MotoGP-WM: Auch im Juni ist mit Absagen zu rechnen

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Der Sachsenring-GP soll in diesem Jahr im Juni stattfinden: Ein heikler Termin

Der Sachsenring-GP soll in diesem Jahr im Juni stattfinden: Ein heikler Termin

Bisher konnte die Ausbreitung des Coronavirus in Europa nicht gestoppt werden, im Gegenteil. Deshalb wird der Motorsport voraussichtlich auch im Mai stillstehen, vermutlich sogar um einiges länger.

Wir werden uns in den nächsten Tagen und Wochen und wahrscheinlich Monaten an die rigorosen Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen gewöhnen, die die Regierungen und Behörden in aller Welt getroffen haben, um die Eindämmung des Covid-19-Virus voranzutreiben. Klar, für die Jugend ist es schwerer, sie fühlt sich nicht der Risikogruppe zugehörig, aber auch Jugendliche können erkranken und andere Menschen anstecken.

Vor einer Woche sprach Dr. Helmut Marko (77) vom Formel-1-Team Red Bull Racing noch von einer Hysterie, der man entgegnen müsse. Er machte sich für die Austragung des Australien-GP (8. März) stark. Inzwischen wurden die ersten drei WM-Läufe gestrichen, die nächsten drei in Zandvoort, Catalunya und Monte Carlo werden folgen.

Inzwischen ist der Virus auch in Australien mit voller Wucht angekommen. «Angst, dass 150.000 sterben», lautete die Titelschlagzeile der Tageszeitung «The Age» gestern. Das ist das «worst case»-Szenario der australischen Regierung – und betrifft nur Australien.

Man kann davon ausgehen, dass wir von solchen Dramen verschont bleiben. Trotzdem wird sich in den internationalen Motorsport-Rennserien auch im Mai kein Rad drehen, im April sowieso nicht. Das ist keine pessimistische Einschätzung, sondern eine höchst realistische. Was im Juni passiert, wird sich in den nächsten zwei Wochen besser abschätzen lassen. Wenn die Fallzahlen in dieser Phase durch drastisches «social distancing» sinken, dürfen wir ein bisschen aufatmen.

Bleibt nur zu hoffen, dass diese Botschaft allmählich auch in die Köpfe unbelehrbarsten Mitmenschen vordingt. Zum Beispiel zu jenen, die nach dem Zusperren der Skigebiete in Österreich und in der Schweiz unbekümmert Skitouren gehen und bei etwaigen Lawinenabgängen auf freundliche Hilfe durch die Bergrettung hoffen. Aber die Ärzte und Sanitäter werden jetzt für andere Aufgaben gebraucht, sie arbeiten teilweise sieben Tage pro Woche rund um die Uhr – und sind dazu höchsten Gefahren durch den Virus ausgesetzt.

Wir werden uns mit einem motorsportlichen Rumpfprogramm anfreunden müssen, denn ein Großteil der Veranstaltungen findet in Italien, Spanien und Frankreich statt, und diese Länder sind ganz schwer betroffen.

Auch um den Sachsenring-GP am 21. Juni darf man sich langsam Sorgen machen.

Denn niemand kann heute abschätzen, wie rasch nach der Eindämmung der SARS-CoV2-Pandemie in Europa von Notbetrieb wieder auf Normalbetrieb umgestellt werden kann, wie viele Unternehmen dann handlungsfähig sind, wie lange die Reisebeschränkungen aufrecht bleiben, welche Airlines dann bankrott sind, ob dann die Austragung von Sportevents gleich Sinn macht oder ob uns in der Firma, in der Familie und in der Welt viel elementarere Sorgen plagen und beschäftigen.

Es wird sich auch die Frage stellen: Wie lange bleiben die jetzt für 30 Tage verhängten Einreiseverbote in die EU aufrecht? Es gibt im GP-Sport Teams aus Asien (Petronas-Yamaha, Honda Asia) und Amerika (American Team in der Moto2 mit Joe Roberts) und dazu GP-Fahrer wie Nakagami, Moto2-WM-Leader Nagashima, Suzuki, Toba, Sasaki, Pawi, Kunii, Ogura, Yamanaka, Syahrin, Chantra, Izdihar, Kasmayudin aus Asien, dazu Deniz Öncü aus der Türkei, Brad und Darryn Binder aus Südafrika und unzählige japanische Techniker von Honda, Yamaha, Suzuki, NTS, Kayaba und so weiter, die momentan nicht einreisen dürfen.

Und solche Teams und Fahrer aus Übersee sind in vielen anderen Rennserien und Meisterschaften betroffen. Momentan ist unvorstellbar, diese Teams und Athleten aus der WM auszuschliessen.

Die drastische Verminderung der Sozialkontakte zeigt Wirkung, das haben die Verantwortlichen in aller Welt am Beispiel Singapur gesehen. Auch die Schweiz konnte gestern leicht aufatmen: Am Sonntag wurden 800 neue Fälle gemeldet, gestern zeichnete sich eine Verlangsamung in der Verbreitung ab – 136 neue Fälle.

Deutschland reagiert jetzt mit Verspätung ebenfalls, hält aber inzwischen bei 7272 erkrankten Personen. Das ist Platz 6 weltweit, hinter China, Italien, Iran, Spanien und Südkorea. Das wirkt besorgniserregend. Denn am Sonntag lag die Anzahl bei 4225 Menschen.

Die deutsche Fußball-Bundesliga hat den Betrieb für März eingestellt und macht sich auf eine wesentliche längere Spielpause gefasst.

Für die gesamte Wirtschaft wird die Welt nach Covid 19 eine andere sein, auch für die Fußballclubs und alle anderen Sportarten.

Pro Million Einwohner sind in Deutschland bisher 86,8 Menschen erkrankt, in China 56, in Italien fast 462 (am Sonntag noch 350), in Spanien 201, in Südkorea 160. In der Schweiz liegt diese Zahl bei 271, in Österreich bei 113.

In Österreich verkündete der Simulations-Experte Niki Popper gestern: «Am Freitag haben wir noch gesehen, dass sich die Fallzahlen in Österreich alle zwei Tage verdoppeln. Jetzt zeichnet sich durch die rigorosen Maßnahmen ab, dass sich die Zahl der Erkrankten nur alle drei Tage verdoppelt. Bis Donnerstag könnte dieser Zeitraum auf fünf Tage ausgedehnt werden, wenn weiter möglichst viele Menschen ihre Sozialkontakte reduzieren.» Wenn sich diese Tendenz bestätigt, werden die Spitäler nicht überlastet.

In der Schweiz wurde die «besondere Lage» gestern auf «außergewöhnliche Lage» hochgestuft, fünf Kantone haben den Notstand ausgerufen, darunter der schwer betroffene Tessin im Süden mit den 35 Grenzgängern aus Norditalien. In der Eidgenossenschaft wurde wie in Österreich eine Mobilmachung in Gang gesetzt. In der Schweiz werden die Krankenhäuser jetzt von Gesundheits-Bataillonen des Militärs unterstützt; in Österreich müssen die Rekruten drei Monate länger Militärdienst leisten (bis Ende Juni statt bis Ende März), bis zu 5000 Zivildiener werden einberufen.

Unterdessen machen sich verständlicherweise Existenzsorgen breit, bei Unternehmern und Arbeitgebern.

Aber vorerst muss die Gesundheit im Vordergrund stehen, deshalb gilt es alle Appelle der Gesundheitsbehörden und Politiker zu befolgen. Die Kurve mit der Anzahl der Infizierten muss in so vielen Ländern wie möglich abgeflacht werden, sonst drohen Zustände wie in Italien, wo gestern wieder erschreckende 349 Todesopfer zu beklagen waren, am Sonntag 368.

Es erreichen uns erschütternde Bilder aus Italien. Unser Mitgefühl geht an die Menschen im Nachbarland. Die Lombardei und Bergamo liegen nicht so weit weg wie China, Iran oder Südkorea. 

Jeder von uns hat gute Freunde, Bekannte oder Verwandte in Italien, besonders im Motorsport.

Restate in casa, amici. Bleibt daheim, Freunde!

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