Skandal um Quali: Nur Wahl zwischen Pest und Cholera

Von Mathias Brunner
Editorial
Die Teamchefs sind nach der Sitzung in Bahrain ernüchtert

Die Teamchefs sind nach der Sitzung in Bahrain ernüchtert

​Soll das Demokratie sein? Soll das Fan-Nähe sein? Vieles deutet darauf hin, dass die Teams nur wählen können: Zusammengezählte Quali-Zeiten ab China oder Quali-Witz wie bisher.

Der unterhaltsame Bahrain-GP hat nur kurz vor einem echten Ärgernis abgelenkt: Dem unwürdigen Gezerre um ein sinnvolles Qualifikationsformat in der Formel 1.

Kurz vor dem Wüsten-GP sickerte im Fahrerlager des Bahrain International Circuit durch, was auf die Rennställe am kommenden Donnerstag zukommt. Nachdem die Sitzung der Teamchefs mit FIA-Präsident Jean Todt und Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone ergebnislos geendet hat (siehe unsere Geschichte), hiess es zunächst – neue Sitzung am Donnerstag.

Dann wurde klar: Diese Sitzung wird es gar nicht geben. Wie schon vor dem Bahrain-GP werden die Teamchefs vielmehr vor eine simple Wahl gestellt, die vielen vorkommen muss eine Entscheidung zwischen Pest oder Cholera.

Todt und Ecclestone haben den elf enttäuschten Teamchef klargemacht: Es gibt keine Rückkehr zum 2015er System. Viele Formel-1-Fans haben sich in den sozialen Netzwerken den Ärger von der Seele geschrieben, aber ihre Wünsche werden ebenso ignoriert wie jene der Teams.

Bernie Ecclestone will mehr Durchmischung des Feldes, um künstlich spannendere Rennen zu erzeugen, Jean Todt will nicht den Gesichtsverlust hinnehmen müssen, dass seine schöne neue Quali nach zwei Versuchen abgesägt wird.

Daher werden die Teams am Donnerstag nach unseren Informationen lediglich die Wahl erhalten zwischen:

Quali-System wie bisher
Will heissen die ungebliebte Ausscheidungs-Quali. Möglicherweise ein wenig abgeändert durch einen Satz Pirelli-Reifen zusätzlich. Den freilich die Rennställe bezahlen müssen.

Addierungs-Quali neu
Die jeweils zwei besten Zeiten der Fahrer werden addiert, und zwar in allen drei Quali-Segmenten. Ein System mit addierten Zeiten hatten wir vor elf Jahren schon einmal. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: 2005 wurde letztmals ein Quali-System innerhalb einer Formel-1-Saison geändert – indem wir die addierten Zeiten über Bord warfen!

Mercedes-Teamchef Toto Wolff: «Das ist kein Tritt in den Magen, sondern das trifft ein wenig weiter unten! Ich bin auch Rennfan, ich bin auch Purist, und die Fans hatten eigentlich klar gemacht nach Australien, was sie in Zukunft sehen wollten. Die Teamchefs hatten ihren Standpunkt ebenfalls klar gemacht. Aber weil es halt andere Interessen gibt, scheinen wir das nicht auf den Punkt bringen zu können. Das ist sehr enttäuschend.»

Es kommt noch schlimmer: Früher gab es ein Einzelzeitfahren, da war es überschaubar, die Zeiten der einzelnen Piloten zusammenzurechnen. Wie soll das in einem Quali 1 gehen, wenn alle 22 Fahrer auf der Bahn sind? Wer blickt da noch durch?

Zur DNA der Formel 1 gehört, dass der schnellste Mann belohnt werden soll. Aber zusammengezählte Zeiten belohnen vielmehr Konstanz. Bahrain ist das beste Beispiel: Lewis Hamilton fuhr zuletzt eine brillante Runde und damit zur Pole. Beim ersten Einsatz jedoch patzte der Brite, hätten wir an diesem Wochenende schon zusammengezählte Zeiten gehabt, stünde Nico Rosberg auf Pole!

Und hat sich jemand der FIA schon mal Gedanken darüber gemacht, wie ein Fan auf der Tribüne das Geschehen verfolgen und nachvollziehen soll?

Fazit: Ohne Not werden Entscheidungen gefällt, welche viele Fans dem Sport weiter entfremden.

Bravo, nur weiter so.

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