Formel-1-Fahrer-Präsident Alex Wurz zur Kritik am neuen Reglement
Alexander Wurz, Präsident der Fahrervereinigung GPDA, sprach mit SPEEDWEEK.com über die Kritik am neuen Formel-1-Reglement, die Gespräche zur Verbesserung der Regeln und über Max Verstappen.
Die Meinungen zur neuen Formel 1 gehen auseinander – bei Aktiven genauso wie in der Fangemeinde. Was sagt der Präsident der Fahrervereinigung GDPA dazu? SPEEDWEEK.com fragte bei Alexander Wurz nach.
Wurz: «Für fast alle schwierig»
Der 52-jährige frühere Formel-1-Pilot bemerkt vorweg: «Es wurde auch über die Autos der letzten Jahre von manchen Fahrern geschimpft, aber alle waren sich einig, dass es die schnellsten waren, vor allem im Qualifying-Trim. Die gingen wirklich schnell um die Ecke. Jetzt werden Alpha-Tiere aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen und müssen sich komplett umstellen. Das ist für fast alle sehr schwierig. Dazu wird jedes Wort auch umgedreht und aus dem Zusammenhang gerissen, was dann die vielen negativen Schlagzeilen ergibt.»
Reglement ambitioniert
Wurz erklärte: «Das neue Reglement ist durchaus ambitioniert, vor allem was das Energiemanagement betrifft. Dazu kommt, dass die Saison in Melbourne losging, und auf dieser Strecke ist das Thema Energie noch kritischer. Diskussionsstoff ist also genug gegeben. Dann gibt es Teams, die sich besser auf die neuen Regeln einstellten und manche, die das nicht so schafften. Für letztere ist die Situation also nochmals schwieriger.»
Dann kam Wurz auf den viel diskutierten Unfall von Oliver Bearman in Suzuka zu sprechen, der bei einem Überholmanöver gegen Franco Colapinto die Kontrolle über seinen Haas-Boliden verlor und heftig einschlug.
Wurz: «Dazu kommen dann noch Überraschungsmomente wie bei Colapinto und Bearman, weil der Geschwindigkeitsunterschied durch unterschiedliches Energiemanagement 50 oder 60 km/h ausmachte und zu einem heftigen Unfall führte. Die erste Aufregung um das neue Regelwerk hat sich wohl gelegt, aber Emotionen sind noch immer im Spiel.»
Wurz: Wird einen Verbesserungseffekt geben
Was sollte also getan werden, was kann getan werden? Wurz ist sich sicher: «Es wird einen Verbesserungseffekt bei den Teams geben. Wir wissen, dass wir keine Energieüberschüsse mitten auf der Geraden oder gar im Regen haben sollten, wenn keiner gute Sicht hat. Es ist auch eine Sache der Gewöhnung für die Fahrer. Wir haben doch auch richtig interessante Manöver gesehen und taktisches Rennfahren – wie wir es im WEC (Langstrecke, Anm.) gewohnt sind. Der Unterschied ist aber, wenn ein WEC-Fahrer 200 Meter vor der Kurve vom Gast geht, verliert er fünf oder zehn km/h, ein Formel-1-Pilot aber 50.»
Annäherung von Formel 1 und Formel E? Wurz widerspricht
Wurz widerspricht heftig auf die Frage, ob sich die Formel 1 nicht doch der Formel E annähert, in der «Energiesparen» zum Konzept gehört: «Der Motorsport versucht energieeffizient zu sein – nicht, weil wir Sprit sparen wollen, sondern um schneller zu sein. Für die Piloten ergibt sich jetzt die Situation, öfter überholt zu werden, weil der Konkurrent in diesem Moment mehr Energie abrufen kann. Es will aber keiner gern überholt werden. Und wenn doch, muss er sich rechtfertigen. Keiner will als schlechter Rennfahrer gelten, denn das würde ihn vielleicht sogar den Arbeitsplatz kosten. Also wird er sagen, der andere war energiemäßig im Vorteil, er hätte nichts machen können. Es wird noch eine Zeit dauern, bis alle Systeme gleich effizient sind, wenn gleichzeitig Energie gespart wird, dann wird es die großen Unterschiede nicht mehr geben.»
Wurz bleibt auch in diesem Thema entspannt: «Wir alle brauchen noch Zeit, um die Neuerungen zu verdauen. Die Formel 1 muss sie optimieren, die Teams werden sich mit Fortdauer annähern. Die WM ist noch nicht frühzeitig für Mercedes gelaufen. Jeder kann einmal einen falschen Schritt machen und ein anderer zwei richtige, schon ist die Lage anders. McLaren hat gezeigt, wie schnell es von Enttäuschung zum Aufholen und Verstehen gehen kann.»
So laufen die Gespräche zum Reglement
Schließlich kann der Niederösterreicher bestätigen: «Die Fahrervereinigung ist ständig in Kontakt und Gesprächen mit der FIA und der Formel 1, um hinter den Kulissen konstruktives Feedback zu geben. Wir wollen das aber aus den Medien heraushalten. Wir alle versuchen auszuloten, welche Möglichkeiten wir haben, das Reglement in puncto Performance, Sicherheit, Sport zu optimieren. Klar gibt es dazu immer unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen. Und es müssen auch Streckenspezifika, Unterschiede zwischen Qualifying und Rennen usw. einbezogen werden.»
Den aktuell prominentesten F1-Reglement-Kritiker Max Verstappen verteidigt der Herr Fahrerpräsident: «Der Max ist immer geradlinig, sagt seine Meinung. Ich habe jede Menge Respekt für ihn. Mit seiner Kritik teilt er seine Sorgen mit. Er will gehört werden. Er will damit aber auch dem Sport helfen. Mit seinem neuen Faible für den Nürburgring und die Langstrecke ist Max nicht allein, Alonso hat es ja schon vorgelebt. Le Mans ist für alle interessant und erstrebenswert. Ich finde es cool, dass er die Möglichkeit hat, Langstrecke im GT zu fahren. Ich vermute mal, Max ist damit nicht allein. Das wollen wohl einige Kollegen auch.»
Steht also nach dem Hersteller- auch ein Promifahrerboom im World Endurance Championship bevor? Man wird sehen…
Schon gesehen?
Newsletter
Motorsport-News direkt in Ihr Postfach
Verpassen Sie keine Highlights mehr: Der Speedweek Newsletter liefert Ihnen zweimal wöchentlich aktuelle Nachrichten, exklusive Kommentare und alle wichtigen Termine aus der Welt des Motorsports - direkt in Ihr E-Mail-Postfach