Deal des Jahrzehnts: Jorge Lorenzo bei Repsol Honda

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Jorge Lorenzo bei seinem ersten Honda-Test

Jorge Lorenzo bei seinem ersten Honda-Test

Durch den Wechsel von Jorge Lorenzo zu Repsol Honda wurde das Ducati-Werksteam geschwächt. Hinter der Schlagkraft des Fahrer-Duos Andrea Dovizioso und Danilo Petrucci steht ein Fragezeichen.

Schon nach dem ersten Sieg von Jorge Lorenzo in Mugello sagte dessen Manager Albert Valera zu Ducati-Sportdirektor Paolo Ciabatti unmittelbar nach der Zieldurchfahrt: «Es ist zu spät.»

Heute wissen wir: Der Wechsel zu Repsol Honda war zu diesem Zeitpunkt besiegelt!

Dazu muss man wissen: Ducati hatte immer betont, man werde die Besetzung des Werksteams für 2019 bis zum Mugello-GP festlegen.

Tatsächlich wurde der Vertrag von Vizeweltmeister Andrea Dovizioso schon vorher verlängert. Er hat im Vorjahr sechs GP-Siege gefeiert, 2018 den Auftakt in Doha gewonnen und war dann WM-Leader, obwohl er in Las Termas nur Sechster und in Austin nur Fünfter wurde. Dovis Verpflichtung hatte Vorrang, denn Lorenzo sammelte bei den ersten vier rennen nur sechs Punkte ein.

Das muss man sich in Erinnerung rufen, wenn man den Ducati-Chefs Domenicali, Dall’Igna, Ciabatti und Tardozzi den Vorwurf machen will, sie hätten auf Jorge Lorenzo besser aufpassen und ihn nicht zu Repsol-Honda gehen lassen sollen.

Jack Miller (4. in Le Mans) und Danilo Petrucci (2. in Le Mans) aus dem Pramac-Ducati-Kundenteam brachten im Frühjahr stärkere Leistungen als der 25-Millionen-Mann aus Mallorca, doch Lorenzo gewann nach Mugello auch noch die GPs in Barcelona und Spielberg, bevor er in Aragon ausgerechnet von seinem neuen Honda-Teamkollegen Marc Marquez vom Motorrad geholt wurde und lange verletzt ausfiel.

Mit dem heutigen Wissensstand hätte Ducati an Lorenzo festhalten müssen.

Jorge Lorenzo: Bei Ducati nicht gescheitert

Lorenzo hatte seinen Frieden mit der Desmosedici geschlossen und war dort nicht gescheitert wie Bayliss, Gibernau, Melandri, Rossi und andere. Seine vielen makellosen Auftritte auf der Yamaha und seine fahrerischen Geniestreiche sind noch in guter Erinnerung.

Aber wir erinnern und auch daran, dass er bei Ducati anfangs oft ratlos und verzweifelt wirkte und dass ihn sogar Tito Rabat auf der 2017-Ducati 2018 mehrmals in den Schatten gestellt hatte.

Also war es betriebswirtschaftlich sinnvoll von Ducati, über einen Wechsel Petrucci gegen Lorenzo nachzudenken. Petrucci fuhr im Vorjahr noch für 200.000 Euro, 2018 vielleicht für 400.000 Euro.

Auch wenn ihn niemand der Liga von Márquez, Rossi und Lorenzo zurechnet, so schien er eine sinnvolle Lösung als Teamkollege von Dovizioso zu sein, der zu Anfang der Saison sowieso als neuer Superstar galt, der Márquez 2017 in Spielberg und Motegi und 2018 in Katar im direkten Zweikampf in der Zielkurve mutig in die Schranken wies.

Aber Ducati-CEO Claudio Domenicali und seine Mitstreiter hätten in der Euphorie der Dovizioso-Erfolge mehr Spitzengefühl und Diplomatie zeigen sollen. Domenicali äußerte ausgerechnet eine Woche vor dem Mugello-GP öffentlich Kritik an Lorenzo. Immer wieder wurde auch seine Traumgage ins Spiel gebracht.

Aber wer hat sie ihm angeboten und bezahlt? Ducati!

Auch Rossi war in der zweiten Ducati-Saison für die nachfolgende Saison 2013 noch mit einer 17-Mio-Euro-Offerte (für ein Jahr) gelockt worden.

Ducati hatte sich mit der Verpflichtung des dreifachen MotoGP-Weltmeisters Jorge Lorenzo eine Abkürzung zum WM-Titel erhofft. Man meinte, mit ihm könne man 2017 auf Anhieb die WM gewinnen, erstmals seit Casey Stoner 2007, obwohl die Desmosedici noch kein Motorrad für alle Fälle ist.

Nach dem Mugello-Sieg vollführte Domenicali eine rhetorische Kehrtwende. Er traut Lorenzo plötzlich den Titelgewinn 2018 zu. Der Crash mit Marquez verhinderte das.

Doch die MotoGP-Szene bleibt spannend. Wir werden auch beobachten, ob Dovizioso wirklich dauerhaft ein fahrerisches Kaliber sein kann. Er beendete die MotoGP 2018 zwar als Vizeweltmeister, aber mit 76 Punkten Rückstand und besiegte Marquez nach Barcelona im direkten Duell nur zweimal.

Erstaunlich war, dass Jorge Lorenzo und Albert Valera den Repsol-Honda-Deal so lange geheim halten konnten, den sie nach Le Mans Mitte Mai eingefädelt haben. In Mugello wurde die Öffentlichkeit noch durch ein SKY-TV-Interview mit Lin Jarvis hinters Licht geführt.

Lin Jarvis, Managing Director von Yamaha Motor Racing, hatte am Donnerstag auf die Frage des TV-Reporters von Sky Sports, ob er sich vorstellen könne, dass Lorenzo zu Yamaha zurückkehrt, auf Italienisch vielsagend geantwortet: «Puó essere.»

Das bedeutet: «Es ist möglich.» Oder: «Kann sein.»

Die erste Frage an Jarvis samt dessen Antwort hatte Sky Sports nicht gesendet. Diese lautete: «Halten Sie einen Rücktritt von Jorge Lorenzo für möglich? Die Antwort von Jarvis: «Puó essere.»

Danach mutmaßten alle Berichterstatter, Lorenzo werde zu Yamaha zurückkehren.

Aber diese Einschätzung war grundlegend falsch. Jetzt lachen sich Honda, Repsol und Red Bull ins Fäustchen. Die Verpflichtung von Lozenzo war der Coup des Jahrzehnts.

Ducati: Zu wenig Geduld mit Lorenzo?

Bei Ducati wird man voraussichtlich noch oft bereuen, mit Lorenzo keine zukunftsträchtige Lösung gefunden zu haben. Klar, Petrucci kostet 1 Millionen, Lorenzo hätte man 3, 4 oder 5 Millionen pro Jahr anbieten müssen.

Aber man hätte einen Superstar für zwei weitere Jahre im Team gehabt, als «back-up» für Dovizioso. Und wer in der MotoGP-WM Erfolg haben will, muss tief in die Tasche greifen. Sparsamkeit ist eine Tugend, aber in der MotoGP kein taugliches Erfolgsrezept.

Aber Ducati hat im Dezember Sponsor TIM verloren, Lenovo und NETAPP kamen an Bord, man musste zuerst einmal klären, welches Fahrerbudget für 2019 verfügbar ist.

Ein Nachteil gegenüber Eigentümer-geführten Unternehmen wie KTM: Dort wurde Johann Zarco im Winter schon für 2019 engagiert, weil ihn Stefan Pierer haben wollte. Das Budget wurde nachgereicht.

Was lernen wir daraus? Wer sparen will, wird in der MotoGP-Weltmeisterschaft nicht für Furore sorgen.

Suzuki Ecstar wird auch noch bereuen, dass sie Andrea Iannone gehen lassen und mit Rins (22) und Mir (20) gegen die Staraufgebote von Honda, Yamaha, Ducati, KTM und Aprilia antreten.

Jorge Lorenzo wird nach seinen Erfolgen mit Yamaha und Ducati auch auf Honda gewinnen. Wenn ihm das gelingt, wird er zu einer kleinen Gruppe von vielseitigen Ausnahmekönnern gehören.

Nur folgende Fahrer haben in der «premier class» auf drei unterschiedlichen Fabrikaten gewonnen:

Mike Hailwood auf Norton, MV Agusta, Honda.
Eddie Lawson auf Yamaha, Honda, Cagiva.
Randy Mamola auf Suzuki, Honda, Yamaha.
Loris Capirossi auf Yamaha, Honda und Ducati.

Selbst Valentino Rossi hat es bisher nur auf Honda und Yamaha zu Siegen in der Königsklasse gebracht.

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