Seit 20 Jahren: Es siegt immer wieder Valentino Rossi

Kolumne von Matthew Birt
MotoGP
Jerez-GP: Rossi vor Lorenzo und Pedrosa

Jerez-GP: Rossi vor Lorenzo und Pedrosa

Eine Sache bleibt konstant. Seit Matthew Birt vom MotoGP-Sport berichtet, siegt immer und immer wieder Rossi. In Jerez hat «The Doctor» gezeigt, dass er noch lange nicht alle Tricks ausgepackt hat.

Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass ich erstmals über ein MotoGP-Rennen berichtet habe. Es war in Jerez 1996.

Ich erinnere mich sehr gut an das dramatische 500-ccm-Finish zwischen Mick Doohan und Alex Crivillé und an die Tatsache, dass ich mit einem gebrochenen Knochen in meinem Ellbogen und einer Gehirnerschütterung davongekommen bin, nachdem ein Truck versucht hatte, mein Mietauto in eine Zündholzschachtel zu verwandeln.

In den zwei Jahrzehnten seit damals habe ich erlebt, wie die Träume einiger weniger Talente erfüllt wurden, aber noch viel mehr Träume zerschlagen wurden.

Die MotoGP-WM hat sich seit damals unermesslich verändert, aber eine Sache ist konstant geblieben.

Valentino Rossi an der Spitze.

Bei meinem ersten Grand Prix schlitterte er in einem epischen 125-ccm-Rennen nur knapp am Podium vorbei. Er wurde Vierter hinter Nobby Ueda, der Valentino ironischerweise seinen ersten Podiumsplatz nur um 0,046 Sekunden streitig machte.

Wenn du mir am 12. Mai 1996 prophezeit hättest, dass ein zeitloser Valentino Rossi am 24. April 2006 immer noch ein MotoGP-Rennen gewinnen würde, wäre meine Antwort mit mehr als nur einem Schimpfwort ausgefallen.

Rossis brillanter Sieg letzte Woche in Jerez ist nur das bisher letzte Kapitel in einer Karriere, die sich über Generationen hinstreckt und die alle Logik ausser Kraft setzt.

Er ist eine Stärke der Natur. Der Meister der Wiedererfindung, der im Alter von 37 Jahren immer noch Leistungen erbringt, die einen sprachlos machen.

Am vorletzten Sonntag feierte Valentino seinen 87. Sieg in der MotoGP-Klasse, aber es war das erste Mal, dass er von der Pole Position aus jede Runde anführte. Ein weiteres Merkmal in seiner bilderbuchhaften Karriere in der Königsklasse

Valentino ist ein alter Hund, dem man neue Tricks beibringen kann. Rossi hat sich schnell an die unterschiedlichen Eigenschaften der Michelin-Reifen angepasst und seine reiche Erfahrung bedeutet, dass er ein Meister ist, wenn es darum geht, richtig mit den Reifen umzugehen. Vor allem jetzt, wo die Einheitssoftware den Einfluss der Fahrer reduziert hat.

Rossi kommt aus einer Zeit, in der die MotoGP-Maschinen noch nicht die von Laptops geführten Marschflugkörper der modernen Zeit waren. Damals war die rechte Hand deine Traction Control.

Deshalb schlug sich der Yamaha-Star in diesem Rennen in Spanien, bei dem die Hitze den Grand Prix zu einem wahren Test im Kontrollieren des Wheelspins machte, besser als jeder andere.

Nachdem er die Daten gecheckt hatte, gab sogar Lorenzos Crew-Chief Ramon Forcada zu, dass Rossi die Probleme mit dem Wheelspin besser gehandhabt hatte. Diese Probleme waren so heftig, dass manche Fahrer das Gefühl hatten, sie würden im Nassen fahren. Sie mussten auf den Geraden das Gas gefühlvoll aufdrehen, um die 260 PS auf die Fahrbahn zu bringen. Rossi sprach von 50 Prozent Vollgas auf den Geraden, Lorenzo von 80 Prozent. Und es war der schlaueste Anwender, der über den sanftesten siegte.

Rossi besiegte Lorenzo mit dessen eigenen Mitteln

Die Bedingungen am Sonntag in Jerez schienen Lorenzo und seinem ruhigen Fahrstil in die Karten zu spielen. «The Doctor» verabreichte ihm jedoch eine Kostprobe seiner eigenen Medizin.

Rossis Langlebigkeit in einem Sport, der vom Körper und vom Kopf so viel abverlangt, ist bemerkenswert.

Und die Saison 2016 hat bisher erneut seinen Willen gezeigt, neue Ideen anzunehmen, die ihm helfen, an der Spitze zu bleiben.

Die Rekrutierung des zweifachen 250-ccm-Weltmeisters Luca Cadalora als Riding Coach hat vielleicht anfangs ein paar Zweifel aufkommen lassen.

Was soll man einem unvergleichlichen Talent wie Valentino Rossi noch beibringen? Trotzdem wurden Cadaloras Ratschläge, die er aus seinen Beobachtungen neben der Rennstrecke zieht, nach dem Rennen in Jerez von Rossi gepriesen.

Um Rossis letzte und fast unergründliche Errungenschaft ins richtige Verhältnis zu rücken, muss man erwähnen, dass sein Teenager-Schützling Nicoló Bulega bei weitem jung genug ist, um sein Sohn sein zu können.

Bulega kam im Oktober 1999 zur Welt. Damals war Rossi bereits 125-ccm- und 250-ccm-Weltmeister und bereitete sich auf seine erste Saison in der 500-ccm-Königsklasse vor. In Jerez landete Rookie Bulega im Moto3-WM-Rennen auf Platz 2 – in Rossis Sky VR46-KTM-Team.

Der ehemalige Freund und heutige Feind Marc Márquez war gerade einmal drei Jahre alt, als Rossi 1996 in Jerez gegen Fahrer wie Peter Öttl, Lucio Cecchinello und Jorge Martinez kämpfte.

Öttl landete damals auf Platz 11 und hat jetzt einen 19-jährigen Sohn, der um Anerkennung in der Moto3-WM kämpft. Philipp Öttl war gerade einmal neun Tage alt, als Rossi seinen Vater in Jerez schlug. Unglaublich.

Man darf nicht nur bewundern, wie lange Rossi schon fährt, sondern auch, dass er sich nach wie vor an der Spitze hält.

Rossis Wunsch und Motivation, immer noch auf dem Rennmotorrad zu sitzen, sich immer noch fast jeden Tag ins Fitness-Center zu schleppen, und immer noch das Risiko einzugehen, den ultimativen Preis zu zahlen – aus reiner Begeisterung und reinem Vergnügen – ist das, was ich fast nicht glauben kann. Das bringt mich fast um den Verstand.

Seine ernüchternde Niederlage gegen Lorenzo letztes Jahr in der MotoGP-WM wird er wohl nie vergessen. Man parkt diese schwierigen Geschehnisse im Leben in einem entlegenen Teil des Gehirns. Aber über so eine niederschmetternde Enttäuschung kommt man wohl nie hinweg.

Aber Rossis Talent, sich wieder zu erholen und weiterzukämpfen ist erstaunlich. Er hat es nach dem Debakel mit Ducati 2011 und 2012 geschafft – und er tut es wieder.

Jeder, der diese Begeisterung und den Hunger, der Beste zu sein, nicht versteht, sollte sich mal auf die Geschehnisse nach dem Moto3-Rennen letzte Woche konzentrieren.

Nach Nicolò Bulegas brillanten ersten und bestimmt nicht letzten Podium, ging Rossi zum Parc Fermé, um ihm zu gratulieren. Das Warm-Up der MotoGP war mehr als eine Stunde zuvor beendet worden, aber Rossi trug immer noch sein Rennleder.

Er sass die ganze Zeit mit seiner Crew zusammen, um gewissenhaft die Elektronik zu besprechen und einen Masterplan zu erstellen, wie er fahren würde, wenn die Temperatur des Fahrbahnbelags eine ganz andere Herausforderung darstellen würde, als es im Training und im Qualifying der Fall war.

Und da war es, das alte Kriegspferd bei der Arbeit, das auf jahrelange Erfahrung zurückblickt. Valentino lieferte eine Performance, die so grossartig und ehrerbietend war, dass er sich wieder wie ein Teenager gefühlt haben muss.

Während ich mir Rossis Jerez-Darbietung von der TV-Kommentatoren-Kabine aus angeschaut habe, habe ich mich nach 1996 zurückversetzt gefühlt, als er das erste Mal auf sich aufmerksam gemacht hat.

Die Unstimmigkeiten und die Spannung vom Ende der Saison 2015 hinterliessen bei Rossi nur Verachtung für Lorenzo und Márquez.

Die Misshandlung der beiden durch den Evergreen in Jerez muss sich besonders süss angefühlt haben.

Neben einem triumphalen Rossi stehen zu müssen, der ihnen auf dem Podium in ihrem Vaterland die Show stiehlt, muss die bitterste Pille gewesen sein, die Lorenzo und Márquez je schlucken mussten.

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