Paolo Ciabatti: «Ohne Márquez wären wir Weltmeister»

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Andrea Dovizioso am Sonntag nach dem Crash in Turn 1

Andrea Dovizioso am Sonntag nach dem Crash in Turn 1

Andrea Dovizioso sparte zuletzt nicht mit Kritik an Ducati. Ducati-Sportdirektor Paolo Ciabatti rückt die Verhältnisse zurecht.

Andrea Dovizioso stieß vor der Saison 2013 zum Ducati-Corse-Werksteam. Er schlug sich damals mit einem nicht konkurrenzfähigen Motorrad herum, denn Ducati befand sich in einer Umbruchphase nach der Ära Ing. Filippo Preziosi und dem Flop mit Rossi in den Jahren 2011 und 2012. Dazu kam die Übernahme von Ducati durch die VW-Gruppe und die Eingliederung in die Audi Group, zu der auch Lamborghini gehört.

«Dovi» war erleichtert, als Gigi dall’Igna im Oktober 2013 von der Piaggio Group (Aprilia, Moto Guzzi, Piaggi, Gilera, Derbi, Vespa) kam und bei Ducati Corse als General Manager das Kommando übernahm.

Es dauerte aber bis 2016, ehe Ducati wieder MotoGP-Rennen gewann – Iannone in Spielberg, Dovi in Sepang.

Nachher mauserte sich Dovizioso zum Siegfahrer und großen Herausforderer von Marc Márquez. Er besiegte ihn bei etlichen Rad-an-Rad-Kämpfen und meisterte auch die Herausforderung Jorge Lorenzo bravourös, der als mutmaßlicher Titelanwärter 2017 und 2018 zu Ducacti geholt wurde. Für eine Traumgage von 25 Millionen Euro für zwei Jahre.

Dovi stellte Lorenzo in den Schatten und hielt sich brav mit Kritik am Gebaren von Ducati zurück, obwohl er in der Lorenzo-Ära mit einer geschätzten Gage von 1 bis 1,5 Millionen Euro abgespeist wurde.

Erst beim Sachsenring-GP 2019 platzte Dovi der Kragen, er übte nach seinem enttäuschenden fünften Platz Kritik an der Desmosedici, die auch heute noch auf manchen GP-Strecken deutliche Mängel offenbart.

Seither hängt im Werksteam der Roten aus Borgo Panigale der Haussegen schief.

Als sich im Juli Jorge Lorenzos Manager Albert Valera nach den Möglichkeiten bei Ducati für 2020 erkundigte, weil Jorge mit der Honda RC213V nicht klarkommt, wurde die Episode «Rückholaktion Lorenzo» inszeniert.

Sie sah so aus: Millers neuer Vertrag wurde vorerst trotz mündlicher Einigung beim deutschen WM-Lauf nicht unterschrieben. Es wurde überlegt, ob Lorenzo für 2020 eine Werks-Ducati bei Pramac bekommt und nachher für 2021/2202 ins Werksteam zurückkehrt. Auch Ducati-CEO Claudio Domenicali kommte dieser Idee einiges abgewinnen.

Beim Österreich-GP (9. bis 11. August) wurde offenkundig, dass sich Dovi und Gigi Dall’Igna momentan nicht mehr viel zu sagen haben. Man unterhält sich zwar in der Box, spricht das Nötigste – geht sich aber sonst aus dem Weg.

Es stellt sich die Frage, ob man so eine Situation als Dauerzustand bis zum Saisonende 2020 hinnehmen kann.

Dovi weiß inzwischen: Lorenzo bleibt entweder bei Honda – oder er hört zum Saisonende auf.

Die Rückholaktion ist also kläglich gescheitert. Sie hat aber das Betriebsklima bei Ducati Corse gehörig und nachhaltig verdorben.

Bei Ducati findet sich niemand, der zu diesem delikaten Thema Stellung nehmen will.

Selbst der sonst recht gesprächige Sportdirektor Paolo Ciabatti, der die Suppe auslöffeln muss, zeigt sich kurz angebunden.

Er sagt immerhin: «Natürlich waren wir über die Kommentare von Dovi nach dem Sachsenring-GP nicht so happy, obwohl ich für die Frustration Verständnis habe, wenn ein Ergebnis zustande kommt, das nicht den Erwartungen entspricht. Aber wir sind alle Professionals. Außerdem haben wir seither in Brünn mit Dovi Platz 2 und mit Miller Platz 3 erreicht. Danach hat Dovi in Österreich gewonnen – in einer unbeschreiblichen Manier. Auch in England wäre ein Podestplatz möglich gewesen. Das beweist: Wir führen unsere Arbeit professionell fort, was die korrekte Vorgangsweise ist.»

Ducati hat aber trotz der beachtlichen Erfolge Sorgen. Dovi-Manager Simone Battistella hat sich bei den Roten nicht gerade beliebt gemacht, als er seinen Schützling Álvaro Bautista vom Ducati-SBK-Team für 2020 überraschend zu Honda transferierte.

Gleichzeitig verhandelte Ducati im Sommer mit Lorenzo, auch wenn der erste Kontakt von den Spaniern ausging. Für manche Ducati-Manager sah der Bautista-Transfer dann wie eine Retourkutsche aus.

Ducati steht mit Hauptsponsor Mission Winnow (Philip Morris) und den anderen starken Partnern unter Erfolgsdruck. Dovizioso galt als Favorit für die WM 2019. Er siegte in Doha. Dann bis Spielberg  nicht mehr.

Die Frage, ob Dovizioso (306 GP-Einsätze, 23 Siege, 14 in der MotoGP) in derselben fahrerischen Liga spielt wie Márquez und in der Vergangenheit Rossi, Lorenzo, Stoner und Pedrosa, diese Frage bleibt unbeantwortet.

Ciabatti weicht aus: «Márquez ist ein phänomenaler Fahrer, das hat auch auf Stoner zugetroffen. Es ist momentan kein anderer Fahrer in der Lage, mit dieser Beständigkeit und auf jeder Piste auf dem Level von Márquez zu fahren. Ich denke, das ist ein Fakt. Eine andere Tatsache: Wenn Márquez nicht Teil dieser Weltmeisterschaft wäre, hätten wir sie 2017 und 2018 mit Dovi gewonnen und wir würden die aktuelle Weltmeisterschaft auf den Plätzen 1 und 2 anführen. So können wir die Maßstäbe etwas zurechtrücken. Wenn wir uns noch vor Augen halten, dass Cal Crutchlow als zweitbester Honda-Pilot in der WM an neunter Stelle liegt, sehen wir klar: Márquez hat den MotoGP-Sport auf ein neues Niveau gehoben. Das erwähne ich mit dem maximalen Respekt vor allen Fahrern. Noch was: Wer hat in diesem Jahr Rennen gewonnen außer Márquez, zweimal Dovi, einmal Petrucci und Rins? Unsere Bilanz kann sich also durchaus sehen lassen.»

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