Rossi, Márquez, Lorenzo: Das ist ihr Kryptonit

Von Sharleena Wirsing
Die MotoGP-WM hat derzeit drei Superhelden – Valentino Rossi, Marc Márquez und Jorge Lorenzo. Sie sind herausragende Fahrer, doch nur wer seine Schwäche kennt und besiegt, wird sich durchsetzen.

Jeder Mensch hat seine Schwächen. Doch wie sieht es mit Superhelden aus? Die bekannte Schwäche von Superman ist das Kryptonit. Das radioaktive Felsgestein vom Planeten Krypton, schwächt den Helden. Es ist seine Achillesferse.

Wer ist ein Held? Ein Held ist eine Person mit herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen antreiben. Im Falle der MotoGP-WM gibt es sicher einige Helden – früher wie heute. Die derzeit wohl erfolgreichsten Helden sind WM-Leader Valentino Rossi, Weltmeister Marc Márquez und Jorge Lorenzo, der 2015 bereits vier Rennen in Folge gewann.

Rossis schwarzes Kryptonit

Jeder von ihnen hat bei allen Erfolgen jedoch auch sein eigenes Kryptonit. Durch den Kontakt mit schwarzen Kryptonit gibt es eine Spaltung der guten und der bösen Seite von Superman. Die beiden Persönlichkeiten kämpfen um die Übernahme der Kontrolle. Diesen Kampf macht Valentino Rossi derzeit durch, nachdem er in Assen scheinbar seine Achillesferse, die schlechten Platzierungen im Qualifying, überwand.

Während Rossi neun WM-Titel einfuhr, stellte er viele starke Fahrer in den Schatten. Seine Feindschaften mit Max Biaggi oder Sete Gibernau sind legendär. Auch zwischen seinem Yamaha-Teamkollegen Jorge Lorenzo und Rossi herrschte in der Vergangenheit dicke Luft. Mit Casey Stoner geriet Rossi nach seinem brillanten Überholmanöver in der Cork Screw von Laguna Seca und anderen Aktionen 2008 aneinander.

Es erweckte oft den Anschein, dass Rossi ein lebendiges Feindbild nutzt, um in Zweikämpfen zu ganz großer Form aufzulaufen. Wird dies im Kampf gegen Marc Márquez notwendig? 2015 gerieten die beiden Stars schon zweimal auf der Strecke aneinander. Zunächst in Argentinien, nun erneut in Assen.

Bisher geben sich die Rivalen freundschaftlich und betonen, dass die harten Manöver nichts an ihrer Beziehung ändern würden. Doch spätestens in Assen wurde klar, dass es im Gebälk schon kräftig knirscht.

Doch Feindschaften können nicht nur beflügeln, sondern auch zu Fehlern verleiten. Einen solchen Fehler oder gar eine Verletzung darf sich die legendäre Nummer 46 auf dem Weg zum zehnten WM-Titel nicht erlauben, denn Lorenzo lauert bereits.

Derzeit kämpfen der gnadenlose Rossi auf der Strecke und der diplomatische Rossi abseits des Asphalts noch gegeneinander. Wer gewinnt die Oberhand?

Rotes Kryptonit macht Márquez rebellisch

Ist Superman dem roten Kryptonit ausgesetzt, verliert er seine Hemmungen. Er wird rebellisch. Dies trifft derzeit auf Marc Márquez zu. Sein rotes Kryptonit ist die Unterlegenheit der Honda seit Saisonbeginn 2015. In acht Rennen kam Márquez dreimal nicht ins Ziel, nur in Austin konnte er siegen. Im vergangenen Jahr hatte er die ersten zehn Rennen in Folge gewonnen.

Hemmungslos ist Márquez vor allem bei seinen Manövern. Eine Berührung mit der Maschine des Gegners gehört mittlerweile zum Standard-Programm des scheinbar furchtlosen Spaniers. Doch genau diese Hemmungslosigkeit kostete ihn 2015 wertvolle Punkte.

In Argentinien stürzte er nach einer Berührung mit Rossi, in Barcelona bremste er sich in der Anfangsphase zu aggressiv an Jorge Lorenzo heran und auch in Assen zog er nach der Motocross-Einlage von Valentino Rossi den Kürzeren. Die Unterlegenheit der Honda zwingt Márquez zu immer größeren Risiken, denn Platz 2 ist für ihn nie genug.

Márquez’ unzähmbarer Siegeswille, der ihn als außergewöhnlichen Rennfahrer auszeichnet, ist für den Honda-Pilot jedoch Fluch und Segen zugleich. Meist besiegt er seine Gegner durch seine Risikobereitschaft und das absolute Ausblenden der eignen Verwundbarkeit. In Argentinien und Assen machte er mit dem wahren Rossi Bekanntschaft, der seinen Gegnern im Kampf stets die kalte Schulter zeigt.

Die Niederlage in Argentinien schien noch am gläsernen Lächeln des Spaniers abzuprallen, doch in Assen bekam diese Fassade erste Risse. Márquez fühlte sich als wahrer Sieger. Er hatte eine Strafe für Rossi erwartet, die jedoch nie Realität wurde. Heißsporn Márquez kann der Coolness und Abgeklärtheit des «Doctors» nicht viel entgegensetzen. Vielleicht sollte er es mit Obst versuchen, denn wie der Volksmund sagt: An apple a day keeps the doctor away.

Silbernes Kryptonit: Jorge Lorenzo

Das silberne Kryptonit bewirkt, das Superman sich verfolgt fühlt. Er verliert hierdurch langsam seinen Verstand. Jorge Lorenzo verlor 2014 zwar nicht seinen Verstand, aber sein Selbstvertrauen. Er fühlte sich vom Pech verfolgt. Dabei lag ihm die Saison 2013 schwer im Magen.

Auf dem TT Circuit Assen erlebte die Saison 2013 ihren Wendepunkt, als WM-Leader Jorge Lorenzo stürzte und sich das Schlüsselbein brach. Obwohl der Yamaha-Star sofort nach Spanien zurückkehrte, sich operieren ließ, wieder nach Assen kam und im Rennen, 48 Stunden nach der Verletzung, unglaublicher Fünfter wurde, eröffnete sich eine klare WM-Chance für Rookie Marc Márquez. Auf dem Sachsenring stürzte Lorenzo erneut. Trotzdem kämpfte er bis zum letzten Rennen tapfer um den Titel – vergebens.

Diesen Rückschlag schien Lorenzo auch in der neuen Saison noch nicht verarbeitet zu haben. Der Superman von Assen war 2014 nur ein Schatten seiner selbst. Beim Saisonauftakt in Katar stürzte der meist unfehlbar wirkende Lorenzo. Das nächste Rennen in Austin begann mit einem Desaster. Lorenzo legte einen fatalen Frühstart hin. Dem einst eisernen Spanier gingen die Nerven durch, auch wenn die offizielle Version des Frühstarts Insekten für die Ablenkung verantwortlich machte.

In Assen räumte er 2014 ein, dass er im Regenrennen mit Angst zu kämpfen hatte. Angst spielte auch bereits bei großen Fahrern wie Kevin Schwantz eine Rolle. Schwantz beendete seine Karriere, nachdem er einsah, dass er sich nach dem Unfall von Wayne Rainey auch selbst nicht mehr für unverwundbar hielt. Rainey verunglückte 1993 beim Grand Prix von Italien und blieb von der Brust abwärts gelähmt. Schwantz beendete seine Karriere nach den ersten Rennen der Saison 1995 nach einem Gespräch mit Rainey.

Doch 2015 feierte Lorenzo ab dem Jerez-GP ein rauschendes Comeback. Er dominierte vier Rennen in Folge. Die Konkurrenz war bis Assen chancenlos.

Auch wenn Lorenzo die Schwäche des mangelnden Selbstvertrauens überwunden hat, bleibt noch seine Sensibilität in Sachen Technik. Wenn die Maschine oder die Reifen seinen makellosen Fahrstil mit hoher Kurvengeschwindigkeit nicht zulassen, kann er das nur schwer überfahren.

Als Bridgestone 2014 überarbeitete MotoGP-Reifenmischungen lieferte, konnte Lorenzo nicht mehr so fahren, wie es für seinen Stil notwendig ist. Auch die Yamaha war 2014 erst in der zweiten Saisonhälfte wieder konkurrenzfähig. ?Als das Paket ab dem Sachsenring-GP wieder stimmte, war Lorenzo der Fahrer, der die meisten Punkte einfuhr. In den letzten acht Rennen 2014 erbeutete Lorenzo 146 Punkte, Rossi 138 und Márquez nur 112.

Der Spanier braucht ein perfektes Paket, um seine Fähigkeiten voll auszuschöpfen, während Márquez und Rossi zumindest kleine Probleme besser überfahren können.

2015: Rossi und Lorenzo trotzen ihrem Kryptonit

Jeder Held hat sein persönliches Kryptonit. Während Márquez durch seine Schwäche von Fehler zu Fehler rast, haben Valentino Rossi und Jorge Lorenzo ihre Mankos derzeit fest im Griff. Im Titelkampf 2015 wird ausschlaggebend sein, wer seinem Kryptonit am längsten Widerstand leisten kann. Am Ende der Saison wird es nur einen Superman geben: Rossi oder Lorenzo?

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