäre das wohl auch bei den Fahrern möglich gewesen. Jeder Politiker, der im Fernsehen interviewt wird, trägt keinen Mund-Nasen-Schutz. Aber ich halte die Maßnahme auch in dieser Zeit, in der es so gegen Diskriminierung geht, für bedenklich.

Warum?

Weil gehörlose Mitmenschen beeinträchtigt werden. Sie verstehen, wenn sie von den Lippen Anderer ablesen. Das wird ihnen durch die Maske der Fahrer verwehrt. Da hätte es schriftliche Einblendungen geben müssen, was aber bei Live-Interviews natürlich nicht funktioniert. Aber es war insgesamt eine Diskriminierung tauber Menschen.

Was hat dich im ersten Rennen überrascht?

Die Leistung von Ferrari, die schlechter als von vielen erwartet war. Da gewinnt zum Beispiel Racing Point 0,9 Sekunden pro Runde im Vergleich zu 2019, und Ferrari verliert fast genau so viel. Und dann muss man sich noch den Budgetunterschied zwischen diesen Teams vor Augen halten! Es erinnert mich an Toro Rosso 2008 im Regen von Monza, als Vettel mit einem Ferrari-Motor einen Sensationssieg landen konnte. Das wollen die Fans sehen! Aber wir müssen auch einsehen: Die Formel 1 war nie perfekt. Es geht auf und ab.

Wie siehst du, der enge Beziehungen sowohl zu Mercedes als auch zu Red Bull hat, den Zwischenfall zwischen Hamilton und Albon am vergangenen Wochenende? Und die Rivalität Mercedes-Red Bull allgemein?

Rivalität ist immer gut. Mercedes war ist das dominierende Team der vergangenen Jahre, aber Red Bull hat sich konstant verbessert und liefert Leistungen auf gleichem Niveau. Meine Beurteilung des Zwischenfalls: Es war ein normaler Rennunfall. Weil ich diese schwierige Kurve aus der Sicht des Piloten kenne. Die Analyse von außen ergibt, dass Lewis Alex, der schon vorn war, nicht genug Platz ließ. Als Fahrer weißt du, dass du in dieser Kurve nach außen gezogen wirst, du kannst nicht zum Apex nach innen lenken, weil sie abfällt. Ich hätte auf Rennzwischenfall entschieden, aber ich verstehe auch Alex‘ Position, dass er sich benachteiligt fühlte. Am Ende zählt aber, was die Kommissäre entscheiden. Man muss die Fünfsekundenstrafe der Schiedsrichter akzeptieren.

Wäre Albon vorbeigekommen, wäre es wohl das Überholmanöver der Saison geworden – außen gegen den Weltmeister?

Absolut, ein unglaublich brillanter Angriff. Was ich sehe, ist, dass Alex die Fähigkeiten von Lewis und Max Verstappen schon zeitweise erreicht. Obwohl Alex in seiner kurzen Formel-1-Zeit noch immer ein Lernender ist, Max aber ist schon etabliert, man erwartet viel von ihm. Aber Alex‘ Leistungen in Brasilien 2019 und jetzt zeigen klar, dass er die Grundlagen hat, ein konstanter Spitzenfahrer in der Formel 1 zu werden.

Renault gab diese Woche Fernando Alonsos Rückkehr in die Formel 1 2021 bekannt. Was traust du ihm zu?

Ich kann nicht sagen, wie konkurrenzfähig Renault sein wird, aber ich kann sagen, wenn ein Fahrer die Fähigkeiten hat, Top-Leistung nach einigen Jahren Absenz zu bieten, dann ist es wohl Fernando. Er war immer unglaublich schnell, er hat nichts von seinem Speed verloren, er gibt nie klein bei. Er ist kompromisslos. Es gab zwar immer, wenn er ein Team verließ, eine Art Kontroverse, aber er spürt immer noch das Verlangen nach Erfolg, und er hat die Rückkehr aus finanziellen Gründen nicht nötig! Er ist hungrig, deshalb kommt er zurück. Und er wird einen riesigen Effekt auf die Motivation des ganzen Renault-Teams haben. Ich weiß nicht, ob das aus Vertragsgründen mit Ricciardo und Ocon möglich wäre, aber ich würde wie viele Fernando gern schon in diesem Jahr in Freitag-Trainings sehen. Das wäre sehr interessant.

Was meinst du zur Entwicklung deines Ex-Teams McLaren und Lando Norris‘ Überraschungspodium beim WM-Start?

Es ist gut, dieses Team wieder auf dem Vormarsch zu sehen. Klar haben Norris und McLaren von den Umständen – vom Aus der Red Bull Racing-Fahrer, von Ferraris Schwäche – profitiert. Aber es ist immer wieder überraschend, wie schnell man plötzlich auf dem Podium landen kann. McLaren hat sich nach der schwierigen Zeit diesen Erfolg durch harte Arbeit verdient. So etwas ist immer immens wichtig.

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