Silverstone: Ricciardo verblüfft, Hülkenberg strahlt

Von Mathias Brunner
Formel 1
Der Australier Daniel Ricciardo versenkte den Rennwagen von Red Bull Racing allerdings im Kies. Nico Hülkenberg (Sauber) lobt Verbesserungen und Reifen.

Die Schwerpunkte am zweiten Tag des Silverstone-Tests: Vertiefte Arbeit mit den Pirelli-Reifen und Jugend forsch – nicht alle aufstrebenden Racer konnten dabei überzeugen. Daniel Ricciardo wurde kurz nach Mittag zum ersten Formel-1-Rennfahrer, der sich bei einem Test selber schlägt: am Morgen hatte er im Toro-Rosso-Renner Bestzeit aufgestellt, dann fuhr er im Auto von Red Bull Racing die zweitschnellste Zeit – und lag wenige Runden später im Kiesbett! Daniel kleinlaut: «Mein Fehler, keine Frage. Ich wollte wohl etwas zu viel.»

Abgesehen vom Stolz war kaum etwas beschädigt, aber die Twitter-Gemeinde zwitscherte sofort eine berechtigte Frage: Schmälert der Ausrutscher in Luffield die Chancen des Australiers auf das zweite Cockpit 2014 neben Sebastian Vettel bei Red Bull Racing?

Ricciardos Engagement wird nicht an einem kleinen Ausrutscher scheitern, dazu werden seitens Red Bull zu viele Messwerte für die Einschätzung von Daniel herangezogen. Aber Red Bull Racing strebt als Ziel für den zweiten Fahrer eine Punktzahl von 200 pro Saison an. Keiner zweifelt daran, dass ein Kimi Räikkönen dazu in der Lage ist, mit einem konkurrenzfähigen Renner so viele Punkte zu sammeln. Mark Webber eroberte 2012 179 Zähler, 2011 waren es 258, 2010 deren 242. 200 Punkte, das ergäbe bei 20 Saisorennen zehn pro Grand Prix, das entspricht Rang 5. Daniel Ricciardos beste Platzierung bislang in einem Grand Prix: Rang 7 (in China 2013), natürlich nicht in Siegerautos.

Daniel über seinen Tag: «Für zwei Teams zu fahren, da wischte der Tag nur so vorbei. Ich konnte trotz meines Ausrutschers noch ziemlich viele Runden drehen, das ist positiv. Der Ausflug ins Kiesbett? Mir rutschte das Heck weg, das geht auf meine Kappe. Was die unvermeidlichen Spekulationen angeht, so liegt es nun an Red Bull, sich die Test-Erkenntnisse anzusehen.»

Rückendeckung bekommt der Australier von Ingenieur Andy Damerum: «Daniel war schnell auf dem erforderlichen Niveau. Seine Aussagen waren wie immer vorbildlich, wir haben jede Menge Informationen erhalten.»

Hier einige weitere Schwerpunkte des zweiten Testtags im Überblick.

Toro Rosso
Daniel Ricciardo fuhr am Morgen – unter vorgegebenem Programm von Reifenhersteller Pirelli. Dann übernahm der erst 18 Jahre alte Carlos Sainz junior. Sainz spulte ein reiches Programm ab, ohne auch nur einen Fehler zu machen. Dabei fuhr der Sohn des Rallye-Weltmeisters gleichen Namens so nebenbei noch die zweitschnellste Tageszeit! Sainz junior strahlte: «Als ich ausstieg, ging ich von Mechaniker zu Mechaniker und sagte allen das Gleiche – danke, dass ihr Teil meines bisher schönsten Tages auf Erden gewesen sind. Alles in einem Formel-1-Renner ist atemraubend, aber wenn ich einen Aspekt herausgreifen müsste, dann, wie agil der Wagen ist. Die Lenkwilligkeit bei Tempi jenseit von 250 Sachen, das ist einmalig.»

Sauber
Test- und Ersatzfahrer Robin Frijns leistete sich kurz vor dem Mittag einen Dreher bei Luffield, der im Kiesbett endete. Der Wagen wurde dabei kaum ramponiert. Am Nachmittag kümmerte sich Nico Hülkenberg vorrangig um die Arbeit mit den neuen Reifen. Der modifizierte Seitenkasten am Sauber scheint sich zu bewähren – die Schweizer orientieren sich dabei an den Beispielen von Red Bull Racing und Lotus. Der Seitenkasten fällt also markanter ab, die so geänderte Strömung zwingt die Auspuffgase nachhaltiger Richtung Unterboden. Luft-Einlässe in einer Einbuchtung zwischen Auspuff-Ausgang und Boden werden zur Mitte des Diffusors geleitet. Urteil von Nico Hülkenberg: «Die Verbesserungen fühlen sich gut an. Der Vergleich fällt mir dennoch schwer, weil es heute markant wärmer ist als am Silverstone-GP-Wochenende und weil wir andere Reifen fahren. Mit denen fühle ich mich übrigens sehr wohl.»

Lotus
Test- und Ersatzfahrer Davide Valsecchi kümmerte sich nicht nur um die Arbeit mit den Reifen: Er probierte auch das so genannte passive DRS aus – wie Kimi Räikkönen im Silverstone-GP. Lotus will das System mit absichtlich provozierten Strömungabrissen (= weniger Luftwiderstand = mehr Topspeed) endlich so konstant zum Arbeiten bringen, dass es auf den kommenden schnellen Bahnen wie Spa-Francorchamps oder Monza eingesetzt werden kann. Witzig bei Lotus: Der Hinweis auf dem Rennwagen – wo ist Roscoe? Natürlich fehlt mit Herrchen Lewis Hamilton (Mercedes ist beim Test wegen der Reifentest-Affäre mit Pirelli nicht zugelassen) auch die knuddelige Dogge. Peinlich bei Lotus: Der GP2-Champion von 2012 bemerkte rundenlang nicht, dass die Sprechverbindung zusammengeklappt war – entsprechende Signale mit der Boxentafel wurden vom Italiener ignoriert. Bis die Mechaniker ein extra zusammen gebasteltes, überdimensionales Zeichen «IN» hinaushielten ...

Caterham
Gelungenes Formel-1-Debüt des englischen Formel-Renault-3.5-Piloten Will Stevens. «Nichts kann dich auf so etwas vorbereiten, egal, wie lange du im Simulator sitzt», sagte der 22-Jährige. «Aber ich war selber verblüfft, wie schnell ich mich im Wagen wohlfühlte. Das hat Spass gemacht und Appetit auf mehr!»

Ferrari
Über mangelnde Arbeit konnte sich Davide Rigon (26) nicht beklagen: Rundenlang musste er zwecks aerodynamischer Vergleiche mit kontanten Geschwindigkeiten herumfahren, nur zwischendurch durfte der Italiener herzhaft Gas geben.

Silverstone-Test, Die Zeiten im Überblick

1. Daniel Ricciardo (AUS), Toro Rosso-Ferrari, 1:32,972 (48 Runden)
2. Carlos Sainz jr. (E), Toro Rosso-Ferrari, 1:33,016 (39)
3. Daniel Ricciardo (AUS), Red Bull Racing-Renault, 1:33,187 (59)
4. Davide Valsecchi (I), Lotus-Renault, 1:33,554 (91)
5. Oliver Turvey (GB), McLaren-Mercedes, 1:33,864 (97)
6. James Calado (GB), Force India-Mercedes, 1:33,957 (47)
7. Antonio Felix da Costa (P), Red Bull Racing-Renault, 1:33,958 (19)
8. Davide Rigon (I), Ferrari, 1:34,053 (97)
9. Pastor Maldonado (YV), Williams-Renault, 1:34,116 (71)
10. Nico Hülkenberg (D), Sauber-Ferrari, 1:34,224 (52)
11. Daniel Juncadella (E), Williams-Renault, 1:34,631 (33)
12. Robin Frijns (NL), Sauber-Ferrari, 1:34,731 (17)
13. Will Stevens (GB), Caterham-Renault, 1:36,082 (98)
14. Paul Di Resta (GB), Force India-Mercedes, 1:36,356 (41)
15. Rodolfo Gonzalez (YV), Marussia-Cosworth, 1:37,949 (92)

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