Casey Stoner: Bei Honda fühlte er sich überflüssig

Kolumne von Günther Wiesinger
MotoGP
Casey Stoner wird 2016 bei Ducati die Rolle eines MotoGP-Testfahrers übernehmen. Dort findet er endlich wieder eine anspruchsvolle Aufgabe, Honda braucht ihn nicht.

Casey Stoner liess besonders in den letzten Jahren seiner MotoGP-Karriere kein gutes Haar an der Königsklasse.

Er beschwerte sich über die zu langsamen Claiming-Rule-Bikes mit den Superbike-Rennmotoren, die 2012 als Übergangslösung für die armen Team eingeführt wurden, nachdem das Feld in der Wirtschaftskrise auf 17 Stammfahrer geschrumpft war. Er klagte über holprige Pisten und dies und jenes.

Deshalb weinte ihm Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta keine Träne nach, als Casey beim Le-Mans-GP 2012 den Rücktritt per Saisonende ankündigte.

Nicht einmal eine 11-Millionen-Euro-Offerte von HRC konnte den Australier umstimmen.

Auch auf die Gefahr hin, jetzt wieder als Stoner-Gegner dargestellt zu werden: Casey war tatsächlich oft missmutig, er wetterte über jede Reglementsänderung, interessierte sich aber nicht im Geringsten für die Hintergründe oder die Ursachen.

Und man durfte sich zu recht fragen: Muss ein Rennfahrer ständig (und oft grundlos) über jene Rennserie lästern, die ihn reich und berühmt gemacht hat?

Tatkräftig mitarbeiten an eine Verbesserung der Situation, das wollte Stoner nicht.

«Er hat sich auch nach seiner Rücktrittsankündigung nie mit mir in Verbindung gesetzt, er hat nie Vorschläge unterbreitet, er kam fast nie zu einer Sitzung der Safety Commission», sagte Ezpeleta vor drei Jahren. «Nur sein Vater Colin hat mir irgendwann erzählt, was Casey alles nicht gepasst hat.»

Casey Stoner verschwand nach dem Valencia-GP 2012 wortlos aus dem MotoGP-Paddock.

Ezpeleta wunderte sich. Er hatte den Australier zu Beginn von dessen Karriere im Movistar-Telefónica-Honda-Team von Alberto Puig mitfinanziert, er hatte auch dessen erste Schritt im MotoGP-Team bei LCR-Honda unterstützt.

Aber Casey war oft schlecht oder gar nicht beraten.
So untersagte ihm LCR-Honda Ende 2006 die ersten Testfahrten mit der Ducati in Valencia, weil sein Vertrag bis zum Jahresende lief.
Daraufhin wurde LCR-Honda-Teamchef Lucio Cecchinello im Paddock nie mehr gegrüsst und keines Blickes mehr gewürdigt.

Doch Cecchinello führte damals nur eine Anordnung von HRC aus.
Casey Stoner gewann in seiner ersten Ducati-Saison 2007 die MotoGP-WM, auch bei Honda räumte er 2011 in seiner ersten Saison den Titel ab. Dani Pedrosa ist dort zehn Jahre lang titellos geblieben.

Auf der Rennstrecke agierte Stoner vorbildlich. Er war der erste, der dem grossen Valentino Rossi 2007 erfolgreich trotzte, nachdem der Italiener die WM jahrelang dominiert hatte. Die Nummer 27 gewann nicht weniger als 23 MotoGP-Rennen für Ducati.

Aber irgendwann bildete sich Casey Stoner ein, seine Leistungen würden bei den Roten nicht ausreichend gewürdigt. Er ärgerte sich, weil er 2009 beim Ducati-Management nicht genug Unterstützung fand, als er im Sommer wegen eines Erschöpfungssyndroms einige Rennen verzichten musste.

Aber es war Stoner, der seine Probleme nicht offen kommunizierte, so schossen die Gerüchte ins Kraut, er verkroch sich im australischen Outback, wochenlang wusste keiner, ob er Casey ein langwieriges Burn-out eingehandelt hatte und ob er sich jemals wieder auf einer GP-Piste blicken lassen würde.

Durfte Ducati-Chef Claudio Domenicali in dieser Situation nicht gewisse Fragen stellen?

Und durfte man es den Journalisten verübeln, wenn sie sich teilweise in wüsten Spekulationen ergingen? Ein wahrer Liebling der Medien war Casey Stoner ohnedies nicht, er trug ihnen seinen Künstlernamen «Rolling Stoner» ewig nach, obwohl er zu Beginn seiner Karriere (125 ccm und 250 ccm) durchaus seine Berechtigung hatte.

Stoner spürte, dass die Berichterstatter und Fans reihenweise auf der Seite seines Rivalen Rossi standen, er hatte dafür kein Verständnis. Aber die Reporter und Fans wollen halt mitunter mehr als nur schnelle Rundenzeiten, die MotoGP-WM ist auch ein Showgeschäft. Das wollte Casey nicht wahrhaben, er wollte sich nicht verbiegen, er sich aufs Wesentliche konzentrieren, aufs schnelle Motorradfahren.

Und es nagte an ihm, dass die Medien 2007 in erster Linie darüber nachgrübelten, warum Rossi verloren hatte und nicht darüber, warum Stoner so grandios gewonnen hatte.

Casey Stoner hatte eine schwere Kindheit. Sein Vater Colin trieb ihn von Rennstrecke zu Rennstrecke, seine Jugend war von Entbehrungen und Armut geprägt, man wohnte ihn Wohnwagen, vor der Übersiedlung nach Europa im Jahr 2000 wurde das Haus in Australien verkauft. 2001 beendete Stoner die britische 125-ccm-Meisterschaft auf Platz 2 hinter Leon Camier.

Noch im Jahr 2003 hauste Casey in Europa während der Saison gemeinsam mit seinem Kumpel Chaz Davies in einem fensterlosen Trailer, der als Anhängsel des Alpinestar-Motorhomes von einem WM-Rennen zum anderen geschleppt wurde.

Augenzeugen berichteten sogar noch zu Caseys 125er-WM-Zeit, Vater Colin sei bei schlechten Ergebnissen manchmal die Hand ausgekommen.

Deshalb sehnte sich der MotoGP-Star früh nach Nestwärme, zuerst in den GP-Teams wie bei LCR, dann auch bei der frühen Gründung einer eigenen Familie. Er heiratete Adriana mit 20 Jahren, Tochter Alessandra wird im Februar vier Jahre alt.

Aber Casey Stoner ist in den drei Jahren seit 2012 nie ganz von der MotoGP-WM losgekommen.

Er wird immer ein begeisterter Motorradfahrer bleiben. Und bei Ducati warten viele Teammitglieder auf ihn, die seine Leidenschaft teilen.

Honda hat schon ein Sieger-Motorrad, Ducati entwickelt gerade eines, die Expertise eines 45-fachen GP-Siegers wird in diesem Zusammenhang dringend gebraucht.

Ein Testfahrer-Vertrag zwischen Casey Stoner und Ducati Corse entspricht einer win-win-situation für alle Beteiligten.

Bei Honda fühlte sich Stoner seit der Ankunft von Marc Márquez wie das fünfte Rad am Wagen. Mit van der Mark und Takahashi beim 8-h-Rennen in Suzuka rumzukurven (und sich wegen eines steckengebliebenen Gasschiebers dabei schwer zu verletzen) und einmal im Jahr eine MotoGP-Maschine testen zu dürfen, das entsprach nicht den Vorstellungen des Ausnahmekönners.

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