Audi-Chef Gernot Döllner über Ziele, Fahrer, V8-Motoren, Deutschland-GP
Der Audi-Vorstandsvorsitzende Gernot Döllner (57) zieht am Madring eine zweite Zwischenbilanz des Formel 1-Projekts und spricht auch über die Zukunft des Grossen Preises von Deutschland.
Zweite Journalistenrunde mit Gernot Döllner im Rahmen eines Formel-1-GP. In Monte Carlo hatte der Audi-Vorstandsvorsitzende über den Stand der Dinge beim F1-Projekt erstmals gesprochen.
Damals sagte der Niedersachse: «Alles in allem sind wir mit unserer gegenwärtigen Position sehr zufrieden. Wir sind angetan von der Leistungsfähigkeit des kompletten Autos und auch davon, dass wir im Mittelfeld mitmischen. Unser Ziel für das erste Jahr besteht darin, im Zentrum des Mittelfelds zu liegen. Wir haben einen Fünfjahresplan bis 2030, und in der ersten Saison liegen wir damit auf Kurs.»
Herr Döllner, Sie haben Anfang Juni in Monaco eine erste Zwischenbilanz gezogen zum Formel-1-Programm. Nun haben wir September und sind in Madrid. Was hat sich seither verändert? Wir sind weiter auf gutem Weg, ich bin sehr zufrieden damit, wie sich das Team entwickelt. Wir hatten uns ja ein klares Ziel gesetzt, und wir erreichen derzeit genau, was wir uns da vorgenommen hatten, also eine stetige Entwicklung. Man muss beim Aufbau eines neuen Teams erst mal in der Formel 1 ankommen.
Sie haben im vergangenen Juni gesagt: Wir würden am liebsten beim Verhältnis Verbrenner-Elektrik 50:50 bleiben. Das wird nicht passieren. Was bedeutet das für euren Lernprozess? Wir sind technologisch dazu in der Lage, was immer da an Optionen diskutiert wird, diesen Weg mitzugehen und uns zu entwickeln. Wir haben ja auch bewiesen, dass wir aus dem Stand dazu fähig sind, eine solide Antriebseinheit zu bauen. Das haben auch die FIA-Messungen gezeigt. Natürlich machen wir kein Geheimnis daraus, dass wir da Boden gutmachen müssen.
Welchen Schritt haben Sie sich für die Antriebseinheit 2027 vorgenommen? Wir haben gesagt: Die ersten beiden Jahre wollen wir Herausforderer sein und müssen viel lernen. Wir wollen uns nach vorne arbeiten. Wir wollen, dass die Aufwärtskurve stimmt und wir merken, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Wir wollen in der Konstrukteurs-WM vorrücken. 2028 wollen wir um Podestplätze mitreden, ab 2030 wollten wir bei der Vergabe des WM-Titels ein Wörtchen mitreden können, dieser Plan steht.
So mancher GP-Fan fragt sich: Was bedeuten die Volkswagen-Sparpläne für das Formel-1-Programm von Audi? Wir haben uns sehr gründlich auf die Formel 1 vorbereitet und das Projekt mit einer soliden Finanzierung aufgestellt und mit einem Partner. Unser Geschäftsplan wird noch in diesem Jahrzehnt den Kostendeckungspunkt erreichen. Wir folgen dabei unserem Plan und sehen keinen Grund, etwas daran zu ändern. Wir erkennen viel Interesse von weiteren potenziellen Partnern, aber wir werden immer die Kontrolle über das Team bewahren. Man kann Formel 1 zwar im demokratischen Führungsstil machen, aber dann wird man nie schnell genug sein. Die Partner müssen das Vertrauen in uns haben, dass wir uns alleine um den Rennstall kümmern.
Wir müssen schlank und agil sein. Und da gibt es auch durchaus Parallelen zur Serie. Unser neuer Sportwagen Nuvolari ist ebenfalls in einem kleinen Team entstanden, das extreme Entwicklungs-Freiheit hatte. Nur in gewissen strategischen und finanziellen Punkten wurde das gegen oben immer wieder abgestimmt. F1-CEO Mattia Binotto und Sportchef Allan McNish wissen genau, wie sie vorgehen müssen. Sie müssen das alleine tun können.
Ich habe das auch anders erlebt – dass sich Motorsport-Teams am Montag nach einem Rennen beim Vorstand erklären mussten, was da am Sonntag passiert ist. Das ist reiner Zeitverlust. Das entspricht nicht meinem Führungsverständnis.
Wie steht Audi zur Art und Weise, wie ADUO angewandt wird? ADUO hat das ergeben, was wir erwartet hatten, das ist in Einklang mit unseren Berechnungen und darauf basierend arbeiten wir auf die Saison 2027 hin.
Sind die Pläne von FIA-Chef Ben Sulayem, ab 2030 mit V8-Saugmotoren fahren zu wollen, ein rotes Tuch für Audi? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Wir befinden uns in einem guten Dialog mit der FIA und den anderen Motorherstellern, da liegen verschiedene Ideen auf dem Tisch, und am Ende wird ein vernünftiger Vorschlag herauskommen. Der Kraftstoff bleibt nachhaltig, das ist uns wichtig. Das wäre für uns dann schon eine rote Linie, aber das steht nicht zur Diskussion. Die Emotionalität – also wie präsent sind die Motoren akustisch – spielt natürlich auch eine Rolle. Dessen sind wir uns bewusst.
Wie sehr zufrieden seid ihr mit dem visuellen Auftritt des Formel-1-Teams? Kommen da Veränderungen auf uns zu? Nein, da wird man sich nicht umgewöhnen müssen. Wir werden uns natürlich entwickeln. Unser Auftritt im GP-Sport geht ja auf Massimo Frascella zurück, unseren leitenden Kreativ-Chef, der auch hinter dem Nuvolari steht. Wir werden den Weg der grossen Klarheit weitergehen, bei Farb- und Formensprache.
Wie wichtig ist es, mit Nico Hülkenberg einen deutschen Fahrer zu haben? Es ist ein Glücksfall, dass wir einen so erfahrenen Mann wie Nico zu haben, der auch noch Deutscher ist. Natürlich spielt das global eine nicht so wichtige Rolle, aber gerade innerhalb der Firma ist das sehr wichtig. Das sehen wir auch daran, welche Signalwirkung unser Engagement in der Formel 1 für unsere deutschen Audi-Kunden hat und in den Audi-Werken. Es fällt auf, wie viele Mitarbeiter da Team-Bekleidung tragen, die Identifikation ist hoch, und klar hilft es da, einen deutschen Fahrer zu haben. Aber unterm Strich muss ein Pilot von der Art her zu uns passen, und wir werden uns immer an der Leistungsfähigkeit und am Fahrermarkt orientieren. Ich habe es schon ein paar Mal gesagt – wir sind extrem happy mit Hülkenberg und Bortoleto, die beide am gleichen Strang ziehen, zum Wohle des Formel-1-Rennstalls von Audi.
Einen deutschen Fahrer habt ihr, einen deutschen Grand Prix haben wir keinen. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir die Formel 1 eines Tages wieder einen Grand Prix in Deutschland haben. Das wäre ein starkes Zeichen des Aufbruchs. Eine solch globale Plattform wieder in Deutschland zu sehen und zu zeigen, wozu unser Land in der Lage ist, das wäre wirklich schön. Als Hersteller können wir unseren Beitrag leisten, indem wir Teams an den Start bringen, aber es müssen sich Andere finden, eine solche Veranstaltung aufzubauen. Eine finanzielle Beteiligung ist nicht geplant. Mercedes-CEO Ola Källenius hat das letztlich sehr schön gesagt: «Wir sind als Teams die Schauspieler, das Theater müssen Andere bauen.»
Aber wir sind hier auf dem Messegelände IFEMA in Madrid, und gerade heute Morgen habe ich Gespräche darüber geführt, wie das in Deutschland klappen könnte. Klar stehen bei einer Rückkehr des Deutschland-GP die bestehenden Rennstrecken im Vordergrund, aber für mich wäre es durchaus ein Denkraum, sich auch eine Lösung wie hier in Madrid zu überlegen.
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