Strategiegruppe-Schock: Halo abgelehnt, Chaos total

Kolumne von Mathias Brunner
Formel 1
Der Halo kommt nicht. Oder doch? Oder doch wieder nicht?

Der Halo kommt nicht. Oder doch? Oder doch wieder nicht?

​Die Entscheidungen der Strategiegruppe erzeugen Kopfschütteln: Der Kopfschutz Halo ist gescheitert, am Funk ist wieder alles anders, bei den Pistengrenzen ebenso. Das Chaos ist perfekt.

Die Formel 1 ist ein einziges Entscheidungs-Fiasko, ein PR-Desaser erster Güteklasse, und die jüngsten Entscheidungen der Strategiegruppe stürzen den Sport tiefer ins Chaos. Die ersten höhnischen Kommentare in den sozialen Netzwerken sprechen eine deutliche Sprache – die Formel 1 macht sich gründlich lächerlich.

Zur Erinnerung: Die Entscheidungsfindung im Formel-1-Sport ist komplex. Verschiedene Arbeitsgruppen reichen ihre Ideen der so genannten Strategiegruppe weiter. Sie besteht aus Vertretern von sechs Rennställen (gegenwärtig Ferrari, Red Bull Racing, Mercedes, McLaren-Honda, Williams und Force India), des Autoverbands FIA (Jean Todt) sowie der «Formula One Group» (vertreten durch Bernie Ecclestone). Jede dieser drei Parteien besitzt sechs Stimmen.

Der weitere Ablauf: Die Ideen der Strategiegruppe gehen nach einem Mehrheitsentscheid an die Formel-1-Kommission weiter. Die Formel-1-Kommission hat nur die Möglichkeit, einen Vorschlag abzunicken oder abzulehnen. Ist ein Vorschlag durchgewunken, geht er vor den FIA-Weltrat. Selten wird dort ein Vorschlag noch gestoppt.

Jetzt kommt der Hammer: Es wird wieder alles ganz anders!

Hammer 1: Der Halo ist für 2017 von der Strategiegruppe abgelehnt.

Hammer 2: Die ganzen Funkeinschränkungen werden über Bord geworfen. Sobald ein Auto auf der Piste unterwegs ist, dürfen Fahrer und Techniker wieder frei sprechen. Über alles.

Hammer 3: Vergehen beim Einhalten der Pistengrenzen werden nicht mehr geahndet.

Ebenfalls beschlossen: Bei extrem nasser Bahn nach Regengüssen vor einem Grand Prix wird es einige Runden hinter dem Safety-Car geben, auf dass sich die Fahrer mit den Verhältnissen vertraut machen können. Dann aber schert das Führungsauto aus, und die Fahrer zeigen einen stehenden Start.

Die FIA nimmt wie folgt Stellung.

Zum Halo: «Die Strategiegruppe hat einstimmig entschieden, dass 2018 einen Cockpitschutz eingeführt wird. Angesichts des engen Zeitrahmens wird es als ratsam eingeschätzt, den Rest des Jahres und den Beginn der kommenden Saison für weitere Versuche zu verwenden. Das schliesst zahlreiche Versuche im Rahmen der freien Trainings mit ein. Während der Halo derzeit die bevorzugte Kopfschutzlösung ist, ist die Strategiegruppe der Ansicht, mehr Entwicklungszeit könnte zu einer kompletteren Version führen.» (Wie der Aeroscreen von Red Bull. M.B.) Der Halo bleibt eine starke Option für 2018.»

Zum Funk: «Auf Anfrage der Rennställe und von Bernie Ecclestone hat sich die FIA dazu entschlossen, den Artikel 27.1 – der Fahrer muss sein Auto alleine und ohne Hilfe fahren – liberaler auszulegen. Mit Ausnahme eines Zeitraums zwischen Beginn der Formationsrunde und dem Start, gibt es keinerlei Einschränkungen mehr, weder beim Funk noch auf Boxentafeln. Die Teams verpflichten sich im Gegenzug, ihren Funk für die Ausstrahlung zu jeder Zeit freizugeben, während die Autos auf der Bahn sind. Das ist ein Mehrwert für Fans und Zuschauer.»

Wir dürfen zu den drei Hammerentscheidungen aber gerne ein paar Anmerkungen nachreichen.

Zum Halo: FIA-Chef Jean Todt will den Halo unbedingt. Dem Franzosen bliebe die Hintertür offen, den Halo aus Sicherheitsgründen durchzupressen. Das Reglement erlaubt ihm das: Sicherheitsrelevante Entscheidungen könnten gegen den Willen von Strategiegruppe und Formel-1-Kommission durchgepaukt werden.

Aus FIA-Kreisen sickert aber durch, dass Todt sich jedoch aus politischen Gründen nicht gegen die Rennställe und Bernie Ecclestone stellen wird. Die Teams finden den Halo hässlich, zu unausgereift, mit zu vielen Fragezeichen behaftet. Formel-1-Promoter Ecclestone fürchtet, mit Halo werden die GP-Fahrer nicht mehr als Helden wahrgenommen.

Wird der Halo am Ende wirklich nicht eingeführt und haben wir 2017 einen Unfall mit einem Schwerverletzten oder Schlimmerem, werden sich die Formel-1-Verantwortlichen den Vorwurf gefallen lassen müssen, untätig gewesen zu sein. Möglicherweise kommt es zu Klagen von Hinterbliebenen wie zuletzt durch Philippe Bianchi nach dem Tod seines Sohns Jules Bianchi.

Zum Funkverkehr: Wenn jetzt wieder jeder Funkspruch erlaubt ist, dann wird der Vorwurf der Fans zurückkommen, dass die Piloten von aussen gesteuert werden, Marionetten eben. Die Einschränkungen werden deshalb über Bord geworfen, weil in der Strategiegruppe die Einsicht angekommen ist, dass die Umsetzung des Teilverbots im Detail schwierig bis unmöglich ist. Eine Bankrotterklärung für die Regelhüter.

Zu den Pistengrenzen: Fahrer dürfen also jetzt wieder ungestraft jenseits der Bahn fahren, um sich dort einen unlauteren Vorteil zu verschaffen. Das erhitzt nicht nur Ewiggestrige oder Nostalgiker. In Monte Carlo wird auch nicht hinter der Leitschiene gefahren. In Baku auch nicht hinter einer Mauer. Und wenn es nass ist und die Randsteine glitschig sind, dann halten sich die Herren Piloten auch an Pistengrenzen. Wieso kann das auf trockener Bahn nicht möglich sein? Auch hier ist das Zurückkrebsen ein Armutszeugnis.

Fazit: Die Formel 1 hat sich mit den Entscheidungen der Strategiegruppe keinen Gefallen getan.

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Mathias Brunner
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