Kanada-GP: Wieso waren die Bremsen das grosse Thema?

Von Mathias Brunner
Editorial
Nico Rosberg passte sich den neuen Gegebenheiten prächtig an

Nico Rosberg passte sich den neuen Gegebenheiten prächtig an

Alle erwarteten vor dem Kanada-GP aufgrund der vielen Vollgaspassagen einen Sprit-Poker. Dann aber wurden die Bremsen zum grossen Aufreger. Warum eigentlich?

Mercedes-Technikchef Paddy Lowe ist ein exzellenter Prophet. Vor dem Rennen wurde er auf das zu erwartende Silberpfeil-Duell zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton angesprochen. Paddy blickte in die innerliche Kristallkugel und meinte: «Mehr Angst habe ich vor einem technischen Defekt.»

Mercedes-Sieger Lewis Hamilton wegen Bremsdefekts out. WM-Leader Nico Rosberg wegen Bremsproblen in argen Schwierigkeiten. Sergio Pérez wegen Bremsproblemen Auslöser eines hässlichen Unfalls mit Felipe Massa, in den um ein Haar noch Sebastian Vettel verwickelt worden wäre.

Was war da nur los?

Ex-Formel-1-Pilot Martin Brundle kennt die Antwort: «Beim Schritt in die neue Turbo-Ära sind wir auch in eine neue Ära der Energierückgewinnung gekommen. Beim Bremsen wird Energie aufgenommen, und die Teams nützen dies ganz gezielt, um die Bremsleistung zu unterstützen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass – typisch Formel 1 – die Bremsen verkleinert wurden, weniger Bremszangen, dünnere Scheiben. Kanada ist für die Bremsen so ziemlich der übelste Bremstest. Und wenn du nun ein Problem mit der Energierückgewinnung hast, dann sind davon früher oder später auch die Bremsen betroffen.»

Aus der Sicht von Nico Rosberg sah das so aus: «Wir verloren Leistung, weil die Energierückgewinnung ausstieg. Das wirklich Kuriose für mich ist, dass dies bei Lewis und mir so gut wie gleichzeitig begann. Ich habe an allen Knöpfen gedrückt und gedreht, die ich im Cockpit finden konnte. Wenn die Rückgewinnung nicht richtig arbeitet, dann werden die Bremsen zu heiss, weil der unterstützende Faktor fehlt. Es führt also ein Problem zum nächsten. Ich habe versucht, die Bremsbalance ganz nach vorne zu verstellen und mich vom Fahrstil her anzupassen. Das hat immerhin so gut funktioniert, dass ich Rang 2 retten konnte. Aber es war ein hartes Stück Arbeit.»

Der Grund für die späteren Bremsprobleme: Ein Defekt des Hochspannungs-Steuergeräts führte zu einem permanenten Verlust des MGU-K Antriebs, also der kinetischen Energierückgewinnung. Dieses Problem trat bei Lewis in Runde 36 und bei Nico in Runde 37 auf, also fast gleichzeitig.

Mercedes-Technikchef Paddy Lowe: «Kurz nach der Rennmitte erlebten wir einen nahezu zeitgleichen Ausfall der MGU-K an beiden Autos. Die Ursache dafür war offenbar ein Defekt im Hochspannungs-Steuergerät, das die MGU-K steuert. Ab diesem Moment verloren beide Autos ihre Hybrid-Power. Gleichzeitig belastete dies die Hinterradbremsen stärker, weil die zusätzliche Bremskraft der MGU-K nicht mehr vorhanden war. Bei Lewis führte dies nach seinem zweiten Boxenstopp zu einem Defekt der Hinterradbremsen, eine direkte Folge des Ausfalls der MGU-K. Nicos Auto war nicht auf die gleiche Weise davon betroffen und er zeigte eine unglaubliche Leistung, um seine Position von Runde 37 bis Runde 67 zu verteidigen. Dabei machte er Zeit im ersten und zweiten Sektor gut, um sich im dritten Sektor zu verteidigen, wo er einen erheblichen Leistungsnachteil hatte.» 

Nochmals Martin Brundle: «Wenn man so will, sind die Bremsschwierigkeiten ein hausgemachtes Problem der Formel 1. Montreal ist für die Bremsen nun mal ein Härtetest, da muss alles stimmen. Und die Bremsanlagen sind genau so gross oder so klein dimensioniert, dass sie diese Tortur hier aushalten. Etwas schiefgehen darf aber nicht, und bei Mercedes ist mit dem Defekt der Energierückgewinnung etwas schief gegangen.»

Die mangelnde Energierückgewinnung machte sich zunächst als Power-Verlust bemerktbar. Das ERS (energy recovery system) ist 2014 doppelt so kraftvoll wie noch vor einem Jahr und ergänzt den V6-Turbomotor um 160 PS Leistung! Kein Wunder, fühlte sich der Motor von Hamilton und Rosberg schlapp an, wie die beiden über Funkt monierten.

Wie sich Rosberg den Problemen anpasste, ringt Martin Brundle den grössten Respekt ab: «Im Grunde hat Mercedes der Konkurrenz den Sieg auf dem Silberteller präsentiert, aber nur Daniel Ricciardo hat das Geschenk angenommen. Nico Rosberg muss im Cockpit gesessen und gedacht haben – wo bleiben die nur alle?»

Schlusswort von Rosberg: «Lewis ist ausgefallen, ich kann von Glück reden, dass ich Rang 2 retten konnte. Um unseren Speed mache ich mir keine Sorgen, aber wir müssen alles unternehmen um sicherzustellen, dass ein solcher Defekt nicht mehr vorkommt.»

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Mathias Brunner
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