Urteil gegen Mercedes und Pirelli: Wieso so milde?

Kolumne von Mathias Brunner
Formel 1
Das FIA-Urteil ist gefällt, aber viele sind damit nicht zufrieden

Das FIA-Urteil ist gefällt, aber viele sind damit nicht zufrieden

Red Bull Racing und Ferrari hatten den Stein ins Rollen gebracht: Mit dem Protest gegen den Pirelli-Test von Mercedes. Nun wundern sie sich übers milde Urteil.

Das FIA-Tribunal hat entschieden: Mercedes hat mit dem Pirelli-Test vom vergangenen Mai das Reglement verletzt. Noch während der Anhörung vom Donnerstag änderte Mercedes-Anwalt Paul Harris die Strategie von angriffig auf entschuldigend – er spürte, dass die Richter Mercedes nicht freisprechen würden. Nun gibt aber das Urteil zu reden: Ist eine Verwarnung für Mercedes (wie auch für Pirelli) oder der Ausschluss der Silberpfeile vom Nachwuchsfahrer-Test eine angemessene Strafe?

Christian Horner, Teamchef von Red Bull Racing: «Es ist nicht von der Hand zu weisen – mit zwei Stammfahrern lernt man bei einem Test mehr als mit Nachwuchspiloten.»

Ferrari kommentiert das Urteil in Form einer unregelmässig erscheinenden Kolumne ihres «Pferdeflüsterers», einem anonym bleibenden Sprachrohr des berühmtesten Rennstalls der Welt: «Wir sind gelinde gesagt perplex, dass ein Schuldiger so gut wie straffrei ausgeht, obschon er sich einen unfairen Vorteil gewonnen hatte. Keiner kann mir weismachen, das sei gleichwertig: Ein Dreitages-Test alleine auf dem Circuit de Catalunya, am Lenkrad die Stammpiloten, oder ein Test mit zehn anderen Teams in Silverstone, im Auto ein Nachwuchsfahrer.» Dann spottet der Pferdeflüsterer: «Was wäre die Strafe gewesen, hätte der Pirelli-Test im Anschluss an den Nachwuchsfahrer-Test stattgefunden? Wäre das Weinachts-Essen gestrichen worden?»

Zynismus beiseite: Nicht nur bei Red Bull Racing und Ferrari wundert man sich über das milde Urteil. Wieso also haben Edwin Glasgow, als Präsident des Tribunals, Laurent Anselmi (Monaco), Chris Harris (USA), Patrick Raedersdorf (Schweiz) sowie Tony Scott-Andrews (Grossbritannien) so entschieden? Und wieso haben sie ausgerechnet einen Vorschlag von Mercedes-Anwalt Paul Harris aufgegriffen, der noch während der Anhörung gesagt hatte – die Streichung der Teilnahme am Nachwuchsfahrer-Test wäre eine angemessene Strafe? Haben wir etwas zu viele Folgen von «Akte X» gesehen, um zu wittern, dass dies nach Absprache riecht?

Am Schuldspruch gab es für die Richter nichts zu rütteln: Die vier Haupt-Argumente von Verteidiger Paul Harris zogen nicht. Argument 1: Man habe sich bei der FIA genügend erkundigt, ob der Test erlaubt sei (was die FIA in Abrede stellte). Argument 2: Der Test wurde von Pirelli durchgeführt, nicht von Mercedes (was zwar stimmt, aber nicht Fall-entscheidend ist). Argument 3: Man habe beim Test nichts gelernt (FIA-Ankläger Mark Howard: «Schon die Aussage, man habe nichts gelernt, bedeutet nichts anderes, als dass man sehr wohl etwas gelernt hat.». Argument 4: Ferrari habe schliesslich auch schon getestet (was in diesem Fall irrelevant war, denn Ferrari sass nicht auf der Anklage-Bank). All diese Argumente wurden von FIA-Ankläger Mark Howard entkräftet, oder gleich zerpflückt.

Was bei der Beratung der Richter besprochen wurde, wissen wir nicht. Wir wissen aber: Ihnen muss klar gewesen sein, dass die FIA bei der ganzen Sache selber nicht gut aussah, und dies aus zwei Gründen.

Erstens hatten sich Pirelli und Mercedes bei der FIA (Starter Charlie Whiting und Rechtsberater Sebastien Bernard) über die Bedingungen eines solchen Tests erkundigt. Die Antwort fiel so aus, dass man sie als Test-Erlaubnis verstehen konnte.

Zweitens wussten die Richter: Brummt man Mercedes eine harte Strafe auf, wird es unumgänglich sein, den vorherigen Test von Ferrari mit Pirelli ebensfalls genauer zu beleuchten.

Es gibt noch einen anderen Gesichtspunkt: Die Formel 1 ist intern bei Mercedes nicht unumstritten. Ein strenges Urteil, sagen wir: Ausschluss vom Markenpokal und 100 Mio Dollar Strafe (wie 2007 im Spionageprozess gegen McLaren) hätte in Stuttgart die Frage in den Raum gestellt: Ist das noch eine Grundlage, im Grand-Prix-Sport zu bleiben? Mercedes besitzt einen eigenen Rennstall und beliefert 2014 Williams, McLaren und Force India mit Turbo-Triebwerken. Die zwei mächtigsten Männer im Formel-1-Sport – FIA-Präsident Jean Todt und F1-Promoter Bernie Ecclestone – wissen genau: Sie können sich den Verlust von Mercedes nicht leisten.

Aber nochmals: Wie ist die erste Härteprüfung für das von der FIA geschaffene Internationale Tribunal ausgefallen? Erzeugt dieses Urteil mehr Ehrfurcht vor Gesetzen und Reglement? Hat das Gericht ein Urteil gefällt, das Respekt einflösst und nachvollziehbar ist?

Welches Urteil das Tribunal wohl gefällt hätte, gäbe es 2013 keinen Nachwuchsfahrer-Test?

Wir haben den Eindruck: Für die FIA-Richter ist der Fall erledigt, für die Konkurrenten von Mercedes nicht.

Frei nach Friedrich Dürrenmatt: Recht und Gerechtigkeit leben unter dem gleichen Dach, aber nicht auf der gleichen Etage.

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